Loris Karius stellt sich im Stadion An der Alten Försterei den Fragen der Journalisten.
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BerlinLoris Karius hat eine Ahnung, was in den nächsten Minuten auf ihn zukommt und weiß in etwa, mit welchen Fragen er gleich konfrontiert wird. Aber das ist sein Job. Er ist jetzt Spieler des 1. FC Union, er muss sich mit den Journalisten, die den Bundesligisten begleiten, früher oder später auseinandersetzen. Und dieses „früher“ ist eben jetzt, Dienstag, punkt 12.15 Uhr, wie von den Öffentlichkeitsarbeitern des Klubs organisiert.

Ein halbes Dutzend Mikrofone, genauso viele Kameras und etwa 15 Reporter hat der 27 Jahre alte Torhüter vor sich, als er vor der Haupttribüne im Stadion An der Alten Försterei in Stellung geht. Und vielleicht ist das alles ein bisschen zu viel, als dass man von ihm tatsächlich ein offenes, überraschendes Wort erwarten könnte. In so einer Situation sind Journalisten für einen Profi-Torwart eben nun mal in etwa so nervig wie ein gegnerischer Außenstürmer, der fortdauernd wild flatternde Flanken vors Tor schlägt. Zumindest wirkt Karius, der immer noch beim FC Liverpool unter Vertrag steht und auf Leihbasis für ein Jahr in Köpenick spielt, nicht genervt, vielleicht etwas angespannt. Er fragt, ob er den Mundschutz abnehmen könne. Ja, jetzt, sagen die von der Pressestelle der Eisernen.

Sein erster Eindruck vom 1. FC Union? Natürlich: „Gut.“ Eine richtige Mannschaft, eine richtige Einheit habe er in Köpenick vorgefunden, sagt er, und das müsse man ja sein, um das Ziel, den Klassenerhalt, zu schaffen. Die Aussicht, dass die Alte Försterei bis auf weiteres nur zum Teil mit Zuschauern gefüllt sein wird? „Wir müssen das kompensieren.“ Dann wird es sogleich etwas brenzliger. Ob seine Freundin (die in diesem Moment, aber auch im weiteren Verlauf des Gesprächs nicht namentlich erwähnt wird) damit etwas zu tun gehabt hätte, dass er nach Berlin gewechselt sei, wird er gefragt. „Eigentlich nicht“, antwortet Karius. Er richte die Wahl seines Klubs nicht nach seinem Privatleben.

Schließlich wird es ernst. Der wunde Punkt. Das Champions-League-Finale 2018, als er als Schlussmann des FC Liverpool mit seinen Patzern Real Madrid den Weg zum Titelgewinn ebnete. „Das ist doch mittlerweile mehr als zwei Jahre her“, sagt er. „Die guten Leistungen, die ich zuvor gebracht habe, ob in Mainz oder in Liverpool, sind ja in Deutschland offenbar schon vergessen. Und ich habe seither schon wieder 60 Spiele plus absolviert. Aber ich kann das halt nicht mehr ändern. Ich habe das jedenfalls schon lange abgehakt, die Einzigen, die darüber reden wollen, seid ihr.“ Gut, was soll er sonst sagen. Dass er immer noch damit zu kämpfen hat? Dass er deswegen noch immer schlaflose Nächte hat? Auch wenn dies wahrscheinlich gar nicht der Fall ist. Loris Karius, der verletzte Fußballkrieger, darf keine weitere Schwäche mehr zeigen.

Wohl auf ewig wird er mit diesem einen flirrenden Fußballabend in Kiew in Verbindung gebracht und danach gefragt werden. Das ist sein Schicksal. Damit muss er klarkommen. Er hatte damals ja erst mal geschwiegen, dann auf Anraten des FC Liverpool im Nachgang einen Fachmann in Boston konsultiert, der ihm bescheinigte, dass er an diesem 26. Mai 2018 nach dem Check von Real Madrids Kapitän Sergio Ramos unter einer „visuellen räumlichen Dysfunktion“ gelitten habe. Seine schwerwiegenden Aussetzer bei den Toren von Karim Benzema und Gareth Bale hätten also eine konkrete Ursache gehabt. Doch alles war verloren, das Champions-League-Finale, vor allen Dingen aber seine Reputation. Die Reds verpflichteten daraufhin mit dem Brasilianer Alisson Becker eine neue Nummer eins. Karius, der Unglücksrabe, der Verlierer, musste gehen, musste weitermachen mit einer schweren Bürde, mit der Angst des Torhüters vor dem nächsten Patzer. Er heuerte bei Besiktas Istanbul an.

Es hat andere Keeper gegeben, die mit groben Fangfehlern ein sehr, sehr wichtiges Spiel zuungunsten ihrer Mannschaft entschieden. An Oliver Kahn sei erinnert, der im WM-Finale 2002 einen Schuss von Rivaldo aus den Armen gleiten ließ und Ronaldo damit die Chance zum Nachschuss eröffnete. Verarbeitet, vergessen, Kahn gilt dennoch als einer der besten Schlussmänner aller Zeiten. Bei Bremens Oliver Reck hatte man sich gar daran gewöhnt, dass ihm der eine oder andere Ball mal durch die Finger flutscht. Stichwort: Pannen-Olli. Was seinen Trainer, Otto Rehhagel, aber offensichtlich nicht weiter bekümmerte. Reck wird bei Werder zu den Klubikonen gezählt. Doch Klopp ist nicht Rehhagel, und Karius ist nicht Kahn, der im Nachgang als „tragischer Held“ bezeichnet wurde und dementsprechend Mitleid, aber auch Zuspruch erfahren hat.

Karius wurde verspottet, zum Ziel bösartiger Kommentare. Aber warum nur? Nun, Karius ist vielleicht nicht der beste, aber auf den ersten Blick der smarteste Profi-Torhüter der Welt. Ist zudem einer, der Lust darauf hat, über die sozialen Medien zumindest einen Teil seines Lebens in die Öffentlichkeit zu spielen. So ist er nicht nur Fußballer, sondern auch It-Boy. So geht es bei ihm nicht nur um das nächste Spiel, sondern um die nächste Instagram-Story, um das nächste Tattoo. Das macht die Sache nicht einfacher. Genauso wie die Tatsache, dass seine Freundin Sophia Thomalla ist. So hat dieser sympathische junge Mann auch noch den Neid der anderen zum Gegner.

Jetzt also Union, nachdem er im Sommer von Liverpools Jürgen Klopp einmal mehr eine ehrliche Antwort erhalten hat. Er brauche dringend Spielpraxis, die Klopp ihm nicht garantieren könne, war die Botschaft. Und dass Union ein guter Schritt wäre, um seine Karriere wieder in Schwung zu bringen. Karius sagt: „Ich habe Erfahrungen gesammelt, die in meinem Alter nur wenige andere Torhüter gesammelt haben. Ich habe alles mitgenommen, positiv wie negativ. Nun will ich zeigen, dass ich ein guter Bundesligatorwart bin.“ Das Zeug dazu hat er allemal, als Torhüter, der sehr gut Fußball spielen kann, aber auch als guter Typ.