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Lionel Messi mag der größte Fußballer dieses Jahrtausends sein. Er mag sämtliche Abwehrreihen des Weltfußballs allein durcheinander wirbeln können. Am Montagabend aber, als in Zürich die besten Profis des Planeten gekürt wurden, war er zunächst nicht die Hauptperson, dafür hatte die TV-Regie des Gastgebers Fifa gesorgt. Punkt 19 Uhr wurden zunächst die Bilder eines anderen kleingewachsenen Herrn eingeblendet: Sepp Blatter, von Korruption umwehter Ewig-Präsident des Fußballweltverbandes, auf dem roten Teppich vor dem Kongresshaus. Mit diesen peinlichen Aufnahmen des Personenkults begann der Hauptteil der Show. Blatter begrüßte den Neu-Russen Gerard Depardieu mit Bussi, der Schauspieler durfte kurz darauf in Reihe eins neben ihm Platz nehmen.

Es dauerte noch eine Weile und eine sehr wirre Rede des Fifa-Präsidenten, ehe sich die Aufmerksamkeit auf jene Akteure konzentrierte, die das Milliardenspiel, über das Blatter mit seinem greisen Fifa-Exekutivkomitee gebietet, für Hunderte Millionen Menschen so attraktiv machen: auf Messi & Co. Allerlei Auszeichnungen vergab die Fifa, kürte die Trainer des Jahres (Vicente del Bosque/Spanien und Pia Sundhage/Schweden), die Spielerin des Jahres (Abby Wambach/USA), es gab einen Fairplaypokal und einen Sonderpreis des Präsidenten, den der Gazprom-Botschafter Franz Beckenbauer erhielt (warum, das blieb reichlich unklar), ehe dann nach einer Stunde der ehemalige Weltfußballer Fabio Cannavaro das Geheimnis lüftete. Und selbst da drängte sich Blatter noch mit ins Bild.

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Obwohl, was heißt hier Geheimnis. Zwar hat Lionel Messi, der 25 Jahre alte argentinische Wunderdribbler, im vergangenen Jahr keinen großen Titel gewonnen, doch seine unvergleichliche Rekordjagd, die in 50 Toren in der spanischen Meisterschaft 2011/2012 (in der aktuellen Wertung hat er schon wieder 26 Treffer) und in 91 Toren im Kalenderjahr kulminierte, machten ihn zum Favoriten. Das Urteil einer wahrlich internationalen Jury war eindeutig. Die Kapitäne und Trainer aller Nationalmannschaften sowie je ein Sportjournalist aus allen Nationen entschieden sich mit mehr als 41 Prozent für – Lionel Messi. Cristiano Ronaldo, sein großer Gegenspieler, erhielt knapp 24 Prozent aller vergebenen Punkte. Andres Iniesta, bester Spieler der Europameisterschaft 2012 und Messis Teamkollege vom FC Barcelona, kam auf elf Prozent, wurde Dritter und erhielt anschließend ein Sonderlob des Siegers.

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Es war ein durchaus rührender Moment, als Messi sagte, er sei schrecklich aufgeregt und er wolle seinen Preis teilen mit den Kollegen des FC Barcelona (von denen auch Piqué, Dani Alves und Xavi für die Weltelf 2012 nominiert wurden), vor allem aber mit einem: „Mit Dir, Andres“, sagte Messi ergriffen. „Du hast mich unterstützt, du warst immer mit mir und hast auch heute mit mir gehofft. Ich danke dir.“ Iniesta tränten die Augen. Und, ja, man sah es deutlich, von soviel Zuneigung ließ sich sogar Cristiano Ronaldo anstecken. Ronaldo lachte, wirklich! Zwei Minuten zuvor hatte er sich noch auf die Oberlippe gebissen, als Cannavaro den Namen Messi nannte und nicht seinen.

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Vier Mal in Folge ist Messi nun Weltfußballer des Jahres, das hat noch keiner geschafft, weder Zinédine Zidane noch der Brasilianer Ronaldo, die beide drei Mal ausgezeichnet wurden. Und Cristiano Ronaldo, der ehrgeizige Portugiese, wird weiter auf seinen zweiten Titel (nach 2008) warten müssen. Peinlich, dass er als Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft wieder nicht mit abgestimmt hat. Er sei verletzt gewesen, hatte er auf der Pressekonferenz am Nachmittag behauptet. Ein schlechter Witz. Statt Ronaldo wählte für Portugal also Vertreter Bruno Alves und setzte auf Rang eins – natürlich Ronaldo. Messi übrigens entschied sich als Kapitän Argentiniens für Iniesta, Xavi und Sergio Agüero. Der deutsche Auswahlkapitän Philipp Lahm übrigens wählte Iniesta, Messi und Ronaldo.

„Da läuft kein Zweikampf“

„Das ist das Schönste, was mir jemals passiert ist im Leben“, sagte Messi. Und es war einen Moment nicht ganz klar, ob er seinen Sohn meinte oder den Ballon d’Or, den Goldpokal für den weltweit besten Spieler. Es sei nicht so, dass er sich darum reiße, hatte er am Nachmittag erklärt. Fußball sei Teamsport. Teamsport mit Teamspielern, die selbst aus einer traumhaft besetzten Mannschaft des FC Barcelona herausragen und einen Sonderstatus erhalten.

Jeder weiß, wie sehr sich Ronaldo nach diesem Titel verzehrte. Und doch bewahrte er Haltung, anders als José Mourinho, sein Trainer bei Real Madrid, der als einziger Nominierter nicht anreiste. Er sei nicht frustriert, wenn er mit Messi verglichen werde. Es sei doch egal, wer der Bessere sei, gab Ronaldo zu Protokoll. Und Messi antwortete artig, sie seien überhaupt keine Konkurrenten. „Da läuft kein persönlicher Kampf zwischen uns.“ Das war wirklich nett gesagt und politisch korrekt obendrein.

In einem Interviewfetzen, der später eingespielt wurde, erklärte Lionel Messis Bruder allerdings, der kleine Held habe schon im zarten Alter von dreizehn Jahren davon geträumt, Weltfußballer zu werden. Nun glauben viele Menschen, er sei sogar der Beste aller Zeiten.