Die Spieler von Lichteberg 47 würden so gerne auf den Platz zurückkehren.
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BerlinSeit über einer Woche hat sich der bislang gewohnte Tagesablauf auch für Benjamin Plötz, den Manager des Fußball-Regionalligisten Lichtenberg 47, drastisch verändert. So wie bei vielen Menschen. Die Kita seiner kleinen Tochter ist geschlossen und Plötz, 33, muss zudem seinen Job als Projekt-Assistent beim Energieunternehmen Vattenfall vor allem im Home-Office erledigen. Dazu kommen die enormen Probleme, die er als   Manager des Regionalliga-Aufsteigers aus dem Zoschke-Stadion vor der Brust hat.

Noch vor zehn Tagen freute man sich in Lichtenberg auf das erste Heimspiel im Jahr 2020 in der eigenen Arena gegen den Bischofswerdaer FV. Alles war exakt vorbereitet in Zeiten, in denen das Coronavirus täglich neue Herausforderungen bereithält. Ordner und Kassierer waren mit Handschuhen ausgerüstet, Hinweisschilder für die Zuschauer aufgestellt. Auch die Mannschaft – allesamt Spieler, die Berufen nachgehen oder studieren – war auf die neue Situation vorbereitet. Meldungen über Krankheitsfälle aus dem Umfeld der Kicker gab es keine.

Lichtenberg 47 entfallen zunächst fünf Spiele

Nachdem das Heimspiel gegen den ZFC Meuselwitz wegen Unbespielbarkeit des Platzes gleich dreimal ausfallen musste und das Team zuletzt auswärts schwächelte, wollte Trainer Uwe Lehmann endlich einen Sieg seiner in der Hinrunde so starken und selbstbewussten Mannschaft erleben. Doch dann kam die erwartete Nachricht, dass der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) alle Spiele wegen des Coronavirus ausgesetzt hat. Zunächst mal bis zum 19. April. Fünf Duelle fallen in diesen Zeitraum.

Lichtenbergs Geschäftsführer Henry Berthy sieht eine „immer dramatischer werdende Lage“, vor allem finanzieller Art, auf seinen Verein zukommen. „Wir leben von den Spieltageinnahmen“, sagt Berthy, „die sind bei einem Heimspiel fünfstellig, um die 10 000 Euro“. Da die 47er noch immer mit Problemen bei der Sicherung des Gästeblocks im Zoschke-Stadion zu tun haben und mit den hohen Auflagen des NOFV für die vierte Liga kämpfen, musste die Mannschaft schon mehrmals im Poststadion in Moabit ihre „Heimspiele“ austragen. „Dabei haben wir finanziell nur zugezahlt“, erzählt Henry Berthy. Das neue Problem wegen des Virus könnte die rund 60 Kleinsponsoren des Vereins betreffen. Sollten diese in wirtschaftliche Schieflagen geraten, würde das auch auf den Traditionsverein zurückschlagen. Auch der Betreiber des schönen Sportcasinos im Stadion lebt in Angst. Er hat geschlossen, die gesamte Sportanlage ist zurzeit zu. „Ja“, sagt Manager Plötz, „das ist so und damit fällt das abendliche Training aus. Die Jungs machen erst mal individuell Läufe, damit sie konditionell in Schuss bleiben.“

Die Spieler können nicht wie bei einem Bundesligisten täglich unter Kontrolle und perfekter medizinischer Betreuung des Vereins gehalten werden. Sie gehen am Tag ihren Berufen nach. Kapitän David Hollwitz etwa ist Steuerberater, Mittelfeldmann Christian Gawe Erzieher oder Torhüter Niklas Wollert, einer der besten Keeper der Liga, arbeitet bei Siemens. Sie alle haben ihr persönliches Umfeld am Arbeitsplatz und in den Familien. Entsprechend hofft Plötz, dass dort keine Corona-Fälle auftreten werden. Er hält engen telefonischen Kontakt mit allen seinen über zwei Dutzend Kickern.

Virtuelle Tickets

Lichtenberg und andere Regionalligisten sind inzwischen kreativ geworden. Unter dem Motto: „Wirfür47Trotzcorona“ wurden virtuelle Tickets für das Heimspiel gegen Bischofswerda verkauft – für jeweils zehn Euro. Am Sonntag endete die Aktion nach fünf Tagen. Immerhin 1 470 Euro kamen zusammen. Fortsetzung folgt.

Auch der Aufstiegskandidat 1. FC Lok Leipzig akquiriert virtuelle Tickets für je einen Euro für den 8. Mai um 19.30 Uhr im Plache-Stadion für ein Duell mit „dem unsichtbaren Gegner“.   Das Motto lautet: „Leute, macht die Bude voll!“ Energie Cottbus geht ähnlich vor, hofft auf Unterstützung der Fangemeinde, verkauft sogenannte „Antikörper“, für 20 Euro, um „den Verein gegen wirtschaftliche Tiefschläge immun zu machen“. Der BFC Dynamo wirbt um neue Mitglieder und bittet darum, vielleicht den Jahresbeitrag im Voraus zu zahlen.

Lichtenbergs Manager Plötz ist ein realistisch denkender Fußball-Funktionär. Dass die unterbrochene Saison in der Regionalliga noch irgendwie ordentlich und fair über die Bühne gehen kann, glaubt er nicht unbedingt. Aber, was tun? „Vielleicht“, so Plötz, „muss man den jetzigen Zustand in der Liga einfrieren und die Saison noch mal spielen. Aber das ist nur ein denkbares Szenario von vielen. Wichtig: Alle sollten sich jetzt untereinander solidarisch zeigen.“