Berlin - Eigentlich will Lothar Matthäus nur noch sein Leben genießen. Er lässt sich auch durch Corona nicht davon abbringen, fast jeden Tag joggen zu gehen. „Ich war gestern wieder elf Kilometer“, erzählt er am Telefon. Ein „Geschenk Gottes“ sei das nach einer so intensiven Karriere als Profisportler. Wenn Matthäus nicht läuft, spielt er oft Fußball mit seinem jüngsten Sohn Milan oder redet über Fußball im TV-Studio als Sky-Experte. „Ich glaube schon, dass ich wunschlos glücklich sein kann“, sagt er. Wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag am Sonntag könnte es also kaum besser für ihn laufen. Wenn da nicht die Sache mit dem Bundestrainer-Job wäre.

Vor zehn Jahren hat Matthäus zuletzt als Trainer gearbeitet

Von außen betrachtet könnte man sich die Frage stellen: Was will Matthäus eigentlich noch? Gar nichts, wie er selbst sagt. Es gibt nur wenige Titel im Fußball, die der Rekord-Nationalspieler nicht gewonnen hat. Er absolvierte etliche Partien für seinen einstigen Herzensclub Borussia Mönchengladbach, für den großen FC Bayern München oder das damals noch etwas größere Inter Mailand. In Italien krönte der Hausmeistersohn aus dem fränkischen Herzogenaurach mit dem WM-Titel 1990 seine außergewöhnliche Karriere.

Doch der nahende Rückzug von Joachim Löw brachte ihn plötzlich zurück ins Spiel. Seit klar ist, dass Löw nach der Europameisterschaft im Sommer als Bundestrainer aufhört, hat Matthäus mehrfach Gesprächsbereitschaft signalisiert. Obwohl er eigentlich nichts mehr will – unterstützen würde er den deutschen Fußball selbstverständlich jederzeit. „Ich bin jemand, der gerne hilft. Wenn ich das Gefühl hätte, dass die Verantwortlichen geschlossen dahinterstehen, dann würde ich mir Gedanken machen“, sagte er jüngst bei Sky. Favorit auf die Löw-Nachfolge ist für Matthäus jedenfalls Bayern-Coach Hansi Flick.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Matthäus letztmals als Trainer gearbeitet hat. Im Vergleich zu seiner Spielerkarriere lesen sich seine Trainerstationen wie ein sportlicher Abstieg: Partizan Belgrad, Athletico Paranaense, Maccabi Netanja oder die Nationalmannschaft Bulgariens sind dabei. Als Spieler war Matthäus Weltfußballer, als Trainer gewann er die serbische Meisterschaft. Es sind auch diese Unterschiede, die das öffentliche Bild des einstigen Ausnahmekönners zumindest in Deutschland verzerrten. Während die Menschen in Italien ihn noch heute als „Grande Lothar“ verehren, wird der gelernte Raumausstatter in Deutschland gerne „Loddar“ genannt.

Hertha-Trainer Pal Dardai traut Matthäus das Amt zu

Man lächelt hierzulande noch immer über Matthäus, vor allem sein holpriges Englisch oder ungewollt flapsige Sprüche sind manchem in Erinnerung geblieben. Als der Beinahe-Bundestrainer Christoph Daum vor vielen Jahren über die Kokain-Affäre stolperte, sagte Matthäus im Anschluss: „Wichtig ist, dass er jetzt eine klare Linie in sein Leben bringt“. Er sagte das kurz nach seiner Spielerkarriere, und das Bild des Ex-Fußballers Matthäus nahm ungewollte Konturen an.

Er weiß um all diese Dinge und um ihren Umgang damit in Deutschland. „Boris Becker, Franz Beckenbauer. Wir alle machen Fehler, aber wir Deutsche freuen uns, wenn ein Prominenter erwischt wird. Diese Neidgesellschaft mag ich nicht“, sagte er nun im Kicker-Interview. Einige lächeln auch schon wieder über die Gerüchte um Matthäus als Bundestrainer, wo er doch noch nicht mal einen Bundesligisten trainiert hat. Dabei hat er in den vergangenen Tagen lediglich auf Fragen geantwortet, die ihm immer wieder gestellt wurden. „Warum nicht Lothar?“, meinte nun auch Franz Beckenbauer in der Bild. Matthäus wird sich vermutlich nicht groß daran stören.

Auch Hertha-Trainer Pal Dardai sagte jüngst: „Er hat etwas Großes drauf“. Der 44 Jahre alte Ex-Profi muss es wissen, weil er Matthäus fast zwei Jahre lang als Nationaltrainer Ungarns erlebt hat. „Er hat das Potenzial, ein Gewinner zu sein.“