Eine Generalprobe ist in der Theaterregel eine erstmals ohne Unterbrechung ablaufende Probe vor der großen Premiere. Alle Rollen sind längst vergeben. Was jetzt nicht passt, kann eigentlich nicht mehr passend gemacht werden. Beim Fußball ist es etwas anders. Eine Generalprobe, wie sie Hertha BSC am Sonnabend gegen den CFC Genua 1893 aufgeführt hat, gegen den immerhin Vorjahressechsten der Serie A, kann Protagonisten noch zu Statisten machen – und umgekehrt. Nach dem 0:2 (0:1) muss man sagen: Es bleibt ja noch eine Woche bis zur großen Pokalpremiere in Bielefeld.

Nach vier Minuten erhob sich Pal Dardai zum ersten Mal von seiner Trainerholzbank, um seinen rechten Außenverteidiger Peter Pekarik noch einmal höflich zu erinnern, was sie in den vergangenen Wochen geübt haben, nämlich: Dass die neue Hertha das Spiel über die Mitte aufbaut, erst dann soll der Ball nach außen gespielt werden. Zwei Minuten später, als Dardai weitere Erinnerungsmeldungen an seine Mannschaft verschickte, stand es 0:2. Der erste Schuss des Spiels und gleichzeitig auch der letzte der Italiener in der ersten Halbzeit war strammer als Max in die linke Torecke geflogen. Nach elf Minuten hat sich Pekarik übrigens wieder erinnert, dass die alte Hertha im sonnenüberfluteten Jahnsportpark und vor 5823 Zuschauern nichts zu suchen hat: erster Ball in die Mitte, zweiter nach außen, aber leider zu lang. Von Dardai gab es trotzdem Applaus. Hinterher sagte er: "Es ist alles nach Plan gelaufen." Natürlich mit Einschränkung: "Bis dreißig Meter vor dem Tor." Echte Kritik gibt es selten nach der finalen Probe.

Was sie noch zuletzt trainiert haben, das sind kurze Ecken. Doch schon der erste Versuch geriet zu lang, der erhoffte Raumgewinn war dahin. Und das passte irgendwie zur ersten Halbzeit. Sie hatten alle fleißig ihren Spieltext gelernt, aber das Lampenfieber konnten sie noch nicht ablegen. Jens Hegeler (knapp), Valentin Stocker (schlecht getroffen) und Per Skjelbred (gut gehalten) probierten es dann wenigstens aus der zweiten Reihe. Dafür gab es ein kollektives Ha! Ho! He! von der Tribüne. Pause. Pausenfazit: Hertha hatte wenig vom vielen Ballbesitz.

Irgendwas Motivierendes muss Dardai seinen Spielern gesagt haben in der Kabine. Jedenfalls begannen sie den zweiten Akt in Premierenform. Der für Roy Beerens eingewechselte Nico Schulz, Salomon Kalou und Hegeler vergaben jeweils gute bis sehr gute Chancen im Minutentakt. Der andere Eingewechselte, John Brooks, der Fabian Lustenberger in der Innenverteidigung ablöste, schaute sich das erst mal in Ruhe an. Er war ja lange weg, vier Wochen, mit den USA beim Gold Cup. Doch nach zehn Minuten war die Kabinendosis Motivation aufgebraucht. Dann kamen die Statisten Alexander Baumjohann, Genki Haraguchi, Johannes Van den Bergh, Maximilian Mittelstädt und Florian Kohls für die Protagonisten Hegeler, Stocker, Sebastian Langkamp, Marvin Plattenhardt und Vladimir Darida. Von einer kurzfristigen Umbesetzung der Stammrollen wird Dardai wahrscheinlich absehen.

Der Rest ist schnell erzählt. Zehn Minuten vor Schluss waren sich Brooks und Pekarik zwar einig darin, dass sie sich uneinig waren, wer sich wie und wo um Gegner und Ball kümmern soll, half aber nichts, es fiel das zweite Tor für Genua, mit dem dritten Schuss. Der vierte ging fünf Minuten später an die Latte, was insgesamt das Chancenverhältnis in die Nähe der Ausgeglichenheit brachte. Die ersten Fans gingen danach nach Hause. Die Italiener sangen noch ein bisschen. Und auf der Trainerholzbank legte mindestens einer sein Gesicht in Falten. Abpfiff. Letzte Probe zu Ende.