Glücksgefühl: Sprinterin Lisa-Marie Kwayie von den Neuköllner Sportfreunden freut sich über ihren Meistertitel.
Foto: Imago Images/Axel Kohring

BraunschweigAls sie nach dem Zieleinlauf austrudelte, wusste Lisa-Marie Kwayie noch nicht, dass sie am Abend kurz nach dem Kollegen Deniz Almas eine der Letzten sein würde, die das Stadion in Braunschweig verlässt. Die Berlinerin wusste ja nicht mal, ob es gereicht hatte für ihren ersten deutschen Meistertitel über 100 Meter. Denn Rebekka Haase war ihr im Finale ziemlich nahe gekommen. Kwayie zupfte also ihre Trikothose am Popo zurecht, tauschte hygienekonzeptgerechte Fußkicks mit den Konkurrentinnen aus. Dann erschien schon das Ergebnis im leeren Stadion auf der Videowand: 1. Kwayie, 11,30 Sekunden, 2. Haase, 11,34 Sekunden. Die Sprinterin von den Neuköllner Sportfreunden beugte sich mit einem Grinsen nach unten, um zu verschnaufen.

Sie genoss, dass es so gekommen war, wie sie es sich ausgemalt hatte. „Es ist für mich eigentlich ziemlich untypisch, im Vorfeld zu sagen, dass ich den Titel holen will. Aber ich hatte dieses Jahr wirklich das Gefühl, es stimmt alles. Wir haben viel dafür getan, mein Körper zeigt mir, dass das möglich ist. Und warum sollte man seine Wünsche nicht auch mal aussprechen.“

Deutschlands Vorzeige-Sprinterin Gina Lückenkemper sowie Tatjana Pinto, mit denen Kwayie 2018 in der Staffel bei den Europameisterschaften in Berlin die Bronzemedaille gewann, hatten ihre Teilnahme bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften wie andere namhafte Athleten abgesagt. Bei Temperaturen über der 30-Grad-Marke hatte Kwayie also die Chance, aus ihren Schatten zu treten. „Ich habe mir diesmal gesagt: ‚Komm, hol dir den Sieg. Komme, was wolle, es muss einfach klappen.‘“

Mit dem deutschen Hallentitel und dem Sieg beim Istaf-Indoor im Februar hatte die Saison für die 23 Jahre alte Studentin der Sozialen Arbeit, die unlängst von Neukölln nach Friedrichshain gezogen ist, gut begonnen. Corona und die Olympia-Verschiebung warfen ihre Planungen über den Haufen. Aber Kwayie trainierte mit ihrem Trainer Frank Paul einfach weiter, um mit dem Auftrieb des erfolgreichen Jahres 2019 das Niveau für Olympia 2021 noch höher zu schrauben.

Sie und Paul nutzten die Corona-Zeit, um das Problem mit dem Hüftbeuger dank neuer Dehnungs- und Kräftigungsübungen zu lösen, das sie oft behindert hatte. „Sie ist komplett schmerzfrei“, sagt Paul. Sie arbeiteten am Start, der am Sonnabend im 100-Meter-Finale prima klappte. „Allerdings war es dann hinten raus noch nicht ganz so gut“, meint Paul, für den ab Montag wieder der Alltag als Sportlehrer am Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Lichtenrade beginnt.

Als es schon dunkel geworden war, saß er am Sonnabend mit Kwayie in den Katakomben der Braunschweiger Arena. Er sah seiner Athletin beim Trinken zu. Wasser – und noch mehr Wasser. Die Urinmenge ihrer ersten Dopingprobe hatte nicht ganz ausgereicht. Also musste sie eine zweite abgeben. Die Meisterfeier war daher begrenzt von Stadionbeton, Nada-Protokoll und Getränkeflaschen. „Du willst dich freuen. Aber dann sitzt du da unten in dem Kabuff“, erzählt Paul. „Wir sind dann als eine der Letzten aus dem Stadion gegangen. Wir mussten sogar noch jemanden bitten, uns das Tor aufzuschließen.“

Dann hatten sie Mühe, in Braunschweig ein Restaurant zu finden, das nach 22.30 Uhr noch geöffnet hatte. „Das Essen ist die Meisterfeier gewesen“, meint Paul, der vor dem Dopingkontrollraum noch mit 100-Meter-Sieger Deniz Almas vom VfL Wolfsburg ein alkoholfreies Bier auf dessen ersten Meistertitel getrunken hatte.

Tatsächlich waren die 10,09 Sekunden, die Almas den Sieg vor dem Kölner Joshua Hartmann (10,23) und dem Erfurter Julia Reus (10,26) brachten, eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der wegen Corona von Juni auf August verschobenen Meisterschaften.

Wie Kwayie hatte Almas, der ebenfalls 23 Jahre alt ist, im Februar bereits den Hallentitel über 60 Meter gewonnen. Wie Kwayie gehört der im Schwarzwald aufgewachsene Sportstudent, der in Leipzig trainiert, zu den aufstrebenden Sprintern, die sich Selbstbewusstsein erarbeitet haben, für Staffel- und Einzelstarts bei Olympia in Tokio empfehlen wollen und dabei an den Zeiten der Etablierten kratzen.

Seit Reus 2016 die 100 Meter in 10,01 Sekunden schaffte, war kein Deutscher mehr so schnell wie Almas, der kürzlich in Weinheim sogar eine 10,08 auf die Bahn gebracht hatte. #Turbotürke hat sich der Sohn einer Deutschen und eines Türken daher selbst in den sozialen Netzwerken genannt. Wie Kwayie hat er die Corona-Zeit genutzt, um dieses Jahr ohne Druck anzugehen, hart zu arbeiten „und den Rückenwind aus dieser Saison mitzunehmen, um eine super Vorbereitung auf die Olympischen Spiele zu machen“.

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