Die Olympischen Spiele fordern den Zuschauer: Konzentration, Reaktionsvermögen und Ausdauer sind gefragt wie nie zuvor. Eine Hand an der Fernbedienung des Fernsehers, die andere auf dem Touchpad, kontrolliert er auf dem Laptop, ob die Hockey-Frauen ihre knappe Führung behaupten, während auf dem großen HD-Fernseher das Drama im Radstadium läuft. Blitzschnell muss der Ton umgeschaltet werden, wenn die Hockey-Damen eine Strafecke bekommen. Ständig passiert irgendwo in London etwas Interessantes.

Auf bis zu sechs parallelen Live-Streams im Internet lassen ARD und ZDF die Londoner Wettkämpfe laufen, zwei Drittel davon kommentiert. Doppelt so viele Kanäle stellt die Europäische Fernsehunion EBU auf ihrem Portal eurovisionsports.tv bereit – allerdings unkommentiert.

Zuschauer macht Programm

Das strapazierte Schlagwort vom Zuschauer als Programmdirektor wird während dieser Spiele erstmals wirklich Realität. Natürlich ließen sich auch bisher schon Serien oder News in den Mediatheken abrufen. Doch der Aktualitätsdruck und die Vielzahl der Ereignisse bei Olympischen Spielen verleihen dem Ganzen eine ganz andere Dimension.

ARD und ZDF können dank der Netz-Kanäle nicht nur mehr Sport anbieten, sondern sogar Geld sparen. Denn bei den vorigen Spielen nutzten sie noch ihre Digitalkanäle für parallele Übertragungen – diese Einspeisung war teurer als das Bereitstellen der Server. Leider haben die Sender aber unterschätzt, wie stark sich die Zuschauer ins Netz stürzen würden. Das ZDF verzeichnete schon am Eröffnungswochenende täglich über eine Million Abrufe, die ARD registrierte am Dienstag drei Millionen Zugriffe, bis Donnerstag wurden Streams mehr als zehn Millionen Mal genutzt. Daneben werden besonders die Videos mit Höhepunkten gern angeklickt. Das ZDF musste am Dienstag einräumen, dass die Kapazitäten etwa bei den Tischtennis-Spielen nicht ausgereicht hatten und rüstete nach, die ARD ebenso.

Personell mussten ARD und ZDF dagegen nicht aufrüsten, sondern können ihre Kooperation demonstrieren. Wer sich bisher gefragt hat, was die vielen ARD-Leute eigentlich tun, wenn das ZDF überträgt – die Sender liefern jetzt Arbeitsnachweise. Bestreitet das ZDF nämlich das Hauptprogramm im Fernsehen, sitzen die ARD-Kollegen in den Kabinen und kommentieren die Live-Streams. Für die Live-Übernahmen ins Hauptprogramm sitzt dann parallel ein ZDF-Mann vorm Mikro, der das bisherige Geschehen eingangs zusammenfasst. Das funktioniert auch umgedreht.

Live ist doch nicht live

Dabei wird immer wieder deutlich, dass live dann doch nicht live ist. Im Internet ist ein Rennen oft schon Minuten vorbei, während bei ARD oder ZDF ein Reporter noch so tut, als passiere das Kommentierte just in jener Sekunde. Überhaupt stellen die Live-Streams trotz ihrer minderen Übertragungsqualität die moderierten Fernsehsendungen immer mehr in Frage. Denn sie zeigen dem Sportfan schmerzlich auf, wie viel er im Fernsehen eigentlich verpasst, welch großen Reiz die sogenannten „Randsportarten“ haben können.

Wer im Netz etwa über eine Stunde lang zusah, wie sich der deutsche Badminton-Spieler Marc Zwiebler mit dem Chinesen Chen Jin duellierte, der bekam einen ganz anderen Einblick in diesen Sport, als wenn ihm in der TV-Zusammenfassung nur der allerletzte Ballwechsel vorgeführt wird und der beeindruckend beherzte Auftritt des Deutschen schnell abgehakt wird.

In die Hauptsendungen eingeladen werden stets nur die glücklichen deutschen Medaillengewinner. Sie dürfen ihre Medaillen vorzeigen und müssen oft gönnerhafte Fragen über sich ergehen lassen. In den Live-Streams dagegen geht es eher sachlich und unparteilicher zu, die Kommentare klingen unaufgeregt – nur ein Béla Réthy bleibt auch hier eine Nervensäge, wenn er das Frauen-Hockey-Spiel mit seinem Fußball-Vokabular erfassen will.

Absurde Flugeinlage

Spätabends, wenn nicht mehr alle Live-Kanäle bespielt werden, kann sich der Sportfan etwas gönnen – und guckt in voller Länge die Shows des amerikanischen Basketball-Teams. Ob absurde Flugeinlagen, Dunkings rückwärts oder das spektakuläre Dreierwurf-Festival gegen Nigeria mit unfassbaren 156 Punkten, sie verschaffen Entspannung nach einem halben Tag voller Entscheidungen.

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In den Viertelpausen wird dann doch noch einmal umgeschaltet: Ein deutsches Beachball-Duo kämpft weit nach Mitternacht gegen zwei Tschechen – gänzlich unkommentiert. Doch das Klatschen des Balls, die Rufe des Publikums und die Musik im Londoner Horse Guards Parade verschaffen dem Zuschauer ein Gefühl, als säße er mittendrin. Den Reporter vermisst man nicht.