Um 15.20 Uhr am Sonnabendnachmittag hatte Schiedsrichter Christopher Musick aus Frankfurt/Oder ein Einsehen. Nachdem die vier Minuten Nachspielzeit endlich abgelaufen waren, pfiff der Referee ab und erlöste Spieler, Trainer und Fans von Lichtenberg 47 und damit das Gros der 1.452 Zuschauer im wunderschönen Hans-Zoschke-Stadion, einer Arena ohne Laufbahn.

Der Spitzenreiter der Oberliga Nordost hatte den Staffel-Favoriten Tennis Borussia nach hartem Kampf mit 2:0 (0:0) bezwungen und den Aufstieg in die ersehnte Regionalliga drei Spieltage vor Saisonschluss perfekt gemacht. Die Reservisten und der Trainerstab der Lichtenberger stürmten auf den Platz, alle Spieler des überglücklichen Aufsteigers lagen sich in den Armen, bildeten im Tor von Keeper Niklas Wollert, der zuvor mit einigen starken Paraden geglänzt hatte, eine Traube des Glücks. Die Anhänger – viele waren in roten Vereinstrikots gekommen – skandierten „Lichtenberg! Lichtenberg!“ und „Nie wieder Oberliga!“

Bürgermeister unter den Fans

Aus den Stadionboxen dröhnte „We are the champions“ und am Mittelkreis tanzten die Spieler zusammen mit Trainer Uwe Lehmann und Sportchef Benjamin Plötz, den beiden Protagonisten des kleinen Fußball-Wunders. Auch 47-Präsident Andreas Prüfer und Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst mischten sich unter die feiernde Gemeinde. Trainer Lehmann, im sechsten Jahr im Amt, vergaß sein schmerzendes Knie (er muss unters Messer) und jubelte: „Das ist unbeschreiblich schön. Mentalität hat Qualität geschlagen.“ Lichtenbergs Anhänger hatten es mit Blick auf die hohen Investitionen des bei den eigenen Fans aus Charlottenburg äußerst umstrittenen TeBe-Chefs Jens Redlich, einem Fitness-Ketten-Betreiber, ähnlich auf einem Transparent ausgedrückt: „Herz schlägt Geld!“

Benjamin Plötz, der umsichtige Sportliche Leiter von 47, gilt als Architekt dieser Mannschaft, die eine verschworene Gemeinschaft bildet. Seit nunmehr acht Jahren ist er im Amt. Noch unmittelbar vor dem Duell Erster (Lichtenberg) gegen Zweiter (Tennis Borussia) gab sich Plötz vorsichtig und sagte: „Sollten wir aufsteigen ist das eigentlich unvorstellbar, wirklich Wahnsinn!“

Dabei hatte sich eine Woche vor dem Spitzenspiel die Ausgangsposition für die Gastgeber deutlich zum Positiven geändert. Tennis Borussia, das von Vorstandschef Jens Redlich die Maßgabe erhalten hatte, „unbedingt aufzusteigen“, verlor überraschend das Heimspiel gegen den SV Altlüdersdorf mit 1:3, während Lichtenberg mit 2:0 beim 1. FC Lok Stendal gewonnen hatte. Sechs Punkte Vorsprung brachte das 47 ein und das um 13 Treffer bessere Torverhältnis. Der Aufstieg war plötzlich zum Greifen nah. Doch Zweifel blieben. Lichtenberg musste auf zwei verletzte Stammspieler verzichten: Philipp Grüneberg fehlte nach einem Kreuzbandriss und David Hollwitz mit einem Muskelfaserriss.

Lange Schlangen

Bei Kaiserwetter bildeten sich lange Schlangen vor den Bierständen und Wurstbuden – wo es Buletten für 2 Euro und Bratwürste für 2,50 Euro gab. Die Anhänger waren in Feierstimmung. Unter die Zuschauer hatte sich mit Tom Trybull, 26, ein Profi gemischt, der als Jugendlicher drei Jahre bei Lichtenberg 47 spielte und nun in England gerade mit dem Außenseiter Norwich City in die Premier League aufgestiegen war. Trybull hatte dem Verein ein kanariengelbes Trikot von Norwich („die Canaries“) geschenkt.

Doch bevor der Aufstieg feststand, mussten die Spieler harte Gegenwehr von Tennis Borussia brechen. Die Gäste, die am 25. Mai im Berliner Pokalfinale auf Viktoria 89 treffen, zeigten lange die bessere Spielanlage. Sie trainieren ja unter Profibedingungen. Erst nach fast einer Stunde erlöste Sebastian Reiniger mit einem schönen Kopfball die 47er und Christian Gawe schaffte nach 82 Minuten das alles entscheidende 2:0. Dann brachen alle Dämme. „Geil, dass wir dabei waren“, schwärmte ein Fan im überfüllten Casino, wo die Anhänger nach Abpfiff in dichten Trauben am Tresen feierten.

Einzelne Verstärkungen

Lichtenberg wird mit einem Etat von rund 250.000 Euro in die Regionalliga gehen und will mit dem Gros der Mannschaft dort bestehen. Punktuelle Verstärkungen soll es geben, „aber wir werden keine abgehalfterten Zweitligastars holen“, kündigte Präsident Prüfer an. Kontinuität wird weiter die Devise bei 47 sein. „Die Auflagen in der Regionalliga sind enorm“, sagt Geschäftsführer Henry Berthy. Bis 2021 soll eine Flutlichtanlage entstehen und bald entweder ein regionalligatauglicher Kunstrasen oder ein neuer Naturrassen in die Arena kommen. Der Verein ist „alleiniger Hauptnutzer“ des Zoschke-Stadions, das dem Stadtbezirk gehört.

Die Spieler, die alle einem Beruf nachgehen oder Studieren, feierten lautstark in der Kabine, während nebenan in der Pressekonferenz TeBe-Trainer Dennis Kutrieb sehr fair seinem Kollegen Uwe Lehman gratulierte: „Ihr habt den Aufstieg verdient und ihn euch hart erarbeitet.“ Lehmann, im Beruf Chef eines Personaldienstleisters und Vater von drei Kindern, dankte seiner Frau („die muss es mit mir Fußballverrückten aushalten“) und Sportchef Plötz. „Der ist vor allem dafür verantwortlich, dass wir alle diesen Tag erleben können.“

Bald trifft Lichtenberg auf Teams wie den BFC Dynamo, Lok Leipzig oder Rot-Weiß Erfurt. „Ich freue mich auf jeden Gegner“, behauptete Uwe Lehmann. Dann erfuhr er, dass auch Energie Cottbus – die Mannschaft war gerade aus Liga drei abgestiegen - zu den künftigen Kontrahenten gehört. Der Trainer knapp: „Oh, Wahnsinn!“