Lewis Hamilton eckt an, auch mit der Wahl seiner Kleidung und dem Faible für Schmuck.
Foto: Scott Barbour/dpa

MelbourneEs kommt selten vor, dass Lewis Hamilton in der Luft hängt. Aber am letzten Freitagabend, als der momentan schnellste Rennfahrer der Welt planmäßig im Briefing mit den Renningenieuren von Mercedes hätte sitzen sollen, baumelt er, gehalten von nur einer Hand und einem Seil an einem Kletterfelsen in Melbourne. Der Saisonauftakt der Formel 1 abgesagt, vor allem auf Druck von Mercedes und von seinem Champion, da will er wenigstens noch einmal hoch hinaus.

Hamilton, der Fels, das klettern, das sind passende Synonyme. Der Brite stößt sportlich in Sphären vor, die für immer dem Rekord-Weltmeister Michael Schumacher vorbehalten zu sein schienen. Das letzte Renn-Jahrzehnt hat er dominiert wie kein anderer, das vor ihm liegende, wann immer es beginnen wird, will er im Duell gegen die nächste Generation ebenfalls für sich reklamieren. Aber es sind nicht nur die Taten hinter dem Lenkrad seines Silberpfeils, die den 35-Jährigen zum Regenten der Königsklasse machen, Hamilton hat auch sonst die Rolle des Primus übernommen.

Lewis Hamilton ist der Anführer, eine wahre Nummer eins

Das peinliche, angesichts eines positiv getesteten Mechanikers fast schon makabre Gerangel um die Absage des Großen Preises von Australien wäre munter so weitergegangen, hätte Lewis Hamilton nicht klar Stellung bezogen, die Wortwahl von „verwundert“ auf „schockiert“ gesteigert, und unter Kopfnicken seines hessischen Kollegen Sebastian Vettel angedroht, dass die Fahrer nicht zögern würden, Position zu beziehen. Da hat ein Mann, der für viele erst nur Musterschüler und dann hauptsächlich Paradiesvogel war, für ein neues Selbstverständnis und damit Selbstbewusstsein der Chauffeure gesorgt. Ausgerechnet beim Konzernrennstall Mercedes, bei dem er 2013 als Nachfolger von Michael Schumacher anheuerte, bekam Hamilton die nötigen Freiheiten, aus denen sich seine Emanzipation entwickelte. Anders als es das Image will, ist das Chauffeursdasein in der Formel 1 ein streng reglementiertes Leben, Meinungsäußerungen abseits der Marketingrichtlinien und der Kommentare zur Fahrzeugabstimmung sind nicht erwünscht.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck unendlich dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns nun also die Zeit: Für Geschichten, die allzu oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen müssen. 

In der Silberpfeil-Fraktion hatte Hamilton erst mit Niki Lauda und weiter mit Teamchef Toto Wolff zwei Chefs, die die zu Verbündeten wurden. Sie haben die Seele, die Emotionen, den Freiheitsdrang des talentierten Briten erkannt, verstanden, gefördert. Die lange Leine dankte er mit fünf Titeln in sechs Jahren des Hybrid-Reglements. Auch die radikale Umstellung auf vegane Ernährung mitten in der entscheidenden Phase einer Saison kein unriskantes Vorhaben, wurde toleriert. Bilanz: seit diesem Verzicht hat Hamilton 25 von 49 Rennen gewonnen. Und über den Rennwinter noch mal fünf Kilogramm abgenommen. Wenn es gerade keinen Gegner gibt, findet er ihn eben in sich selbst: „Man kann sich ein Limit setzen, oder man das eigene Bewusstsein erweitern.“ Das impliziert bereits seine Wahl, er nennt das dann: „Getting into the zone.“

