IstanbulAuf der „Eisbahn“ von Istanbul ist Lewis Hamilton zur Schumacher-Marke getanzt. Der Engländer im Mercedes erteilte der gesamten Formel 1 beim Großen Preis der Türkei die nächste Lektion, gewann auch das verrückteste Rennen des Jahres – und ist nun Rekordweltmeister, endlich auf einer Stufe mit Michael Schumacher.

Erfreulich aus deutscher Sicht: Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel (Heppenheim) belegte in der Endphase einer für ihn enttäuschenden Saison Platz drei und stand damit 2020 zum ersten Mal auf dem Podest.

Hamilton hat seinen Vertrag noch nicht verlängert

Mit dem Sieg beim Regenrennen am Bosporus ist Hamilton der siebte WM-Titel schon drei Rennen vor Schluss nicht mehr zu nehmen – in der Königsklasse hat damit eine neue Ära begonnen. Nicht mehr Schumacher allein ist die ultimative Messlatte für folgende Rennfahrergenerationen, Hamilton steht auf Augenhöhe. Und kann den Rekord aller Rekorde in Zukunft sogar noch ausbauen – wenn er denn seinen auslaufenden Vertrag verlängert.

Der 35-Jährige gewann vor Sergio Perez im Racing Point, auf den Plätzen drei und vier sorgten Vettel und Charles Leclerc für das beste Ergebnis des gebeutelten Ferrari-Teams in dieser Saison. Valtteri Bottas, Hamiltons Teamkollege und bis Sonntagmittag letzter Titelkonkurrent, kam auf der rutschigen Strecke gar nicht zurecht, wurde vom Champion gar überrundet – Machtbeweis von Hamilton und Demütigung für Bottas zugleich.

Am Ende war es das gewohnte, erwartete Ergebnis, der Weg dorthin war allerdings höchst turbulent und unterhaltsam. Dabei hatte vor dem Wochenende wirklich alles auf eine langweilige, vorhersehbare Krönungsmesse für Hamilton hingedeutet. Der Engländer musste ja kaum noch Großes leisten für den vorzeitigen Triumph, so deutlich war der Vorsprung auf Bottas. Doch schon mit dem ersten Training am Freitagmorgen deutete sich an, dass die Strecke in der Türkei mit all ihren Unzulänglichkeiten an diesem Wochenende ein echtes Geschenk für die Formel 1 war.

Denn der Istanbul Park Circuit war nach vielen Jahren ohne großen Sport nur wegen Corona sehr kurzfristig in den Kalender gerutscht, der marode Asphalt musste daher vor wenigen Wochen erneuert werden – und war an diesem Wochenende noch entsprechend voll mit Schmierstoffen, ölig und rutschig.

Das ungewöhnlichste Qualifying des Jahres

Hamilton fand den Zustand der Strecke schon zum Auftakt „erschreckend, Shit mit großem S“, sagte er lachend. Und Verstappen unkte: „Wenn es Regen gibt, dann brauchen wir hier Spikes oder so etwas.“ Und dann kam jede Menge Regen.

Das Qualifying wurde zum ungewöhnlichsten des Jahres, nur die Racing Points und die Red Bulls funktionierten ordentlich, Lance Stroll fuhr zur ersten Pole seiner Karriere. Mercedes hatte dagegen Probleme, mehr als Startplatz sechs für Hamilton war nicht drin.

Bis hierhin war das kein Problem, schließlich landete Bottas als einziger Konkurrent nur auf Rang neun. Schon auf den ersten Metern des Rennens wurde aber deutlich, dass an diesem Sonntag alles möglich war.

Als die roten Ampeln ausgingen, schlingerten die Autos – ohne Spikes – in Richtung erste Kurve, zahlreiche Piloten kamen fast gar nicht vom Fleck. Zu den Gewinnern des Starts gehörte Vettel, der von Rang elf auf Position vier vorschoss. Hamilton hielt sich im vorderen Feld, Bottas dagegen drehte sich im Getümmel und fuhr fortan weit hinten seine Runden.

Die Strecke wurde nun etwas trockener, und schon nach etwa zehn Runden hatten alle Piloten die Regenreifen gegen Intermediates getauscht. Die beiden Racing Points lagen weiter vorne, gefolgt vom Red-Bull-Duo, doch Verstappen nahm sich bald selbst alle Chancen: Ein zu gewagtes Manöver endete mit einer Pirouette, er fiel zurück.

Und so folgten auf Stroll, Perez und Albon nun Vettel und Hamilton. Und der Engländer scheiterte mit mehreren Angriffen. „Ich verliere hier so viel Zeit, ich komme einfach nicht vorbei“, funkte er genervt an die Box. Das war durchaus bemerkenswert, schließlich musste er ja gar nicht vorbei.

Bottas dreht sich von der Strecke

Denn Bottas hing weiter ganz hinten fest, drehte sich beim Versuch einer Aufholjagd sogar von der Strecke, war weit von den Punkterängen entfernt. Und Hamilton ließ es nun bald auch ruhiger angehen, um seine Reifen zu schonen.

Das sollte sich auszahlen. Nach und nach kamen die Piloten im letzten Renndrittel an die Box, holten sich neue Intermediates. Hamilton blieb draußen, rückte dadurch an die Spitze – und drehte nun mit den ältesten Reifen im Feld die schnellsten Runden. Allmählich wurde klar: Muss Hamilton nicht mehr an die Box, dann gewinnt er dieses Rennen. „Wie lange halten diese Reifen?“, fragte er seine Box, „die werden doch nicht platzen?“ Doch sie hielten, und Reifenflüsterer Hamilton raste mit einem nicht mehr erwarteten Sieg zum Rekord.