Gut 45 Minuten vor Anpfiff des Oberligaspiels zwischen Lichtenberg 47 und dem 1. FC Lok Stendal im Hans-Zoschke-Stadion ist die Terrasse vor dem schmucken Vereins-Casino bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Anhänger sitzen in der Sonne und genießen ihr Bier. Drinnen, im Gastraum, läuft Zweitliga-Fußball auf einem großen Flachbildschirm. Gleich nebenan steht eine Gulaschkanone. Dort gibt es Eisbein mit Sauerkraut und Brot für 5 Euro.

Am Eingang des Stadions steht der langjährige Geschäftsführer Henry Berthy und begrüßt viele der treuen Anhänger per Handschlag. Die Atmosphäre ist familiär, die Zuschauer sind erwartungsfroh. Eine Gruppe altgedienter 47er-Anhänger diskutiert lautstark. „Heute wird’s was geben!“, sagt einer und hofft auf ein Torfestival gegen den Abstiegskandidaten Stendal. „Wenn es mit dem Aufstieg in die Regionalliga klappt, dann kommt der BFC Dynamo im nächsten Jahr hierher“, meint ein anderer aus der Gruppe.

In dieser Saison noch unbesiegt

Immerhin thront der Traditionsverein Lichtenberg 47 als Tabellenführer an der Spitze der NOFV-Oberliga Nord, ist ungeschlagen und hat bislang die meisten Tore geschossen. Gegner Stendal musste zuletzt zweimal eine 0:6-Niederlage einstecken. Was soll da schon passieren?

In Lichtenberg träumt man nach zwei Spielzeiten, in denen die Mannschaft stets auf Platz drei landete, vom Aufstieg in die Regionalliga. Henry Berthy sagt: „Wir müssen bei einem eventuellen Aufstieg sehr viele Auflagen erfüllen. Gerade bauen wird um das gesamte Stadion einen 2,20 Meter hohen Zaun. Das kostet rund 130 000 Euro, die aber der Bezirk übernimmt.“

Die sportliche Leitung um Manager Benjamin Plötz, 31, und Cheftrainer Uwe Lehmann, 36, ist eher zurückhaltend in Sachen Aufstieg. Sie verweisen darauf, dass es sich bei der spielerisch starken Mannschaft allesamt „um reine Freizeitfußballer handelt“, so Plötz, „alle gehen einem Beruf nach oder sind Studenten“. Dennoch, so der Tenor, würde man sich gegen einen Aufstieg „natürlich nicht sträuben“, so formuliert es Trainer Uwe Lehmann. Plötz sagt: „Wir würden das stemmen.“

Nun aber wartet erst einmal der Gegner aus Stendal. Es ist das erste Aufeinandertreffen der Lichtenberger mit dem 1. FC Lok seit 2002/2003. Nur die älteren Fans werden es wissen: 1950/51 spielten beide Vereine sogar schon gemeinsam eine Saison in der DDR-Oberliga. Lok landete auf Platz 14, Lichtenberg stieg ab. Lok aber etablierte sich in der höchsten Spielklasse der DDR.

Bei Anpfiff nimmt Plötz mit auf der Trainerbank Platz. Coach Lehmann, der in seine sechste Saison bei 47 geht, steht meist am Spielfeldrand. Seine Mannschaft rennt vehement an, tut sich aber schwer gegen die dichte Abwehrkette der Gäste. Mit Maik Haubitz fehlt 47 der Königstransfer des Sommers wegen der fünften Gelben Karte. Der Mittelfeldmann war von zahlreichen Vereinen umworben, kam von den Amateuren von Hertha BSC aber zurück nach Lichtenberg, wo er bereits 2014 kickte. Lehmann sagt: „Maik ist ein absoluter Gewinn für uns.“ Und Plötz meint: „Dass er wieder zu uns kam, ist beinahe irreal. Er ist ein starker Führungsspieler.“

Gegen Stendal ist sein Fehlen spürbar. Dennoch schaffen Thomas Brechler und Sebastian Reiniger noch vor der Pause zwei Tore. Den Fans schmeckt das Halbzeit-Bier, an mehreren Ständen gibt es Bratwürste und Buletten. Die Versorgung hat schon Regionalliga-Niveau.

Sportchef Plötz ist erst einmal zufrieden. Er bleibt vorsichtig, was die nahe Zukunft angeht. Die Tabellenführung nennt er im typischen Manager-Deutsch „eine Momentaufnahme“ und will erst nach der Halbserie ein erstes Fazit ziehen.

Bei einem Aufstieg in die vierte Spielklasse benötigt Lichtenberg neue, solvente Sponsoren, und „die Aufwertung unseres Stadions muss unbedingt sein“, so Plötz. Eine Flutlichtanlage ist geplant, aber immer neue Auflagen erschweren den Fortgang der Dinge. „Wir hoffen auf Veränderung und Unterstützung“, sagt Plötz, „auch für unsere vielen Kinder und Jugendlichen im Verein ist eine verbesserte Anlage wichtig.“ Der Saisonetat liegt derzeit bei knapp über 200 000 Euro.

„Sportlich viel zu tun“

Plötz lobt seinen Trainer, dessen Vertrag er bis 2020 verlängert hat. „Uwe Lehman steht für modernen und erfolgreichen Fußball und für Kontinuität.“ Lehmann ist Chef eines Personaldienstleisters, Vater von drei Kindern und engagierter Fußball-Trainer. „Es ist sportlich viel zu tun, um oben dabei zu sein“, sagt er, „im Moment gibt es in unserer Liga aber keine Übermannschaft.“ In Sachen Stadion gebe es „viele ungelöste Aufgaben, die aber bei einem Aufstieg in Bewegung kommen könnten“.

Lehmann, einst Spieler bei 47, hat in der Halbzeitpause gegen Stendal seine Kicker noch einmal „heiß“ gemacht, was sichtbar wird. Viele der älteren Anhänger der Lichtenberger, meist Altersklasse 75, versammeln sich auf der Stehplatztribüne hinter dem Tor nahe dem Casino und diskutieren. Die jüngeren Fans bevorzugen die Sitzplätze in der schönen Arena, die wie die Alte Försterei keine Laufbahn kennt. Man ist sehr dicht am Geschehen, was den Stadionbesuch zu einem Erlebnis macht.

Thomas Brechler, 32, ein wuchtiger Stürmer, wird zum Spieler des Tages, trifft noch zweimal, ehe Christian Gawe den 5:0-Endstand besorgt. Brechler, einst Drittligaspieler in Aalen, kann eine erstaunliche Trefferquote bei Lichtenberg aufweisen. In den zurückliegenden vier Spielzeiten schaffte er 11, 14, 24 und 20 Tore.

Nach dem Abpfiff gehen die 327 zahlenden Zuschauer zufrieden nach Hause. Am Sonnabend muss Lichtenberg 47 zum ärgsten Kontrahenten Tennis Borussia. Der lauert mit drei Punkten Rückstand auf Rang zwei. Coach Lehmann sagt: „Wir fahren ins Mommsenstadion, um zu gewinnen.“ So spricht einer, der an den Aufstieg glaubt.