50 Millionen Dollar pro Jahr

Markante Worte, ebensolche Taten und ein wohl dosierter Hang zum Narzissmus haben Hamilton zu dem gemacht, was man heute Marke nennt. Gelegentlich überstrahlt er dabei sogar die Marke Formel 1. Musiker und Modemacher umgeben sich gern mit ihm, nicht viele Rennfahrer taugen zu Showstars, die meisten ziehen sich lieber zurück. Hamilton hingegen sucht bewusst auch hier die Herausforderung, lässt sich auf eine Fragestunde mit David Letterman, glänzt in dessen Format „My next guest needs no introduction“ mit der Fähigkeit zur Reflexion und Eloquenz. Ja, er formuliert Sätze, die bleiben. Zum Beispiel: „Das Leben ist meine Inspiration. Es ist so viel Schönheit um uns herum, wir müssen sie nur entdecken. Außerdem machen wir alle so viele Erfahrungen, über die wir nachdenken sollten in der Zeit, die wir zur Verfügung haben. Ich kann also über die Beziehung zu meinem Vater, zu meiner Mutter, zu meinem Bruder schreiben. Über ein Mädchen, eines, das ich noch nie getroffen habe. Oder über die große Liebe, über eine Party, es gibt keine Grenzen.“

Die Rolle des Rebells, zumindest des Gegenentwurfs zum konventionellen Athleten, auch die steht Hamilton gut. Er spielt sie, und pokert damit sein Jahreseinkommen locker auf 50 Millionen Dollar hoch – das verdient kein anderer Brite im Sport. In der jetzt mindestens bei Mai verordneten Zwangspause der Formel 1 wird er mit Mercedes über einen Rentenvertrag verhandeln, wie gut, dass bei der von 2021 an geltenden Budgetdeckelung die Gagen für die Stars ausdrücklich ausgenommen sind. Dass ein Großverdiener dann mit dem süffisant hingeworfenen Satz „Cash is King“ als einzig vorstellbares Argument für das Festhalten am Saisonstart den Veranstalter in Melbourne und den Formel-1-Chef Chase Carey gleichermaßen unter Druck setzt, erscheint wie Doppelmoral. Aber da sind wir wieder bei den Freiheiten, die sich Lewis Hamilton nimmt.

Intakte Urinstinkte

Wenn er auf Instagram seinen Weltschmerz beklagt, wenn er sich als Galionsfigur der Automobilindustrie für die Reduzierung der Emissionen stark macht, immer dann macht er sich angreifbar. Er begegnet den Anfeindungen dann mit Demut, gelegentlich auch mit der gespielten Naivität eines Schuljungen – aber meistes macht er seinen Punkt, stößt eine Diskussion an. So hat er auch die Wichtigkeit der Rennfahrer wieder gestärkt, darin ist er sich sehr einig mit dem sonst völlig gegensätzlichen Rivalen Sebastian Vettel. Die beiden verbindet das schlichte Wörtchen „Respekt“, voreinander, vor dem gemeinsamen Tun. Die Australier müssten sauer sein, weil sie durch Hamiltons öffentlichen Tadel um den Straßenkarneval im Albert Park gebracht wurden. Sind sie aber nicht, oder nur zum Teil – denn vor dem Gang ist Fahrerlager hatte er Opfer der verheerenden Buschbrände besucht, und 500 000 Dollar für Hilfsorganisationen gespendet. Dass er den Widersprüchen einfach davonfährt, lässt sich nicht behaupten.

Ich liebe diese Autos, wie sie sich anfühlen, wie sie riechen, wie sie vibrieren.“

Lewis Hamilton

Dass er vor lauter Modeschauen und Trendsportarten seinen Hauptberuf vergisst, wie ihm es die konservativen Briten gern vorwerfen, auch nicht. Die Urinstinkte, die beim Besuch eines Freizeitparks im Alter von acht Jahren geweckt wurden, sind voll intakt: „Ich liebe diese Autos, wie sie sich anfühlen, wie sie riechen, wie sie vibrieren.“ Die good vibrations der Maschine überträgt sich auf den Menschen.

Die Zuverlässigkeit offenbar auch. Hamilton ist stets auf den Punkt topfit, weshalb es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis er Michael Schumacher nach Siegen (sieben fehlen noch) und Titeln (noch einen braucht er) einholt. Doch nicht Schumis Rekordmarken sind das, was Lewis Hamilton antreibt, sondern jene Londoner Vorstadtlehrer, „die mir immer einreden wollten, dass aus mir nie etwas wird. Das habe ich nicht vergessen.“

Sollte der Ehrgeiz tatsächlich einmal nachlassen, muss sich der erste farbige Formel-1-Champion nur vor dem Spiegel etwas drehen. Während nämlich auf seinen Brustkorb ein mächtiger Löwe tätowiert ist, schmückt den Rücken ein großes Kreuz mit der Inschrift „Still I rise“ – ich wachse noch.