Thomas Müller, der 32 Jahre alte Profi des FC Bayern München, hat sich eine Auszeichnung verdient: Er ist der leidenschaftlichste Nationalspieler aller Zeiten, er ist der Mann, der immer will und fast immer kann, auch wenn der Körper einem nach einer kräfteraubenden Spielzeit gegenteilige Botschaften sendet. Und Müller ist im Hinblick auf die Weltmeisterschaft, bei der die DFB-Elf in der Vorrunde auf Japan (23. November), auf Spanien (27. November) und schließlich auf Costa Rica (1. Dezember) treffen wird, der Schlüsselspieler im Team von Bundestrainer Hansi Flick.

Das hat sich auf eindrucksvolle Weise am Dienstagabend beim 5:2 gegen Italien gezeigt, als der DFB-Elf im Nations-League-Duell mit dem Europameister ein überaus wertvoller Erfolg gelang – und das im Besonderen aus psychologischer Sicht.

Vergessen die historische Remis-Serie, mit einem 1:1 gegen Holland, einem 1:1 gegen Italien, einem 1:1 gegen England und diesem 1:1 gegen Ungarn am vergangenen Sonnabend, bei dem die Hansi-Flick-Elf so spielte wie eine Jogi-Löw-Elf. Erledigt auch das Thema mit dem ausbleibenden Sieg gegen eine große Fußballnation, wobei die Italiener aufgrund der notwendig gewordenen Restaurierung ihres Kaders derzeit nur bedingt zu den großen Fußballnationen gezählt werden dürfen. Sei’s drum.

Vorlagengeber und Torschütze

Eine Relativierung des deutschen Glücks ist tatsächlich unangebracht. Wir schließen uns deshalb der Einschätzung von Flick an, der sagte: „Man muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen, das war ein richtiger Stresstest für sie.“ So darf diese Mannschaft plötzlich wieder auf den Einzug in die Finalrunde der Nations League hoffen, so startet diese Mannschaft nach der Sommerpause mit einem ganz anderen Gefühl in die Vorbereitung auf das Turnier in Katar.

Müller trat dabei mal wieder als ein von Emotionen und Wille bewegter Anführer in Erscheinung, zudem als Vorlagengeber und Torschütze zum 3:0. Er brachte sich aber auch als eine Art Spielertrainer ein, wie Flick im Nachgang erklärte. Müller, so der glückliche Auswahltrainer, hätte seine Kollegen während der Partie immer wieder gecoacht, ihnen vor Augen geführt, wie man die Flick’sche Spielidee in die Praxis umsetzt. Und das alles nach einer für Müller sehr langen Saison mit 44 Einsätzen in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal. Acht Tore erzielte er dabei, bereitete 25 Treffer vor, womit er sich einen weiteren Superlativ verdient hat: Er ist der mit Abstand mannschaftsdienlichste Offensivspieler Deutschlands.

Welches Feuer noch immer in ihm brennt, war am Dienstagabend auch bei den Interviews nach Spielschluss zu sehen und zu spüren. Richtig aufgewühlt war er, erklärte, dass er solche Spiele in vollen Zügen genieße, weil ja nicht davon auszugehen sei, dass er noch weitere 50 Länderspiele bestreiten werde. Er sprach von sachlichem Mut, der wertvoller sei als die emotionale Wut, von der Bereitschaft, sich über ein unablässiges Pressing immer wieder die „zweiten Bälle“ sichern zu wollen. Da stand einer, dem das alles sehr, sehr wichtig ist.

Löws grobe Fehleinschätzung

Schließlich scheute sich Müller auch nicht davor, noch einmal Kritisches einzubringen, sagte: „Wir haben ein gutes Projekt am Laufen, haben alles, um an einem guten Tag jeden schlagen zu können. Wir haben aber auch, so ehrlich muss man sein, noch allerhand Defizite, um von einer perfekten Mannschaft, von Souveränität und von einer Uns-kann-keiner-schlagen-Mentalität zu sprechen. Die fußballschlauen Dinge, also das Richtige machen zu wollen, da müssen wir alle noch was draufpacken.“

Letztendlich stellt sich die Frage, wie Altbundestrainer Joachim Löw infolge des frühen Scheiterns bei der WM 2018 bei seiner vielleicht dann doch nicht so tiefgreifenden Analyse zu dem Schluss kommen konnte, dass Müller in der Nationalmannschaft nichts mehr zu suchen habe. Was für eine Fehleinschätzung, was für ein Affront gegenüber Müller, der damals aber nur leise klagte und sich nach der Volte von Löw frei von jedweder Eitelkeit zum Comeback bereit erklärte. Eigentlich müsste er in Katar anstatt Manuel Neuer in der Nationalmannschaft die Kapitänsbinde tragen. Müller ist nämlich der deutsche Spielführer.