Es geht auf Mittag zu im Wellblechpalast. Die Eisbären Berlin machen Feierabend. Anderthalb Stunden haben sie trainiert. Es war wieder einmal eine anspruchsvolle Zeit. Alle Eishockeyprofis verlassen die von ihren Kufen zerschrammte Fläche. Alle, bis auf zwei: Lukas Reichel, das 17 Jahre alte Talent. Und ein arrivierter Kollege, 26 Jahre alt und neu bei dem Berliner DEL-Klub: Leonhard Pföderl. Die beiden machen Zielübungen, schießen aufs Tor, aufs Tor, aufs Tor, immer wieder. Erst die Eismaschine zwingt sie in den Feierabend. Die rollt an jedem Tag gegen zwölf Uhr heran, um den Untergrund glatt zu ziehen. Noch so eine Sache, an die sich Leonhard Pföderl inzwischen gewöhnt hat.

Der 1,83 Meter große Stürmer aus Bad Tölz ist ein gutes Beispiel dafür, was es bedeutet, einen Eishockeyprofi in ein Mannschaftsgefüge zu integrieren. Dafür, dass es nicht reicht, Spielsysteme zu erklären, die Philosophie des Trainers zu vermitteln, in Worten. Obwohl Serge Aubin auch das getan hat. Der Trainer lässt einen offensiven Stil praktizieren, das ist Pföderl klar gewesen, als er vor dieser Saison von den Nürnberg Ice Tigers nach Berlin gewechselt ist. Das Wissen jedoch in die Praxis umzusetzen, ist etwas anderes.

„Ich muss jetzt deutlich mehr nach vorne arbeiten“, sagt Pföderl, und als er das so sagt, am Rande der Eisfläche, auf seinen Schläger gestützt, klingt das erst einmal merkwürdig. Arbeitet ein Stürmer nicht grundsätzlich nach vorne? „Früher“, erzählt der Bayer, wobei sein Dialekt durchklingt und die Herkunft verrät, „in Nürnberg war ich es gewohnt, dass für mich gearbeitet wurde. Dass ich darauf warte, Chancen zu kriegen.“ Die offensive Ausrichtung der Eisbären, die blitzartigen Vorstöße, erfordern von Pföderl ein Umdenken: „Jetzt ist es so, dass man Vollgas drauf muss.“ Er sagt: „Drrrrauf.“

Erstes Tor im vierten Spiel

Das angestrebte Tempo hat die Auswahl des Personals beeinflusst. Pföderl trauten die sportlich Verantwortlichen bei den Eisbären zu, ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Der Stürmer sagt: „Ich gewöhne mich gerade dran.“ Am vergangenen Sonntag im Spiel in München hat er seinen ersten Treffer im Trikot der Berliner erzielt. „Ich habe vier Spiele gebraucht“, sagt er, „das finde ich eigentlich ganz okay.“ Zumal er ein paar Mal nur an Torpfosten oder Torlatte gescheitert war. In der Partie gegen die Kölner Haie etwa. „Ein, zwei Minuten ärgere ich mich darüber, aber dann ist es auch wieder gut“, sagt Pföderl. „Außerdem haben wir das Spiel dann ja trotzdem gewonnen.“ 3:2 hieß es am Ende.

In der Tabelle liegen die Eisbären nach zwei Siegen und zwei Niederlagen auf dem zehnten Platz. Am heutigen Donnerstagabend treten sie beim Tabellensiebten Adler Mannheim an, was ihnen Gelegenheit zu einer weiteren Steigerung gibt. Ganz am Anfang, sagt Pföderl, „da wussten wir noch nicht recht, wie wir es anstellen.“ Zuletzt beim bisher unbesiegten Spitzenreiter München lieferten er und seine Teamkollegen eine ansehnliche Leistung ab. Nur das Ergebnis passte nicht dazu (2:4).

In Unterzahl taten sich die Eisbären schwer, was Pföderl zu diesem Zeitpunkt erklärlich findet: „Wenn die Münchner ihr Powerplay aufziehen, dann wird es schwer.“ Allerdings standen sich die Gäste auch selbst im Weg. Die hohe Foulbelastung setzte ihnen zu. „Das eine oder andere Foul hätten wir uns sparen können“, meint Pföderl. Doch die Saison ist noch jung, die Integration noch nicht abgeschlossen.

Mit Bus und Bahn durch die Stadt

Dass sich Pföderl akklimatisieren wird, daran haben Coach Aubin und sein Stab keinen Zweifel. Sie haben den Stürmer mit Bedacht ausgewählt, haben um ihn gekämpft und sich durchgesetzt gegen die anderen Interessenten aus München, Mannheim und Köln. Sie wissen um die Qualität des Profis, der vergangene Saison in 48 DEL-Partien 23 Tore erzielte und zwölf Vorlagen gab. Unter anderen taktischen Vorzeichen zwar, aber dennoch statteten die Eisbären Pföderl mit Vertrauen und einem Vertrag über drei Spielzeiten aus.

Er kann sich also längerfristig einrichten in seiner neuen Stadt, in der er sich mit Bus, Bahn und Fahrrad bewegt. Nur zur Arbeit, zum Training in Hohenschönhausen, kommt er mit dem Auto. So auch diesmal, als mittags wie immer die Eismaschine den Feierabend einläutet. Pföderl gleitet an den Spielfeldrand, wo eine Schulklasse auf ihn wartet, Autogramme wünscht, Selfies macht. Geduldig erfüllt der Profi die Wünsche der jungen Fans.

Weiter hinten öffnet sich ab und zu die Tür zur Umkleidekabine. Spieler verlassen den Wellblechpalast. Die Eismaschine brummt. Noch ein paar Runden, dann ist hier endgültig Schluss für heute.