Lok Leipzigs Sportchef Wolfgang Wolf, 62, blickt optimistisch in die Zukunft.
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Berlin/LeipzigCorona-Meister nennen einige Beobachter Lok Leipzig süffisant. Sie sind der Mannschaft von Cheftrainer und Sportdirektor Wolfgang Wolf nicht unbedingt zugetan. Denn besser müsste es heißen: Meister am Grünen Tisch. Nach dem Abbruch der Saison in der Regionalliga Nordost nach 13 Wochen Pause wegen des Coronavirus hat das Präsidium des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) Lok Leipzig nach der Quotientenregel zum Staffelsieger erklärt. Das ist verbunden mit dem Recht, zwei Relegationsspiele um den Aufstieg in die Dritte Liga gegen den Sieger der Regionalliga West zu bestreiten.

Als er die erlösende Nachricht bekam, habe er mit seiner Familie angestoßen und viele Telefonate geführt, hat Wolfgang Wolf jetzt dieser Zeitung gesagt: „Meine Mannschaft hat sich nun eine Riesenchance erarbeitet, nachdem wir eine Super-Saison gespielt haben mit nur einer Niederlage.“  Die passierte ausgerechnet im Leipziger Derby bei Chemie,  0:2 verlor Lok. „Nun wollen wir mit Mentalität und Leidenschaft auch die letzte Hürde nehmen.“ Die heißt: Dritte Liga, zu überwinden ist in Hin- und Rückspiel wahrscheinlich der SC Verl.

Am vergangenen Sonntag hat Lok-Trainer Wolfgang Wolf, 62, seine Spieler zum intensiven Training zusammengerufen. Seitdem wird in Gruppen geübt. Mehr ist derzeit nicht erlaubt. Wolf sagt: „Wir werden die Trainingsintensität langsam steigern und uns Material über den Gegner besorgen. Verl habe ich noch nie live gesehen.“ Der Trainer glaubt, dass es zwei „ganz enge Spiele geben wird. Alle kommen aus der Kalten heraus, denn es gibt ja vorher keine Testspiele.“ 

Eine weitere Hürde neben der Relegation stellen die Ansprüche des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Sachen Lizenz dar. Die war im ersten Anlauf noch verweigert worden. Der DFB stellte zahlreiche Forderungen, die vor allem das altehrwürdige Bruno-Plache-Stadion mit seiner bekannten Holztribüne aus dem Jahr 1932 betrafen.

Seit Mitte Mai arbeiten in der Arena nun intensiv Handwerker und auch viele freiwillige Helfer. Am zurückliegenden Sonnabend fassten erneut 70 Fans mit an, in dieser Woche sind Helfer jeden Tag von 9 bis 15 Uhr willkommen. Zäune werden gestrichen, Traversen gesäubert, Sanitäranlagen gereinigt. Es wird gebaggert und geschaufelt.

Altehrwürdige Arena des 1. FC Lok Leipzig: Das Bruno-Plache-Stadion unter Flutlicht.
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Die Flutlichtanlage muss von 600 Lux auf 800 Lux erweitert werden, eine neue Lautsprecheranlage, mehr überdachte Sitzplätze und neue Presseplätze werden benötigt. All das verursacht enorme Kosten. Sportdirektor Wolf ist sich aber sicher: „Wir bekommen die Lizenz, im Stadion geht es täglich voran und wir haben auch eine Ausweich-Arena, in der wir zuerst in der Dritten Liga spielen könnten.“ Um welches Stadion es sich handelt, sagt Wolf erst einmal nicht. Bis zum 22. Juni muss Lok dem DFB ein Ausweichstadion präsentieren.

