Windischgarsten - Alle Positionen sind doppelt besetzt, manche sogar drei- bis vierfach, der Traum eines jeden Fußballlehrers. Doch es gibt eine Ausnahme und die betrifft die Außenverteidiger, wo die Eisernen − scherzhaft dieser Tage auch bekannt unter dem Namen 1. Ferpflichtungs-Club Union (FCU) − trotz ihres Kaufrausches keinen einzigen Spieler unter Vertrag nahm. Gar nicht so einfach bei 14 Zugängen, wenn man die Eigengewächse Maurice Arcones und Laurenz Dehl mitrechnet.

Spötter behaupten ja bereits, dass Oliver Ruhnert die Puste ausgegangen ist. Seit einer Woche wurde kein Neuer mehr verkündet. „Mit Messi sind wir noch nicht ganz durch“, scherzte Unions Manager, der er in den kommenden Wochen vornehmlich damit zu tun haben wird, den Kader zu verschlanken. Auf vielleicht 28 Mann, so das Ziel. Aber dass Union niemanden mehr holen werde, schließt er damit nicht aus. „Die Transferperiode geht ja noch bis zum 2. September.“ Echten Gelegenheiten werden sich die Köpenicker nicht verschließen, wenngleich sie die Suche derzeit nicht forcieren.

Hinten ist es übersichtlich

Festzuhalten aber bleibt: Hinten auf den Außenbahnen bleibt es übersichtlich. Was Ken Reichel zu der Vermutung veranlasste, „da werde ich wohl durchspielen müssen“. Gemeint war nicht die Saison, obwohl er da auch jede Minute haben will, die Trainer Urs Fischer ihm gibt. Allein schon um seinen bislang 27 Erstligaspielen mit Braunschweig noch ein paar mehr hinzuzufügen. Ihm ging es um die Doppelkicks an diesem Wochenende im Rahmen des Trainingslagers.

Mit dieser Einschätzung sollte der 32-Jährige Recht behalten. Denn Fischer teilte seine Truppe für die beiden ersten Test in Österreich in zwei Abteilungen auf. Da Reichel aber mit Christoph Lenz nur einen direkten Konkurrenten hat, kam der ehemalige Braunschweiger gegen Ried zum Zuge, während Lenz sich heute gegen Linz versuchen darf.

Reichel kennt die Bundesliga

Große Unterschiede zu seinem ersten Anlauf im Fußballoberhaus mit den Niedersachsen sieht er nicht. Zumindest nicht, was die Vorbereitung auf die Saison angeht. „Wir haben uns damals auch punktuell verstärkt. Braunschweig war auch Underdog. Mit Union wird das nicht anders sein“, sagt er vorausschauend.

Für Union sei das alles eine Riesenherausforderung, auf die man sich nur freuen könne. Als gebürtiger Berliner zeigt er sich recht gut informiert, welcher Klub aus der Hauptstadt schon mal Bundesligist war. „Blau-Weiß 90, Hertha − und Tasmania. Da habe ich ja schon mal gespielt. Ich kenne die Geschichte und möchte nicht dran anknüpfen“, meinte der zweifache Familienvater.

Hilfe bei Tennis Borussia

Einzig bei TeBe brauchte er fast ein bisschen Hilfe. Die Veilchen bestritten ja mit der alten Dame das letzte Hauptstadtderby in der deutschen Eliteliga. Was mittlerweile auch schon 42 Jahre zurückliegt und damit knapp 10 Jahre vor Reichels Geburt stattfand.

Wichtig ist, so glaubt Reichel, dass Union die Tugenden des Vorjahres wieder offenbart. „Wir müssen als Mannschaft zusammen auf dem Platz funktionieren und möglichst viele Punkte holen, dass es auch für ein zweites Jahr in der Bundesliga reicht.“ Ingolstadt und Darmstadt hätten das ja als krasse Außenseiter vorgemacht. Ein zweites Jahr Erstklassigkeit hieße ja auch BW 90, Tasmania und TeBe in der ewigen Tabelle der Bundesliga zu überholen. Schon ein Ziel. Den Mainzer Weg zu gehen oder gar den eines SC Freiburg, der aus Versehen mal alle fünf bis sechs Jahre absteigt, nur um sofort wieder nach oben zu kommen, sei zwar wünschenswert, aber sicherlich noch ein langer Weg.

Euphorie mitnehmen

„Wir müssen möglichst viel von der Euphorie, die in der Aufstiegssaison geherrscht hat, mit rübernehmen“, sagt Reichel. Da empfindet er es als positiv, dass Union mit einem Heimspiel startet. Vorausgesetzt, man stolpert nicht in der ersten Runde des DFB-Pokals. Halberstadt ist ein Regionalligist, Union also der Favorit. „Aus der Erfahrung heraus sind das immer die unangenehmsten Spiele. Wir müssen in der ersten Runde weiterkomme ohne Probleme zu haben, dann darf man sich auf den ersten Spieltag freuen“, weiß der Abwehrspieler, der sich die freie Zeit im Trainingslager vor allem mit Netflix und einigen Serien versüßt. Stranger Things hatte es ihm zuletzt angetan. Und er nutzt die freien Stunden im Sommercamp, um die Serie durchzugucken. Etwas, was ihm zu Hause mit seinen beiden Kindern eher weniger gelingt. Wobei der Titel der Serie ein bisschen symbolisch auch für Union steht. Die Eisernen betreten mit der Bundesliga ein unbekanntes Land. Da können seltsame Sachen auf einen zukommen.