Lothar Kurbjuweit 2018 beim Freundschaftsspiel zwischen VfB Einheit zu Pankow und einer Auswahl früherer DDR-Nationalspieler.
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BerlinAm Sonnabend geht die Fußball-Regionalliga Nordost in die neue Saison. Fünf Monate Zwangspause wegen des Coronavirus liegen hinter den Mannschaften. Da der 1. FC Lok Leipzig in der Relegation um den Aufstieg in die Dritte Liga am SC Verl aus der Staffel West scheiterte und mit dem Chemnitzer FC und dem FC Carl Zeiss Jena zwei prominente Drittliga-Absteiger in den Nordosten kamen, gehen 20 Teams ins Rennen. Der Staffelsieger steigt 2021 direkt in die Dritte Liga auf, es wird maximal vier Absteiger geben. Gleich sechs Mannschaften, die 1990/91 in der DDR-Oberliga spielten, gehören nun der Regionalliga Nordost an. Im Interview bewertet der ehemalige Nationalspieler Lothar Kurbjuweit als Kenner des Ostfußballs die vierte Liga.

Berliner Zeitung: Herr Kurbjuweit, wo waren Sie am 11. August 1990?

Lothar Kurbjuweit: Schwere Frage. Wieso?

Damals wurden die Duelle des ersten Spieltags in der letzten Saison der DDR-Oberliga angepfiffen.

Na klar. Ich war Trainer beim FC Rot-Weiß Erfurt und Rüdiger Schnuphase mein wichtiger Assistent. Ich hatte die Mannschaft im Januar 1990 übernommen. Die letzte Saison der Oberliga entwickelte sich für uns in Erfurt zu einem unglaublichen Kracher. Wir wurden sensationell Dritter und qualifizierten uns so für die Zweite Bundesliga. Es gab ja die berühmte 2-plus-6-Regel, nach der aus der Oberliga zwei Teams in die Erste Bundesliga eingegliedert wurden und sechs Mannschaften in die Zweite Bundesliga. Trotz des Riesenerfolgs haben wir uns später auch ein wenig geärgert, wir hatten am Ende einen Punkt weniger als Dynamo Dresden. Dynamo ist mit Hansa Rostock in die Erste Liga gekommen.

War damals auch Wehmut im Spiel bei Ihnen?

Ja, schon. Damals hatten ja schon einige unserer besten Spieler Anfang 1990 die DDR Richtung Bundesliga verlassen, wie Andreas Thom vom BFC Dynamo. Unsere sportlichen Qualitäten litten. Aber die 2-plus-6-Regel empfand ich damals als relativ fairen Kompromiss bei der Wiedervereinigung des deutschen Fußballs.

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Zur Person

Lothar Kurbjuweit, 69, gab mit 17 Jahren für Stahl Riesa sein Debüt in der DDR-Oberliga. Der Abwehrspieler bestritt 357 Spiele für Riesa, den FC Carl Zeiss Jena und den Halleschen FC Chemie. Für Jena kam er in 55 Europacup-Duellen zum Einsatz. Der Defensivmann hat 66 Länderspiele in seiner Vita, nahm an den Olympischen Spielen 1972 in München teil (Bronzemedaille) und errang bei Olympia 1976 in Montreal mit der DDR-Auswahl die Goldmedaille. 1974 stand er bei der WM im DDR-Team, das den späteren Weltmeister BRD in Hamburg mit 1:0 besiegte. Kurbjuweit war Cheftrainer bei Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena. In Jena war er auch für drei Jahre Präsident. Von 2005 bis 2010 arbeitete er als Scout des 1. FC Nürnberg in der Ersten Liga. Er lebt in Berlin-Pankow. (mj.)

Jetzt, 30 Jahre später, vertritt nur noch der 1. FC Union den Ostfußball in der Bundesliga, abgesehen vom Sonderfall RB Leipzig. Erzgebirge Aue spielt in Liga zwei, aber fünf Teams aus der DDR-Oberliga mühen sich in der Dritten Liga und nun sogar sechs Mannschaften in der Regionalliga Nordost.

Das ist eine völlig unbefriedigende Situation, die aber absehbar war. Die Wirtschaftskraft im Westen Deutschland ist ungleich größer und damit auch die Chancen für Fußballklubs, starke Partner zu finden. Hut ab, was Union leistet. Die Berliner waren ja in der DDR eher ein Fahrstuhlklub. Und was Erzgebirge Aue macht, ist mehr als solide. Was Präsident Helge Leonhardt dort leistet, ist stark. Er hat absolut das Sagen und gibt dafür auch das Geld.

