Berlin - Umhüllt mit der brasilianischen Nationalflagge genoss Lewis Hamilton sein spektakuläres Comeback im WM-Zweikampf mit Max Verstappen. Im Thriller von São Paulo schlug der wild entschlossene Mercedes-Pilot zurück und vereitelte eine Titelentscheidung in Katar. Nach einem elektrisierenden Rad-an-Rad-Duell mit dem niederländischen WM-Spitzenreiter verkürzte Hamilton seinen Rückstand in der Formel-1-Fahrerwertung auf nur noch 14 Zähler.

Der Engländer trotzte zwei Strafen und feierte nach einer grandiosen Aufholjagd in Interlagos seinen sechsten Saisonsieg vor Verstappen. „Man darf nie aufgeben, egal was passiert“, betonte der 36-Jährige und bedankte sich in Landessprache beim frenetischen Publikum: „Obrigado!“ Red-Bull-Fahrer Verstappen konnte dem Ansturm des nur von Platz zehn gestarteten Hamilton in der Schlussphase nicht mehr standhalten und wurde Zweiter. Auf dem Autódromo José Carlos Pace landete Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas auf Position drei. Sebastian Vettel wurde im Aston Martin Elfter. Haas-Fahrer Mick Schumacher schleppte sich nach einem frühen Crash als 18. über die Ziellinie.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff schimpfte indes über die Rennleitung, die ein Manöver Verstappens gegen Hamilton nicht ahndete. Es sei eine „absolute Sauerei, keine Strafe zu bekommen für das Rausdrängen“, schimpfte Wolff im TV-Sender Sky und hätte zumindest eine Fünf-Sekunden-Strafe befürwortet. Der Ärger für Hamilton ging aber auch nach seinem ersten Sieg seit Ende September in Sotschi weiter. Auf seiner Ehrenrunde öffnete er seinen Sicherheitsgurt vorzeitig. Formel-1-Piloten müssen jedoch während des gesamten Wettbewerbs in ihren Wagen ordnungsgemäß gesichert sein. Hamilton erhielt von den Rennkommissaren eine Strafe in Höhe von 5000 Euro. Eine weitere Geldstrafe von 20.000 Euro wurde bis Ende 2022 ausgesetzt.

Was für ein Wochenende in Brasilien! Erstmal die Akte Hamilton. Wegen nachlassender Motorenpower bekam der Dienstwagen des Engländers regelwidrig ein neues Aggregat. In der Qualifikation am Freitag ließ Hamilton seinen Kontrahenten Verstappen damit auch deutlich hinter sich, kassierte aber eine Fünf-Plätze-Strafe für das Rennen. Es kam für den 36-Jährigen noch heftiger. Wegen eines irregulären Heckflügels wurde er in der Startplatzjagd disqualifiziert. Der Abstand zwischen den beweglichen Klappen war Mercedes-Teamchef Toto Wolff zufolge gerade mal 0,2 Millimeter zu groß. „Es gibt jetzt nichts mehr zu verlieren“, verkündete der Österreicher und warf den Rennkommissaren fehlendes Fingerspitzengefühl vor. Furios raste Hamilton im Sprint von Rang 20 noch auf fünf.

Die Akte Verstappen. Der 24-Jährige berührte nach der Qualifikation den Heckflügel am Mercedes von Hamilton. Das ist im sogenannten Parc Fermé aber verboten. Die Geldstrafe von 50.000 Euro muss er selber begleichen, damit kann der Spitzenverdiener aber leben. Im Sprint sicherte er sich als Zweiter hinter Bottas im zweiten Mercedes zwei Zähler, seine WM-Führung wuchs nun auf 21 Punkte.

Und Verstappen gewann auch den Start beim Hauptrennen. In der ersten Kurve verdrängte er Bottas und gab an der Spitze Gas. Hamilton arbeitete sich von Platz zehn nach vorne, in Runde fünf befand er sich schon auf Position drei vorgearbeitet und war schneller als Verstappen. Eigentlich liegt Interlagos Red Bull wegen der Hitze und der Höhenlage, Mercedes-Fahrer Hamilton forderte Verstappen aber aufs Äußerste. In Runde 41 kam der 24-Jährige an die Box, ihm fehlten danach knapp 20 Sekunden auf den neuen Führenden. Drei Umläufe später steuerte Hamilton in die Garage, er setzte seine Jagd fort. Dann das Rad-an-Rad-Duell.

In Runde 48 konnte Hamilton außen fast vorbeiziehen, Verstappen ließ ihm aber keinen Platz. Beide Piloten rasten über den Randstein hinaus. Die Rennkommissare notierten den Vorfall, das Verteidigungsmanöver blieb jedoch ohne Untersuchung. Hamilton schnappte sich Verstappen doch noch – in Umlauf 59. Und machte das WM-Duell noch spannender.