Berlin - Für die Profis von Dynamo Kiew ist es ein Lichtblick in trüben Tagen, für Borussia Dortmund ein Akt der Solidarität. Beim Benefizspiel der beiden Teams am Dienstag (18 Uhr/ZDF) in Dortmund spielt das sportliche Geschehen auf dem Rasen nur eine untergeordnete Rolle. Die Gelegenheit, seinen vor dem Krieg in der Ukraine nach Rumänien geflüchteten Profis eine Abwechslung bieten zu können, weckt bei Mircea Lucescu mehr Emotionen als jede Champions-League-Partie. „Sie haben meist traurige Gesichter. Aber wir versuchen, sie mit solchen Spielen und mit Training ein wenig aufzuhellen“, sagte der Dynamo-Trainer voller Vorfreude.

In väterlicher Manier nahm der 76 Jahre alte Fußballlehrer die Mannschaft in seine Obhut. Dass sie bereits in den ersten Tagen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Quartier im nationalen Fußballzentrum Rumäniens nahe Bukarest beziehen konnte, war der Initiative des einstigen rumänischen Nationalspielers zu verdanken. „Auf keinen Fall hätte ich die Spieler in dieser schwierigen Lage allein zurücklassen können, als die Invasion begann“, sagte Lucescu dem ZDF.

Dortmund hat Dynamo Kiew sofort zugesagt

Mit Partien wie zuletzt gegen Legia Warschau, Galatasaray Istanbul und CFR Cluj oder nun gegen den BVB will der 16-malige ukrainische und 13-malige sowjetische Meister Spenden für die Kriegsopfer sammeln. Auf ähnlicher Benefiz-Mission befindet sich derzeit mit Schachtjor Donezk der zweite namhafte Klub des Landes. Die spontane Bereitschaft des BVB hinterließ bei Lucescu Eindruck: „Großartig von den Dortmundern. Sie waren die Ersten, die sofort und verbindlich zugesagt haben.“

Wladimir Klitschko, ehemaliger Box-Weltmeister und Bruder des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko, versuchte mit einer Videobotschaft an die BVB-Fans, den Kartenkauf zusätzlich anzukurbeln: „Meine Bitte: Kauft euch die Tickets, geht ins Stadion. Helft so der Ukraine.“ Der Appell aus Kiew und die Werbung der Dortmunder für die Partie zeigen Wirkung. Einen Tag vor dem Anpfiff waren bereits rund 25.000 Karten abgesetzt.

Der anstehende Besuch seiner Landsleute geht vor allem Alain Aussi nahe. Der 20 Jahre alte und von Dynamo Kiew an Veres Rivne verliehene Abwehrspieler floh in den ersten Kriegstagen nach Deutschland, hat bei einem BVB-Mitarbeiter Unterschlupf gefunden und hält sich derzeit im U23-Team des Bundesligazweiten fit. Doch der Jungprofi empfindet es in Tagen wie diesen als schwierig, sich „auf den Fußball zu konzentrieren“. Zu groß sind die Sorgen. „Zwei meiner besten Freunde sind an der Frontlinie. Ich versuche jeden Tag, sie zu kontaktieren, ob sie noch am Leben sind. Jeder Tag kann der letzte sein“, sagte Aussi.

Borussia Dortmund nimmt Zusatzbelastung gern in Kauf

Im Spiel gegen Kiew soll er als Gastspieler für den BVB zum Einsatz kommen. „Das ist eine besondere Motivation für mich, im Trikot von Borussia Dortmund aufzulaufen“, kommentierte er. Das Spiel könnte helfen, die Sorgen zumindest für kurze Zeit zu verdrängen: „Ich will meinem Land auf diese Weise helfen. Ich bin dem Klub und der Stadt sehr dankbar.“

Die Zusatzbelastung im Spiel gegen Kiew nur wenige Tage nach dem 1:3 im Bundesliga-Topspiel beim FC Bayern nehmen die Dortmunder Profis gern in Kauf. „Einfach weil wir alle mitfühlen und alle schwer geschockt sind. Nicht nachvollziehen können, was Krieg bedeutet und was dort in der Ukraine im Moment passiert – eine humanitäre Katastrophe“, kommentierte Marco Rose. Der BVB-Coach hofft auf satte Einnahmen: „Wir wollen mit den Leuten zusammen ein Zeichen setzen. Mehr können wir nicht tun, aber das machen wir sehr, sehr gern.“