Berlin - Im Neuköllner Büro der Boxgirls Berlin stapeln sich Pappkartons. Linos Bitterling hat aus Projektgeldern Handschuhe bestellt, Kopfschutze, Schwimmnudeln, Pratzen und Springseile. Sie sollten auf die Trainingshallen des Vereins verteilt werden, in die Bergmannstraße, die Karlsgartenstraße, ein paar Sandsäcke für die Halle in der Hobrechtstraße – als Überraschung, wenn das Training wieder beginnen kann. Aber jetzt, im zweiten Lockdown, war es nicht möglich, hineinzukommen in die Räume, die dem Verein sonst zur Verfügung stehen. Die Türschlösser waren ausgetauscht.

Der Profisport läuft weiter. Der Breitensport bleibt ausgesperrt. Bitterling versteht das, unterstützt alle Maßnahmen der Corona-Verordnung, gleichzeitig macht sich die Boxgirls-Leitung Sorgen. Der Verein bietet viele verschiedene Trainings an für Menschen, die Schutzräume brauchen und sich wohlfühlen, mit ihrer Peergroup zusammen Sport zu machen. „Wir haben Trainings für Mädchen, damit sind alle gemeint, die sich als Mädchen fühlen, für Frauen, für die LBGTIQ-Community und wir haben auch Mixed-Gender-Trainings, wo Menschen jeglichen Geschlechts teilnehmen können“, sagt Bitterling.

Boxen, Thaiboxen, Kickboxen. All diese Disziplinen gehören zu den Martial Arts, können Werkzeuge für Self-Empowerment sein. „Das heißt, die Menschen können aus sich rausgehen, Dampf ablassen, ihre Grenzen setzen, sie können schnell auf Widrigkeiten, Schläge reagieren lernen und aktiv werden. Es geht darum, aktiv zu bleiben, wach, fokussiert. Das ist natürlich für den Alltag dann auch gut umsetzbar“, meint Bitterling. Ganz viele berichten ihrem Coach, wie sie im Alltag sicherer werden, wie sie sich in Konfliktsituationen behaupten gegenüber Schülern, Lehrern, Eltern oder Freunden, Freundinnen. Wie sie ein Nein setzen, für die eigenen Belange einstehen. „Die Leute brauchen diese Schutzräume und das Training frei von Diskriminierung und frei von Leistungsdruck“, sagt Bitterling.  

Sport ist mehr als Bewegung, überall in den Vereinen. Mehr als körperliche Widerstandskraft. Sport stärkt auch das soziale Miteinander, jeden Einzelnen in jeder Gruppe. Für viele Kinder und Jugendliche sind nicht nur ihre Team- und Sportkameraden wichtige Bezugspersonen, sondern auch Trainer und Trainerinnen. „Wir leisten auch an Schulen und Jugendklubs Sport-Sozialarbeit, viele Coaches haben eine Zusatzausbildung. Ich habe beispielsweise Soziale Arbeit studiert“, sagt Bitterling. „Manchmal kommen Probleme hoch, die wir dann besprechen können.“

„Zeina Nassar bereitet Wege für viele Mädchen und Frauen“

Bei den Boxgirls wird nicht nur die Technik von Jabs oder Aufwärtshaken trainiert, es gibt etwa auch Workshops, in denen durch Rollenspiele und Abstimmen von Mimik, Gestik und Tonfall Selbstbehauptungsaspekte vermittelt werden. „Viele brauchen sich dann gar nicht mehr zu verteidigen, weil sie eine ganz andere Ausstrahlung haben – oder brenzlige Situationen schneller und besser einschätzen können“, weiß Bitterling.

Als Coach von Zeina Nassar hat Bitterling den Kampf der Kreuzberger Boxerin mitgekämpft: am Küchentisch von Nassars libanesischen Eltern, die sich ihre Tochter nicht mit blutiger Nase vorstellen wollten. Und später bei Ringrichtern und Verbänden. Sie setzten schließlich international durch, dass Frauen mit Kopftuch bei Turnieren boxen dürfen. „Zeina Nassar ist für viele Menschen ein großes Vorbild. Sie ist eine Kämpferin – nicht nur im Boxring, sondern auch in den sozialen Medien. Überall, wo sie öffentlich auftritt, vertritt sie ihre Interessen und bereitet Wege für viele Mädchen und Frauen, im Speziellen für Muslima und Hijabis.“

Foto: imago images/Maja Hitij
Zeina Nassar (l.) bei den deutschen Meisterschaften 2019 im Berliner Kuppelsaal auf dem Olympiagelände.

