Im Winter auf der Bahn zu Hause: Lisa Brennauer.
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Berlin - Die Wunden sind verheilt, der Ärger verflogen. Der Mut und die Lust zu einer Rückkehr auf die Radrennbahn haben sich bei Lisa Brennauer wenige Monate nach ihrem schweren Sturz bei der Bahnrad-Europameisterschaft 2017 in Berlin zurückgemeldet. Also griff sie zum Telefon und rief Bundestrainer André Korff an. „Hallo Trainer, ich habe bei der EM den Vierer abgeräumt, könnt ihr mich dennoch im Team gebrauchen?“ Schwamm drüber, gab ihr der Trainer zu verstehen. „Wir freuen uns, wenn du weiter dabei bist.“

Der Hintergrund: Gleich zum Auftakt der EM 2017 waren Brennauer und zwei weitere Frauen des deutschen Bahnvierers gestürzt. Der Traum von einer Medaille war ausgeträumt. Noch heute macht sich Brennauer Gedanken darüber, denn sie hatte den Sturz verursacht. Doch schon ein Jahr später machte es das Quartett besser. Erstmals nach vielen Jahren errang die Mannschaft mit dem dritten Platz bei der Europameisterschaft 2018 eine Medaille. 2019 erkämpfte der Vierer mit Lisa Brennauer, Lisa Klein, Franziska Brauße und Gudrun Stock sogar EM-Silber. Im Finale musste sich das Quartett lediglich dem Olympiasieger und Topfavoriten Großbritannien geschlagen geben. Nun soll bei der Weltmeisterschaft im Velodrom der nächste Coup folgen. „Die Mädels haben sich weiter verbessert“, sagt Trainer Korff. „Wir wollen in Berlin um eine Medaille mitfahren.“

Brennauer ist eine feste Größe im Team

So sieht das auch Brennauer. Sie ist längst wieder eine feste Größe im Team, das weiß, was es an der 31-Jährigen hat. Die Allgäuerin ist seit gut zehn Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Radsportlerinnen. Nicht nur auf der Bahn, auch auf der Straße. Dort errang die gebürtige Kemptenerin die größeren Erfolge. Ihr schönster Titel: der Sieg im Einzelzeitfahren bei der Straßenweltmeisterschaft 2014 im spanischen Ponferrada. „Da hatte alles auf den Punkt gepasst“, erinnert sie sich. „Ich hatte im Vorfeld sehr hart trainiert und wurde in Spanien mit dem Sieg belohnt. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.“ Neben diesem Sieg errang die 1,68-Meter große Frau zwischen 2013 und 2015   drei weitere WM-Titel im Mannschaftszeitfahren.

Vier Jahre lang, sagt Brennauer, hatte sie sich voll auf die Straße konzentriert „und in der Zeit nicht einmal auf dem Bahnrennrad gesessen“. Doch dann habe sie plötzlich wieder die Lust gepackt an den schnellen Rennen auf dem 250 Meter langen Holzoval, den steilen Kurven, der Taktik, Perfektion und der tollen Stimmung. „Ich habe es nicht bereut“, sagt sie. „Wir sind eine tolle Truppe mit vielen jungen Talenten.“ Immerhin kann Trainer Korff aus sieben Sportlerinnen auswählen, die zum erweiterten Vierer gehören, darunter viele, die aus dem Nachwuchsbereich den Sprung in die Elite geschafft haben wie Lisa Klein oder Franziska Brauße. Die 21-jährige Metzingerin hatte es im Vorjahr sogar fertiggebracht, Brennauer bei der EM in der Einerverfolgung zu entthronen. Damit hat sie sich neben Brennauer und Klein auch für die WM in dieser Disziplin qualifiziert. Zudem ist sie im Vierer als beste Anfahrerin gesetzt. „Eine solche Breite in unserem Auswahlkader hatten wir noch nie“, freut sich der Trainer.

Bei so viel Jugend sei es gut, sagt Korff, dass eine erfahrene Athletin zum Team gehört. Der war die erneute Umstellung   nicht ganz leicht gefallen. „Die Schrittfrequenz auf der Bahn ist viel größer“, erklärt sie. Im Vierer hat sie deshalb mit dafür gesorgt, dass auch ihre Teamkolleginnen eine größere Übersetzung fahren. „Das hat uns einen weiteren Schub gegeben.“ Von dem auch Brennauer profitierte. Ihre größten Erfolge auf der Bahn hat sie in den vergangenen beiden Jahren erzielt: den EM-Sieg in der Einerverfolgung 2018 und den Vizeweltmeister-Titel 2019, ebenfalls über die 3 000 Meter.

Brennauer will auf der Straße und auf der Bahn antreten

Straßenrennen will sie dennoch weiterhin fahren. „Ich liebe beides“, sagt sie. Was auch damit zu tun hat, dass die Allgäuerin immer neue Herausforderungen sucht. Vor einiger Zeit hat sie ein Fernstudium zur Heilpraktikerin begonnen. In diesem Jahr dreht sich allerdings alles ums Rad. Nach der Heim-WM   gilt es, sich auf die Olympischen Spiele in Tokio vorzubereiten. Zwei Mal war Brennauer bereits bei Olympia, 2012 in London und 2016 in Rio. In Brasilien hatte sie nach ihren WM-Erfolgen in den Jahren zuvor besonders große Erwartungen. Am Ende erreichte sie statt der erhofften Medaille nur Platz acht im Einzelzeitfahren. „Das war für mich die bisher größte Enttäuschung“, sagt sie.

Aber die Frau ist eine Kämpferin. In Tokio möchte sie auf der Straße und Bahn antreten. Sie hat ja noch was gut zu machen Und außerdem: „Ich mag einfach der Kampf gegen die Uhr − und gegen mich selbst.“