Es ist schon einige Jahre her, als die Verantwortlichen von Lichtenberg 47 ihre Anhänger aufriefen, einen Spieler auszuwählen, der als Kultfigur aus Fieberglas am Eingang zu Geschäftsstelle und Stadion dienen könnte. Die Wahl fiel auf Tim Schreckenbach, den der langjährige Geschäftsführer Henry Berthy als „einen der besten Mittelfeldspieler im Berliner Amateurbereich“ beschreibt. Schreckenbach, „Schrecke“ gerufen, spielte 15 Jahre für Lichtenberg, thront heute als auffällige Plastik im Eingangsbereich der 47er und holt gerade symbolisch mit seinem rechten Fuß zum Torschuss aus.

Bei Lichtenberg 47 pflegen sie die Traditionen auf originelle Weise und arbeiten parallel hart an einer erfolgreichen Zukunft. Immerhin gehörte der Verein 1950/51 eine Saison zur DDR-Oberliga und später einige Jahre zur DDR-Liga. Doch das ist sehr lange her. Wer will, kann die alten Recken auf vielen Schwarz/ Weiß-Fotos im gemütlichen Casino betrachten.

Guter Fußball wird aber längst auch in der Gegenwart bei 47 gespielt. Die Mannschaft, die der Sportliche Leiter Benjamin Plötz, 30, und Trainer Uwe Lehmann, 35, zusammengestellt haben, gilt als einer der Favoriten für den Aufstieg in die Regionalliga. An diesem Wochenende startet die Oberliga nach neun Wochen Sommerpause die Spielzeit 2017/18 und Lichtenberg empfängt am Sonntag um 14 Uhr in der schmucken und sehr gepflegten Howoge-Arena Hans Zoschke den Außenseiter Grün-Weiß Brieselang.

Mit dem Fahrrad zum Training

Viermal in der Woche trudeln die Spieler gegen 17 Uhr auf dem Vereinsgelände ein – mit dem Motorrad, dem Auto oder auch dem Fahrrad. Viermal je 90 Minuten wird im Moment trainiert. Der Rasen in der reinen Fußballarena mit den Traversen direkt am Spielfeldrand ist kurz geschnitten und lädt regelrecht zum Kicken ein. Die Stimmung ist gelöst, die Aktiven begrüßen ihren Trainer mit Handschlag und der hat meist einen kleinen Spruch für jeden parat.

„Die meisten meiner Spieler sind Studenten, die andere Hälfte hat einen Vollzeitjob“, berichtet Coach Lehmann, „wir können keine Unsummen fürs Fußballspielen bezahlen und haben nur Feierabend-Fußballer.“ Aus diesem Grund halten sich Trainer und Sportlicher Leiter unisono mit der Formulierung ehrgeiziger Saisonziele zurück. „Wir können keinen Aufstieg einfordern, dennoch wollen wir das sportliche Maximum“, so Benjamin Plötz, ein eloquenter und cooler Typ, ein Mann, der weiß, was er will. Trainer Lehmann nickt und sagt: „Wir wissen, was wir können und die Jungs haben alle Bock.“

Als härteste Konkurrenten sehen die Verantwortlichen Tennis Borussia, Optik Rathenow, Anker Wismar und Hertha Zehlendorf an. Lichtenberg geht mit einem Etat knapp unter 200 000 Euro in die Saison. Seit 2012/13 spielt man in der Oberliga und belegte die Plätze sieben, drei, vier, fünf und wieder drei. Viele Beobachter glauben, dass 47 nun an der Reihe ist mit dem Aufstieg.

Das große Plus der Lichtenberger ist dabei ihre enorme Kontinuität auf vielen Positionen. Plötz ist seit 2011 der Sportliche Leiter, Lehmann geht als Trainer in seine vierte Spielzeit, war zuvor Spieler und Kapitän bei 47. Plötz arbeitet bei Vattenfall, ist meist von 16 bis 21 Uhr beim Verein, dem er immer bessere Strukturen verpasst hat. Lehmann ist Chef eines Personaldienstleisters mit 25 Angestellten. Erfahrung im Umgang mit Menschen unterschiedlichen Alters haben beide genügend.

Und die Mannschaft ist eingespielt, konnte stets eine hohe Fluktuation vermeiden. „Die verstehen sich alle prächtig, die spielen alle gern miteinander“, freut sich Plötz. Sechs Zugänge konnten gewonnen werden, darunter mit David Hollwitz (28/von Viktoria 89/einst 1. FC Union) und Nils Fiegen (23/von Babelsberg 03) zwei erfahrene Regionalligaspieler. „Das waren Riesentransfers“, lobt Lehmann, „die hatten auch finanziell viel bessere Angebote. Wir haben jetzt mehr Alternativen als in der Vorsaison.“

Die Kabine selbst gemalert

Das Miteinander steht im Mittelpunkt bei 47. Trainer Lehmann erzählt, dass sein Sportlicher Leiter vor kurzem allein die Trainerkabine gemalert hat. Plötz ist stolz auf den Spieler-und Trainertrakt, der sich wirklich sehen lassen kann. „Wir haben viel Zeit und Geld ins Stadion und das Umfeld für die Aktiven investiert.“ Ein Sponsorenpool von etwa 35 Unternehmen ist dabei hilfreich. Und auch die vielen privaten Unterstützer, deren Namen auf einer Tafel zu lesen sind, besitzen ihren Anteil an den immer professioneller werdenden Strukturen. Ab 47 Euro Mindesteinsatz ist man dabei. Der Internetauftritt der Lichtenberger ist schon heute mindestens regionalligareif.

Trainer Lehmann hält das Niveau in der Oberliga für „sehr ausgeglichen“ und „physisch anspruchsvoll“. Drei Tage bereitete sich seine Mannschaft auch am idyllischen Wannsee vor, „vor allem mit teambildenden Maßnahmen. Dort haben etwa die älteren, erfahrenen Spieler auch einmal für die jungen Leute im Team gegrillt.“

Das Wort „Aufstieg“ ist im Moment weder dem Trainer, noch dem Sportlichen Leiter zu entlocken. Doch Lehmann sagt: „Wenn es doch einmal so weit sein würde, wäre das die Krönung. Dann käme sehr viel auf uns zu, aber wir würden das stemmen.“ (BLZ)