Die Corona-Regeln verschließen nun Wege. Häusliche Gewalt ist ein großes Problem. Die Fallzahlen stiegen während des ersten Lockdowns immens. Für das seelische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen reicht es aber nicht aus, gewaltfrei zu leben, sie brauchen auch Aktivitäten, die abseits vom Funktionieren, vom schulischen Leistungsanspruch stattfinden. Es sei, gerade in Corona-Zeiten, ein immenser Druck, der da auf den Jugendlichen und Kindern lastet, sagt Bitterling. Die Corona-Regeln, die Schulnoten, die Zukunftsängste, die sich damit verbinden. „Viele denken: Wir sind dann der Corona-Jahrgang, der nirgendwo genommen wird für Ausbildung und Beruf. All das lastet auf den Jugendlichen. Sie brauchen einen Ausgleich.“

Während des ersten Lockdowns und auch jetzt, während des zweiten, wo nur die AGs in Jugendklubs mit Einschränkungen weitergehen, versuchen die Coaches der Boxgirls, über eine digitale Plattform Kontakt zu den Mädchen, zu den 180 Vereinsmitgliedern, zu halten: durch Onlinetraining, durch regelmäßige Gesprächsgruppen. Die Mädchen haben Notfalltelefonnummern bekommen, um sich erwachsenen Menschen öffnen zu können, wenn sie etwas bedrückt, wenn etwas vorgefallen ist, auch wenn sie Gewalt oder Diskriminierung erlebt haben.

„Es gibt immer wieder auch Kinderschutzfälle“

Aber es ist nicht dasselbe wie von Angesicht zu Angesicht in der Halle. „Es ist wichtig, die Mädchen live vor Ort zu sehen, mit ihnen Gespräche zu führen, zu schauen, wie es ihnen geht, sie brauchen Ansprechpersonen außerhalb der Schule, mit denen sie eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut haben. Es wurde viel Beziehungsarbeit geleistet und es ist wichtig, diese Beziehungsarbeit aufrechtzuerhalten. Das ist schwierig bei Mädchen, die nur schlechtes Wlan haben, kein Handy oder keine Rückzugsmöglichkeit zu Hause haben, um ungestört mitzutrainieren oder an den Gesprächsrunden teilzunehmen“, erläutert Bitterling. „Wenn zu Hause etwas passiert, können sie sich schlecht von zu Hause aus melden, ohne dass es bemerkt wird. Es gibt immer wieder auch Kinderschutzfälle, die ich dann mit dem Jugendamt kommuniziere. Um diejenigen, die ich nicht mehr sehe, um die sorge ich mich.“

Es ist viel diskutiert worden über die Kollateralschäden des Lockdowns. Über das Fehlen des Gesundheitssports, die Begünstigung von Adipositas, die Vereinsamung, die psychologischen Folgen, das stundenlange Daddeln am Computer. Der Sport hat immer wieder betont, wie wichtig er für eine gesunde, soziale Gesellschaft ist. Eine Bestätigung dieser These waren für den Verein Boxgirls 60 neue Mitgliederanfragen zwischen den Lockdowns: Zum ersten Mal seit langer Zeit musste eine Warteliste eingerichtet werden.

„Boxen ist ein gutes Instrument, um sich zu empowern“

Bitterling hat beobachtet, dass manche Mädchen „in eine Art Lethargie fallen, weil die lange Zeit mit der Angst und den Einschränkungen sich auf das Wohlbefinden auswirkt. Zusammen mit den Zukunftsängsten stellen sich bei einigen Jugendlichen die Sinnfragen ein: Was soll aus mir werden? Was will ich eigentlich machen? Und wofür? Ich mache mir Sorgen, dass sie den Mut verlieren. Boxen ist ein gutes Instrument, um sich zu empowern und den Mut zu haben, Dinge anzugehen, um Wege zu finden.“ Aber jetzt bleiben die Sporthallen erst mal geschlossen. Wie lange, weiß niemand.