In Leipzig, wo Lok nach Bundesligist Rasenball (RB) den größten Zuspruch besitzt – knapp vor Erzrivale Chemie Leipzig –, hoffen viele Fans auf den Aufstieg. Lok war zu DDR-Zeiten viermal FDGB-Pokalsieger und dreimal Meisterschafts-Zweiter in der Oberliga, stand meist für technisch gepflegten Fußball. In oft dramatischen 77 Europapokalspielen gegen namhafte Konkurrenten begeisterte Lok in den 70er- und 80er-Jahren einst das Publikum, lockte oft 80.000 oder gar 90.000 Zuschauer ins riesige Zentralstadion. 1987 zog die Mannschaft sogar ins Finale des Europacups der Pokalsieger ein und unterlag Ajax Amsterdam in Athen mit 0:1. Torschütze: Marco van Basten.

Lok wird von 2800 Mitgliedern unterstützt, stattliche 3200 Fans kamen im Schnitt zu den Spielen in der Regionalliga. Die Liebe des Anhangs ist groß. Als die Corona-Krise zu hohen finanziellen Einbußen führte, wurde die Aktion „Leute, macht die Bude voll“ ein Riesenerfolg und brachte sogar internationale Beachtung ein. Binnen zwei Monaten wurden virtuelle Tickets für je einen Euro für ein Spiel gegen einen „unsichtbaren Gegner“ verkauft. Der Erlös: 182.000 Euro plus Spenden in Höhe von 47.000 Euro. Ein Ergebnis, das erstligareif erscheint.

Es sind aufregenden Zeiten, in denen die Leute von Lok Leipzig derzeit leben. Wolf hat allerdings schon viel mitgemacht in seiner Karriere. Er war Cheftrainer in der Ersten Bundesliga beim VfL Wolfsburg, beim 1. FC Nürnberg und beim 1. FC Kaiserslautern. Für die Pfälzer bestritt er als harter Abwehrspieler 248 Erstliga-Spiele. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er nun: „Ob Sie es glauben oder nicht, ich war vor der Entscheidung ganz ruhig und entspannt. Hauptsache, es ist vorbei und alle wissen endlich, wie es weiter geht.“

Das war das Wichtigste an der Nachricht von der Meisterschaft zugunsten der Leipziger und gegen die punktgleiche VSG Altglienicke. Wolf sagt deshalb auch, er sei sehr glücklich gewesen, als er am Freitag verständigt wurde. Doch: „Es tut mir leid für die Mannschaften, die hinten dran sind. Aber es musste endlich eine Entscheidung getroffen werden.“

Lok Leipzig (47 Punkte in 22 Spielen) kam auf einen Quotienten von 2,14 gegenüber der VSG Altglienicke (47 Punkte in 23 Spielen) mit 2,04. Lok war in der Liga vor dem Abbruch im März seit 15 Spielen unbesiegt und lag hinter Altglienicke auf der Lauer. Leipzig hatte ein Spiel weniger absolviert, da das Auswärtsduell beim Berliner AK Anfang März Wetterunbilden zum Opfer gefallen war.

Gerücht um Marek Mintal

Das ist jetzt Geschichte. Die Zukunft heißt Dritte Liga, wenn alles glatt geht für Lok. Bei einem Aufstieg will Wolfgang Wolf nur noch als Sportdirektor agieren. Ein neuer Cheftrainer wird gesucht. Ein Gerücht besagt, dass Wolf einen ehemaligen Mitstreiter im Visier hat: Marek Mintal, Torschützenkönig der Bundesliga von 2004/05 mit dem „Club“ und im Moment Trainer des 1. FC Nürnberg II in der Regionalliga Bayern.

Sollte das Unternehmen Aufstieg scheitern, könnte es mit drei oder vier prominenten Absteigern aus der Dritten Liga aus dem Verbandsgebiet – etwa Jena und Halle - und zwei Aufsteigern aus der Oberliga zu einer Regionalliga Nordost mit bis zu 23 Mannschaften kommen. Das wäre dann eine Mammutstaffel. Der Nordost-Meister 2020/21 steigt dann aber direkt in die Dritte Liga auf.