LeipzigVieles erinnert an der Leipziger Arena gerade an eine Baustelle. Große Kräne ragen in den Nachthimmel, denn noch ist für eine Ringerweiterung nicht mal der Rohbau abgeschlossen. Vielen kommt die deutsche Nationalmannschaft in diesem Herbst ähnlich unfertig wie die sächsische Spielstätte für die Heim-EM 2024 vor, aber immerhin hat es die B-Besetzung des in der Pandemie zu ständigen Bastelarbeiten gezwungenen Bundestrainers Joachim Löw am Mittwochabend geschafft, mit dem 1:0 (1:0) gegen Tschechien den zweiten Sieg seit dem Re-Start Anfang September einzufahren. Luca Waldschmidt gelang dabei vor verwaisten Rängen die frühe Entscheidung (13.) in einer ansprechenden ersten Hälfte. Vor allem in der zweiten Halbzeit leistete sich die DFB-Auswahl jedoch viel Leerlauf.

So hat der Testlauf mit vielen Nachrückern erwartungsgemäß nicht allzu vertiefende Erkenntnisse geliefert: Erst mit der Anreise von mehr als einem halben Dutzend Stammkräften am Donnerstag nimmt die DFB-Auswahl besser bekannte Konturen an, um dann in den aussagekräftigeren Nations-League-Duellen gegen die Ukraine (Sonnabend) und in Spanien (Dienstag) für einen versöhnlichen Abschluss im eigenartigen Corona-Jahr 2020 noch weitere Pluspunkte zu sammeln.

Bundestrainer Löw spürt „unglaubliche Motivation“

Gestern gefielen in der unerfahrenen deutschen Startelf anfangs gleich zwei Debütanten: Auf der rechten Außenbahn durfte sich der gebürtige Mainzer Ridle Baku, spät zum VfL Wolfsburg gewechselt, zeigen; auf der linken Seite trug Spätstarter Philipp Max, neu beim PSV Eindhoven, erstmals das DFB-Dress. Beide nutzten ihre Freiräume im 3-4-3-System weidlich und legten oft den Vorwärtsgang ein. So war es auch kein Zufall, dass das forsche Duo auch am frühen Führungstreffer beteiligt war: Baku brachte den stark aufspielenden Florian Neuhaus in Schussposition, woraufhin Keeper Jiri Pavlenka mit einer Flugparade abwehrte. Doch Max gab den Ball gedankenschnell wieder in die Mitte, wo Waldschmidt im Torjägerstil vollendete. Dieser Vorsprung verlieh der DFB-Elf im Ausbildungsstatus gegen einen limitierten Gegner zunächst Sicherheit.

Löw hatte zuvor mit Nachdruck versichert, er spüre „unglaubliche Motivation, unglaublichen Willen“ bei seiner Mannschaft, die nach seiner Corona-Erkrankung Ilkay Gündogan zum zweiten Male als Kapitän auf den bestens bespielbaren Rasen führte. Für die nächste Großchance musste der kreative Kopf aber gar nicht viel tun, sondern der tschechische Innenverteidiger Vaclav Jemelka bediente Julian Brandt, der die Kugel etwas nachlässig in den Leipziger Nachthimmel drosch (27.). Nicht viel besser machte es der für den am Oberschenkel verletzten Jonas Hofmann eingewechselte Nadiem Amiri, der freistehend am gut reagierenden  Pavlenka scheiterte – der Stammtorwart von Werder Bremen entschärfte auch den Nachschuss (43.).

Beim Gegner war am Spieltag ein zweiter Corona-Fall publik geworden, der sich aus einen positiven Test am Dienstag ergab. Der Spieler habe sich schon vorher nicht wohl gefühlt und sei aus präventiven Gründen in seinem Hotelzimmer geblieben, teilte der tschechische Fußballverband mit. Legia Warschau gab bekannt, das es sich um Tomas Pekhart handelte. Auch auf deutscher Seite dünnte sich der Kader am Mittwochnachmittag aus: Aufgrund der Häufung von infizierten Akteuren bei der TSG Hoffenheim verließ Torwart Oliver Baumann in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden unverzüglich das Teamquartier – als Vorsichtsmaßnahme.

Aus Schonungsgründen verließ Gündogan zur Pause den Platz: Der 30-Jährige wird wegen der Verletzung von Joshua Kimmich und der Sperre von Toni Kroos gegen die Ukraine wieder gebraucht. Seinen Part übernahm Mahmoud Dahoud, der nach einer Stunde das 2:0 auf dem Fuß hatte. Noch näher kam Neuhaus dem zweiten Treffer, dessen herrliche Direktabnahme aber ans Lattenkreuz klatschte (77.). Ansonsten wirkte die Mannschaft längst nicht mehr so zielstrebig, ließ aber im Gegensatz zu den vergangenen Länderspielen hinten wenig anbrennen: Die Dreierkette mit Jonathan Tah, Robin Koch und dem mit seinen Spielverlagerungen positiv in Erscheinung tretenden Antonio Rüdiger verteidigte gegen den harmlosen Gegner lange souverän. Deshalb dauerte es bis zur 82. Minute, ehe Kevin Trapp mit einer glänzenden Reaktion bei einem Kopfball von Matej Vydra ernsthaft eingriff. Der sichere Schlussmann von Eintracht Frankfurt dürfte sich am meisten über das Ergebnis gefreut haben – war es für den 30-Jährigen doch  im fünften Länderspiel endlich der erste Erfolg mit der deutschen Auswahl.