Uwe Lehmann trainiert das ambitionierte Team von Regionalligist Lichtenberg 47.
Foto: Imago Images/Matthias Koch

Berlin-LichtenbergUwe Lehmanns Tage sind immer komplett ausgefüllt. Der 37-Jährige trainiert den Regionalliga-Aufsteiger Lichtenberg 47. Er ist Chef eines Personaldienstleisters und Familienvater mit drei Kindern. Wie er das alles so wunderbar unter einen Hut bringt, bleibt sein Geheimnis. Am zurückliegenden Sonnabend aber stand auch für ihn endlich die letzte Dienstreise als Coach vor der Winterpause an. Es ging nach Rathenow. Dort stieg bereits das dritte Duell in dieser Spielzeit, das sich Lichtenberg mit Optik liefern musste. Lichtenberg verlor 0:3 gegen eine Mannschaft, die meist zwischen Oberliga und Regionalliga pendelt und seit 30 Jahren von Ingo Kahlisch trainiert wird. In der Hinrunde wurde das erste Aufeinandertreffen im Zoschke-Stadion wegen eines Unwetters beim Stand von 1:1 abgebrochen. Das Wiederholungsspiel gewann Optik 1:0. „Nun waren wir in Rathenow schon mit den Gedanken in der lang ersehnten Winterpause“, klagte Lehmann, „Optik hat verdient gewonnen. Ohne Wenn und Aber.“

Den kleinen Schönheitsfehler kann Lehmann, der schon die siebte Saison beim spielstarken Aufsteiger in der Verantwortung steht, verschmerzen, denn die Freizeitfußballer von 47 haben eine grandiose Hinrunde gespielt und Mannschaften, die unter Profibedingungen arbeiten, Paroli geboten. Die Spieler um das kongeniale Duo Lehmann und Manager Benjamin Plötz gehen alle einem Beruf nach oder Studieren. Sie können auf Rang acht die Pause genießen und halten einen gehörigen Abstand zu den Abstiegsrängen, auf denen sie von vielen Experten eigentlich gesehen wurden. Favoriten wie Wacker Nordhausen (5:1), Berliner AK (1:0), Hertha II (4:2) oder die Überraschungs-Mannschaft der VSG Altglienicke (2:1) haben die Lichtenberger bezwungen.

Enorme Herausforderungen für Lichtenberg 47

„Die neue, höhere Liga war für mich als Trainer und meine Spieler eine enorme Herausforderung“, gibt Lehmann gern zu, „live in dieser starken Spielklasse dabei zu sein, ist großartig.“ Die größte Umstellung bei einer solch prominenten Gegnerschaft wie Energie Cottbus, Hertha BSC oder Lok Leipzig sei die Intensität und Handlungsschnelligkeit im Spiel gewesen. „Die sehr hohe Physis ist ein großer Unterschied zur Oberliga“, sagt Lehmann. Eine plausible Erklärung, wieso seine Kicker mithalten konnten, hat Lehmann parat. „Wir haben fünf, sechs Leute, die recht schnell ein überdurchschnittliches Niveau angenommen haben.“

Lehmann meint Niklas Wollert, er sagt: „Der beste Torhüter der Liga“). Der Trainer meint David Hollwitz, Sebastian Reiniger, Nils Fiegen, Christian Gawe und Philipp Einsiedel. „Wenn es etwa gegen Hertha ging, haben wir den typischen Teamspirit entwickelt und gegengehalten. Eben Klein gegen Groß! Die Kameradschaft ist unser Trumpf“, sagt Lehmann, „wir gehen auch gern mal zusammen ein Bier trinken.“

Das war ergebnis-technisch schwierig, aber wir sind ruhig geblieben, weil wir auch bei einigen Niederlagen fußballerisch gut mithalten konnten.

Lichtenberg 47-Trainer Uwe Lehmann

Dabei ist der Trainingsumfang gegenüber der Oberliga gleich geblieben – viermal in der Woche, immer am Abend nach der Arbeit, „aber an taktischen Dingen haben wir verstärkt geübt“, berichtet der Trainer.

Mitten in der Hinrunde jedoch erlebte der Aufsteiger ein Tief und blieb sechs Spiele in Serie ohne Sieg. Lehmann sagt rückblickend: „Das war ergebnis-technisch schwierig, aber wir sind ruhig geblieben, weil wir auch bei einigen Niederlagen fußballerisch gut mithalten konnten. Allerdings war der einstige Vorteil, dass uns niemand richtig kannte, im Laufe der Hinrunde schnell verschwunden.“

Uwe Lehmann, 2018/2019 zu „Berlins Amateurtrainer des Jahres“ gekürt, erwartet einen spannenden Kampf an der Tabellenspitze. Dort liefern sich in der Rückrunde Cottbus (42 Punkte), Lok Leipzig (40) und Altglienicke (39) sicher ein Kopf-an-Kopf-Rennen. „Energie Cottbus müsste im Normalfall die Liga gewinnen und dann in die Relegation gegen den Besten aus der West-Staffel gehen“, sagt der Trainer, „Energie besitzt die besten Strukturen und spielstarke Leute.“

Den 1. FC Lok Leipzig hält Lehmann für „fußballerisch sehr stark“ und meint: „Die sind eine gute Gruppe.“ Hertha II besitzt laut Lehmanns Einschätzung „wohl die größte Qualität, aber Trainer Neuendorf muss ja ständig die Formation wechseln, was seine Arbeit nicht erleichtert.“ Bleibt noch die VSG Altglienicke, die ihre bislang mit Abstand beste Saison in der vierten Liga spielt und sehr positiv überrascht hat. „Deren bester Transfer war sicher Trainer Karsten Heine“, lobt Lehmann, „vielleicht haben sie etwas über ihre Verhältnisse gespielt. Aber sie können weiter oben mitmischen.“

Einer der vollmundig selbsternannten Aufstiegskandidaten, Wacker Nordhausen, kämpft inzwischen ums Überleben. Die eigens für den Profibereich gegründete Spielbetriebs-GmbH hat Insolvenz angemeldet und Wacker wurde mit einem Abzug von neun Punkten vom NOFV betraft. Ende offen.

Und unten in der Liga? „Auch da wird es spannend zugehen – bis zuletzt“, sagt Lehmann. Lichtenberg 47 hält weiter am großen Saisonziel, dem Klassenerhalt fest. „Wir schaffen es“, gibt sich Lehmann optimistisch, „aber es wird nicht einfach.“ Will sich der aufmüpfige Aufsteiger in der Winterpause nochmal verstärken? „Eigentlich nicht“, sagt der Trainer. Er und Manager Plötz erleben nun aber den Effekt ihrer unerwarteten Erfolge: „Es gibt wahrscheinlich Anfragen für einige unserer starken Spieler von anderen Vereinen, aber wir wollen niemanden abgeben.“ Das sollten die Lichtenberger auch nicht tun.