Lewan Kobiashwili bei seinem Abschied von Hertha BSC 2014.
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Berlin-CharlottenburgEinen Präsidenten mit seinem Spitznamen anzusprechen, ist wahrscheinlich nur im Fußball möglich. „Kobi!“ rief ich also ins Telefon, als der Präsident des Georgischen Fußball-Verbandes, Lewan Kobiaschwili, aus dem fernen Tiflis am Handy war: „Ja, hier Kobi, wie geht es Dir?“, antwortete er. Nun muss man dazu sagen, dass ich den Rekord-Internationalen von Georgien (100 Länderspiele) während seiner vier Jahre als Hertha-Profi hautnah begleiten konnte. Den Kontakt ließ ich später nie abreißen. Kobi, 42, ist seit Oktober 2015 der Fußball-Boss der Georgier. Gleich mehrere Gründe hatten mich bewogen, ihn gerade in dieser Woche anzurufen.

Nachdem Hertha das erste Spiel unter Trainer Jürgen Klinsmann mit 1:2 gegen Borussia Dortmund verloren hatte, war das Team auf Relegationsplatz 16 abgerutscht und befindet sich nach dem 2:2 in Frankfurt noch immer in der Abstiegszone. Sofort erinnerte ich mich an schlimme Szenen, in denen auch Kobiaschwili eine Hauptrolle spielte. Kobi musste mit Hertha BSC im Mai 2012 die Relegation gegen Fortuna Düsseldorf spielen. Nach einem 1:2 im Olympiastadion und dem skandalösen 2:2 in Düsseldorf stieg Hertha mit Getöse ab. Im Tohuwabohu nach dem Platzsturm der entfesselten Fortuna-Fans war Kobiaschwili mit Referee Wolfgang Stark aneinandergeraten. Der behauptete, geschlagen worden zu sein. Kobi, als fairer Spieler bekannt, bekam die längste Sperre, die je im deutschen Profifußball ausgesprochen wurde. Er musste vom 4. Juni bis 31. Dezember 2012 seinen Teamkameraden tatenlos zusehen.

„Nein“, sagt Kobi jetzt am Telefon, „die heutige Hertha-Mannschaft muss 2020 sicherlich nicht in die Relegation. Hertha wird bald aus dem Tabellenkeller nach oben klettern. Das Potenzial ist groß und Jürgen Klinsmann wird es wecken.“ Kobi hat die beiden letzten Duelle gegen Dortmund und Frankfurt am Fernseher verfolgt. „Meine Eindrücke waren positiv, das geht in die richtige Richtung. Das Team hat wieder Feuer.“

Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Nun kommt am Sonnabend ausgerechnet der SC Freiburg ins Olympiastadion. Hertha will mit einem Sieg weiter der Abstiegszone entkommen. Lewan Kobiaschwili aber erlebte einst in Freiburg eine wunderbare Zeit als Profi, ehe er zu Schalke 04 und später zu Hertha wechselte. Beim SC war er Ende der Neunzigerjahre zum Publikumsliebling aufgestiegen und gehörte zur berühmten Fraktion der „Breisgau-Wilis“.

Zusammen mit Aleksandre Iaschwili, Lewan Zkitischwili und dem Deutschen Tobias Willi (welch ein Zufall!) verzauberten sie die Liga. Die Freiburger Fans hängten beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung als Zeichen der Wertschätzung für die Georgier auch bei den anderen SC-Profis ein „Wili“ an, etwa: „Richard Golz-Wili“ oder „Andreas Zeyer-Wili!“ Kobi lobt: „Die machen seit Jahren einen unglaublich guten Job mit geringen finanziellen Mitteln. Der SC Freiburg ist in Georgien seit meiner Zeit viel populärer als der FC Bayern.“

Herthas Anhänger können Kobi bald wiedersehen. Er wird am 11./12. Januar 2020 beim Hallenmasters in der Schmelinghalle auflaufen. 2016 wählten ihn die Fans gar zum Publikumsliebling des Turniers. Er ist dieses Mal für das Team von Dinamo Tiflis gemeldet, in dem sage und schreibe sechs ehemalige Profis mit „wili“ am Ende des Nachnamens stehen. Kobi aber möchte wie immer für Herthas Traditionelf auflaufen. „Tiflis“, sagt er, „ist auch ohne mich sehr stark.“ Das nennt man Vereinstreue.