Elf Tore hat Robert Lewandowksi in der Königsklasse in dieser Saison schon bejubeln dürfen. 
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BerlinZur Einstimmung auf den Wiederbeginn der Champions League gibt es auch ein Video von Robert Lewandowski. Zu sehen sind darin alle elf Tore, die er für den FC Bayern in seinen sechs Einsätzen dieser Saison in Europas Eliteliga erzielt hat. In jedem Spiel hat er getroffen, und wer das Video aufmerksam verfolgt, erkennt seine Vielseitigkeit. Mal setzt Lewandowski nach und stochert, mal vollendet er wuchtig aus der Drehung, mal schiebt er mit rechts ein, mal staubt er mit links ab. Außerdem spitzelt er kunstvoll wie ein Kampfsportler, hält seinen Außenrist in eine Flanke, guckt den Torwart beim Elfmeter aus, trifft per Kopf. Nur ausnahmsweise braucht er mehr als einen Kontakt, wenn er den Ball mit links annimmt und mit rechts einschiebt. „Er ist der weltbeste Stürmer auf der Neun“, sagte Bayerns Cheftrainer Hansi Flick im Verlauf dieser Saison, „er ist vor dem Tor der kompletteste Spieler und hat alles, was man als Stürmer braucht.“

Die Fachwelt weiß längst, dass Lewandowski über herausragende Fähigkeiten verfügt. Die ganz große Anerkennung wurde dem 31 Jahre alten Polen im Weltfußball aber bisher nicht zuteil. Das liegt auch daran, dass er stets im Schatten jener stand, die auch für Laien zweifelsfrei als Hochbegabte zu erkennen sind und zudem viel präsenter, weil ihnen die Medien noch weitaus mehr Aufmerksamkeit widmen, auch wegen ihrer Arbeitgeber. Lionel Messi, 33, vom FC Barcelona und Cristiano Ronaldo, 35, lange bei Real Madrid und seit zwei Jahren bei Juventus Turin, gelten seit mehr als einem Jahrzehnt als das Nonplusultra der Kickerbranche. Das schlug sich auch in der Wahl des Weltfußballers nieder, die Messi und Ronaldo seit 2008 mit Ausnahme von 2018 (Luka Modric) unter sich ausmachten. Für den weniger glamourösen Lewandowski reichte es bei der Kür stets nur für eine kleine Nebenrolle, trotz seiner seit Jahren bemerkenswerten Torquote. Er ist ein König ohne Krone.

Umso ärgerlicher war für Lewandowski zuletzt, dass die Vergabe des Ballon d’Or wegen Corona abgesagt wurde. Und wie mit dem Goldenen Ball wurde es auch mit dem Goldenen Schuh für Europas Top-Torjäger nichts, weil der frühere Dortmunder Ciro Immobile für Lazio Rom 36 Ligatore in 37 Spielen erzielte. Lewandowski brachte es in 31 Ligaspielen auf 34, so viele wie zuletzt Dieter Müller in der Saison 1976/77 für den 1. FC Köln. Lewandowski gesamter Ertrag aber sucht seinesgleichen. Mit seinem persönlichen Rekord von 51 Toren in 43 Pflichtspielen ist er europaweit führend, weshalb ihm diesmal eigentlich gute Chancen auf den Titel Weltfußballer zugerechnet wurden. Womöglich klappt das aber noch. „Wir prüfen verschiedene Optionen, in welcher Form wir etwas durchführen würden“, ließ die Fifa jüngst wissen, nachdem Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach dem abgesagten Ballon d’Or öffentlich interveniert und gesagt hatte: „Er spielt vielleicht die beste Saison seiner Karriere. Er hätte es in diesem Jahr verdient.“ Sollte Lewandowski ausgezeichnet werden, hätte diese Ehrung nun allerdings den Makel der Lobbyarbeit aus dem eigenen Verein. In jedem Fall sollen Europas und Deutschlands Fußballer des Jahres gekürt werden. Auch diese Titel bekam Lewandowski bisher nie.

Lewandowski sehnt sich nach Anerkennung im Weltfußball



Wenn der FC Bayern am Sonnabend (21 Uhr) den FC Chelsea nach dem 3:0 in London zum Rückspiel im Achtelfinale empfängt, nimmt Lewandowski aber vor allem die Jagd nach jenem Titel wieder auf, der auch für ihn einen höheren Stellenwert besitzt als jede persönliche Auszeichnung. Dass ihm eine Ehrung als Weltfußballer viel bedeuten würde, steht zwar außer Frage. Doch vor allem der Gewinn der Champions League würde ihm die bisher fehlende Anerkennung im Weltfußball einbringen. 2013, als der FC Bayern letztmals auf dem Weg zum Triple triumphierte, zählte Lewandowski im Finale zu Dortmunds Verlierern. Langsam muss er sich auch beeilen, wenn es für ihn noch etwas werden soll mit der Krönung in Europa. Am 21. August wird er 32 Jahre alt.

Umso mehr geht es für Lewandowski nun darum, kein König ohne Krone zu bleiben. Mit dem Titelgewinn würde er sein größtes Karriereziel erreichen. Zudem könnte er den Ruf abschütteln, die ganz großen Spiele nicht zu entscheiden. Für die Bayern gelangen ihm seit 2014 nur fünf Tore ab dem Viertelfinale, seit 2016 sogar nur zwei, darunter ein Elfmeter. Beim Turnier in Lissabon (12. bis 23. August) soll sich das ändern. Torschützenkönig der Champions League dürfte Lewandowski ohnehin werden, die Verfolger mit je sechs Toren sind sein Mitspieler Serge Gnabry und Neapels Dries Mertens. Messi und Ronaldo stehen bei je zwei, Erling Haaland (zehn) ist mit dem BVB ausgeschieden. Trifft Lewandowski noch einmal, stellt er mit dann zwölf Toren bereits Bayerns Bestmarke von Mario Gomez (2011/12) ein. Sogar Ronaldos Rekord von 17 Toren (2013/14) scheint denkbar. Mit Juves Glamourboy könnte es im Halbfinale zum direkten Vergleich kommen und zuvor im Viertelfinale mit Messi. Für Lewandowski wären auch das Chancen, sein internationales Standing auf ihre Stufe zu heben. Sogar ohne Weltfußballer-Titel.