Mit Bär und Blumen: Die Berlinerin Lisa-Marie Kwayie gewinnt den 60-Meter-Sprint beim Istaf Indoor. 
DPA/Sören Stache

BerlinDas Jahr 2020 ist für alle Athleten, die in olympischen Sportarten starten, ein besonderes Jahr. Für die Sprinterin Lisa-Marie Kwayie auch, denn sie will im Sommer zu den Olympischen Spielen in Tokio. Die Wettkampfsaison hat für die Berliner Leichtathletin am Freitagabend im Scheinwerferlicht begonnen. Da stand die 23-Jährige beim Istaf Indoor vor ihrem Startblock und schickte mit beiden Händen Küsschen, Küsschen und noch ein Küsschen in die Kamera. Dann stieg sie in den Startblock, Bahn vier, ein nicht so toller Start, ein tolles Rennen mit einem prima Finish über 60 Meter. Feuerfontänen schossen in die Höhe: 7,25 Sekunden. Kwayie sprintete als Erste über die Ziellinie. 

Dann starrte sie zur Anzeigetafel. „Hä?“ war von ihren Lippen zu lesen. Sie schlug die Hände vors Gesicht, schüttelte den Kopf. So oft war sie schon beim Istaf Indoor gestartet, jetzt hatte sie zum ersten Mal gewonnen.  „Heute war ich komplett aufgeregt. Erste Meetings sind ja immer zum Reinkommen. Reinkommen beim Istaf ist schwierig, denn ich wollte mich hier von meiner besten Seite zeigen“, sagte Kwayie. Sie spricht so schnell wie sie rennt.

Aus Neukölln in die Weltspitze

Feuerfontänen, Schall und Rauch, also die eher Klinsmannsche Attitüde, passen gar nicht zu Lisa-Marie Kwayie. Sie hat keinen Big-City-Club gebraucht, um sich in die Weltspitze vorzuarbeiten. Sie hat bislang nur Neukölln gebraucht, ihr Biotop, ihren 1.500 Mitglieder starken Klein-Kiez-Klub der Neuköllner Sportfreunde 1907 und ihren Trainer Frank Paul, der sie seit elf Jahren betreut. Ja, und natürlich den Anstoß ihres damaligen Klassenlehrers, der fand, das „Lieschen“ habe Talent, sie gehöre in einen Sportverein.

Im Sommer 2018 gewann das Lieschen mit der 4x100 Meter-Staffel bei der EM im Berliner Olympiastadion die Bronzemedaille. Im Spätsommer 2019 kam sie bei der WM in Katar mit der Staffel auf Rang fünf. Und über 200 Meter rannte die Sprinterin, die auf der Alice Salomon Hochschule Soziale Arbeit studiert, im heruntergekühlten Stadion von Doha mit der Bestzeit von 22,77 Sekunden bis ins Halbfinale. Die Norm für Olympia über 200 Meter hat sie damit geschafft. 

Lieber Neukölln als USA

„Vom Kopf her tut ihr das natürlich gut“, sagt Frank Paul. Der ist eigentlich Sportlehrer am Ulrich-von Hutten-Gymnasium in Berlin-Lichtenrade. Er hat seine Sportlerin nach Doha begleitet. Er hat sie gefördert, er hat sie geformt und er ist der Grund, weshalb die Studentin, die drei Jahre alt war, als ihr Vater mit ihr aus Ghana nach Berlin kam, lieber mit ihrer kleinen Neuköllner Sprinter- und Springergruppe trainiert, als zu einem großen Verein zu wechseln, der mit Sponsoren lockt – oder gar in eine Trainingsgruppe in den USA.

Kwayie und Paul sind zusammen weit gekommen. „Auch für mich ist das jeden Tag ein bisschen Neuland“, sagt der Trainer. „Ich habe Lisa immer gesagt, wenn sie woanders hin will, möchte ich nie ein Klotz am Bein sein.“ Aber es gibt ja gar keinen Grund, woanders hinzuwollen. Seit einiger Zeit wird Kwayie finanziell vom Unternehmensnetzwerk Neukölln-Südring mitunterstützt. Und diese olympische Saison ist sogar noch besser angelaufen als die Vorsaison, die  Kwayie gezeigt hat, „dass sie international konkurrenzfähig ist“, wie Paul sagt.

Neben Malaika Mihambos Sieg der Höhepunkt beim Istaf Indoor

Beim Trainingslager auf Teneriffa Anfang Januar lief sie das Programm von zweimal 4x60 Meter so schnell wie noch nie. „Es gibt ein paar Indizien, dass wir gut unterwegs sind“, meint Paul.  Der Erfolg von Freitag, der neben Malaika Mihambos Weitsprung-Sieg mit 7,07 Metern einer der Höhepunkte des Istaf-Indoor-Abends war, bestätigt diese These.