Kommen wir zur Regionalliga Nordost. Mit dem Chemnitzer FC, dem FC Carl Zeiss Jena, dem 1. FC Lok Leipzig, Chemie Leipzig, Energie Cottbus und dem BFC Dynamo tummeln sich dort nun sechs Klubs, die 1990/91 auch die letzte Saison der DDR-Oberliga bestritten. Ist das gut für diese Liga?

Diese Mannschaften machen diese Liga natürlich attraktiver, viele Leute wollen diese Teams sehen, haben oft noch eigene Erinnerungen an bessere Zeiten. Gerade Chemnitz und Jena werten diese Staffel auf, aber es tut auch weh, diese einst erfolgreichen Klubs nun dort zu beobachten.

Als Spieler haben Sie für den FC Carl Zeiss über 50 Europacupspiele bestritten, darunter das legendäre 4:0 gegen den AS Rom oder auch das Europacup-Finale gegen Dinamo Tbilisi, das 1:2 verloren ging. Was empfinden Sie, wenn Sie den Absturz von Jena sehen? Der einstige Zeiss-Stürmerstar Peter Ducke geht schon lange nicht mehr ins Stadion.

Peter Ducke war immer ein bisschen speziell, aber sein Verhalten ist nachvollziehbar. Ganz ehrlich, als Jenenser schämt man sich. Das ist ein richtiges Trauerspiel, das mir schon wehtut. Die letzte Saison in der Dritten Liga war schlimm, eine Katastrophe. Irgendwie zweifele ich manchmal an der Einstellung einiger Spieler, man muss doch versuchen, jeden Tag im Training an seine Grenzen zu gehen. Jena hat eben keine großen Sponsoren mehr, nachdem Carl Zeiss ausgestiegen war. Ich habe als Jenaer Präsident am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man kein Geld zur Verfügung hat. Tradition allein reicht nicht. Das betrifft ja viele der in der vierten Liga gelandeten Klubs. Vielleicht gelingt es aber der Stadt Jena, mit dem Stadionumbau ein positives Zeichen zu setzen.

Welche Rolle trauen Sie Jena in der Regionalliga Nordost zu, wo ja allein acht Teams aus Berlin am Ball sind?

Jena und Chemnitz muss man auf der Rechnung haben, wenn es um die oberen Plätze geht. Vorausgesetzt, dass das Personal nicht vollends auseinanderfliegt. Man wird sicher vor allem auf den eigenen Nachwuchs setzen.

Wer ist noch ein Kandidat für die Ligaspitze?

Das ist sehr schwer einzuschätzen, das kann man sicherlich nach fünf, sechs Spieltagen besser voraussagen. Wenn der 1. FC Lok Leipzig die Enttäuschung über den Nichtaufstieg überwunden hat, können sie sicher eine gute Rolle spielen. Dort war ja zuletzt auch der Angreifer Matthias Steinborn, der mir immer sehr positiv aufgefallen ist. Da ist dem BFC Dynamo eine gute Verpflichtung gelungen. Steinborn ist wohl zum dritten Mal beim BFC.

In Berlin wird am ersten Spieltag noch ohne Zuschauer gespielt, erst ab dem zweiten Spieltag sind dann 1000 Fans zugelassen, wenn das vorgelegte Hygienekonzept schlüssig ist. Wie sehen Sie die Berliner Klubs?

Generell ist es brutal, in der vierten Liga profihafte Bedingungen zu schaffen, man ist von den Zuschauereinnahmen abhängig. Was da bislang einige Berliner Vereine, wie zuletzt Altglienicke oder die Amateure von Lichtenberg 47 schafften, ist sehr positiv. Das kann man nicht hoch genug anrechnen. Dort wird exzellente Arbeit geleistet.

Sie selbst waren ja immer erstklassig und haben als Spieler historische Duelle auf dem Rasen erlebt – das WM-Duell 1974 gegen die BRD (1:0) mit Franz Beckenbauer, Berti Vogts oder Uli Hoeneß und das olympische Finale 1976 gegen Polen (3:1). Es heißt, Sie haben bei der WM sofort das Trikot von Uli Hoeneß ergattert?

Ganz so war es nicht. Die Anweisung der DDR-Sportführung lautete ja: kein Trikottausch auf dem Rasen! In der Kabine im Hamburger Volksparkstadion aber wurden die Trikots alle in einem Wäschekorb gesammelt. Wir haben uns dann die Trikots der späteren Weltmeister geschnappt. Ich nahm das von Uli Hoeneß, der auch mein direkter Gegenspieler war. Heute hängt ist es im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund.

Und wo bewahren Sie Ihre Goldmedaille von Montreal auf?

Die liegt in einem Schließfach.

Das Gespräch führte Michael Jahn.