Gelb ist die Hoffnung: Hertha-Trainer Bruno Labbadia vor dem Training mit Lucas Tousart.
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BerlinDer junge Mann, auf den die meisten Blicke gerichtet waren, trägt einen gepflegten Vollbart, ist sonnengebräunt und besitzt eine athletische Figur. Der Franzose Lucas Tousart, 23, der für eine Ablöse von 25 Millionen Euro von Olympique Lyon verpflichtet worden war, zeigte gleich beim ersten Mannschaftstraining nach dem Urlaub Präsenz. Noch nie zuvor gab Hertha BSC so viel Geld für einen Spieler aus.

Es war am Dienstagvormittag nicht nur die Berlin-Premiere für Mittelfeldmann Tousart, um den sich im künftigen Spiel der Hertha vieles drehen soll, auch Berliner Medienvertreter durften zum ersten Mal seit Anfang März wieder als Beobachter auf den Schenkendorffplatz. Das letzte Mal war das vor dem Heimspiel am 7. März in Vor-Corona-Zeiten erlaubt, als Hertha mit Mühe ein 2:2 gegen Werder Bremen gelang. Der Trainer damals hieß Alexander Nouri. Das scheint nun – beinahe fünf Monate später – wie aus einer ganz anderen Zeit und einer ganz anderen Welt. Dass Dutzend Printjournalisten und einige TV-Kollegen verteilten sich nun mit dem gebotenen Abstand an der Längsseite des Platzes.

Fans waren allerdings nicht zugelassen, als Chefcoach Bruno Labbadia, 54, gut gelaunt seine Profis auf den Rasen schickte, der sich in sattem Grün, exakt und kurz geschnitten präsentierte. 19 Feldspieler und drei Torhüter freuten sich, endlich wieder mit dem Ball üben zu können. Sie trugen die neuen blau-weiß längsgestreiften Heimtrikots, auf denen noch kein neuer Hauptsponsor prangt. Nachdem Hertha und der Discounter Tedi in der vorigen Woche ihren Vertrag vorzeitig beendet hatten, bleibt der Nachfolger noch ein gut gehütetes Geheimnis.

Udo Knierim, einer der beiden Stadionsprecher aus dem Olympiastadion, wuselte am Spielfeldrand entlang und kommentierte ab und an live das Geschehen beim ersten Training auf Facebook und Instagram, „damit unsere Fans wenigstens etwas informiert sind und das Neueste nicht verpassen“, so der Rundfunk-Journalist.

Die Profis – unter ihnen natürlich der Brasilianer Matheus Cunha, der angeblich vom Großklub Paris St. Germain umworben wird – liefen, übten später Technik im kleinen Kreis und konnten sich bei einem Spiel beweisen und austoben. „Bewegung! Bewegung!“ rief Bruno Labbadia immer wieder.

Er hatte später Lob für den Franzosen Tousart parat, dem bislang einzigen Zugang. „Lucas ist ein strategischer Spieler, der Bälle geschickt klauen und nach Ballgewinn schnell umschalten kann. Er macht Tore, ist stark bei Standards. Für sein Alter ist er in seiner Entwicklung schon sehr weit.“ Immerhin spielte Tousart über 100 Mal in der Ligue 1 in Frankreich und 30 Mal im Europacup. Vor vier Jahren führte er als Kapitän der U19-Auswahl die Franzosen zum Europameistertitel.

Auch Arne Friedrich, 82-maliger Nationalspieler und vor wenigen Wochen vom sogenannten „Performance-Manager“ zum Sportdirektor der Hertha befördert, beobachtete das Training. „Tousart ist eine sehr gute Verpflichtung“, schwärmte der 41-Jährige, „aber er hat lange nicht gespielt“. Das passierte zuletzt am 26.Februar im Champions-League-Duell von Lyon gegen Juventus Turin (1:0), bei dem Tousart der Siegtreffer gelang. Dann stoppte Corona auch Lyon.

Nach dem Training, das knapp 100 Minuten dauerte, kam es zu einer erneuten Premiere. Zum ersten Mal begrüßte Labbadia die Pressevertreter live und nicht virtuell. Zwölf maskierte Journalisten verteilten sich im Medienraum mit dem geforderten Abstand. „Es ist schön, endlich vis-a-vis zu sitzen“, so Labbadia, „eigentlich begrüße ich sonst jeden per Handschlag. Aber das geht ja noch nicht.“

Der Cheftrainer muss nun mit den hohen Erwartungen leben, die die enormen Investitionen von Unternehmer Lars Windhorst schüren. Nach Tousart sollen möglichst noch ein Torwart („Keine Nummer 2, sondern ein Konkurrent für Rune Jarstein und die anderen Keeper“, so Labbadia), ein rechter Verteidiger, ein Mittelfeldmann, ein schneller Außenstürmer und ein weiterer Angreifer kommen. Doch im Moment gibt es mehr Gerüchte als Tatsachen.

„Wir haben Geld bekommen, worüber wir sehr froh sind, aber wir brauchen eine Einordnung. Es ist nicht so, dass wir uns damit eine Mannschaft aufbauen können“, sagte der Coach. „Der FC Bayern hat sich für diese Summe einen einzigen Spieler geleistet.“ Labbadia meinte Leroy Sane, der für rund 50 Millionen Euro nach München kam.

Hertha hatte kürzlich weitere 150 Millionen Euro von Geldgeber Windhorst zugesagt bekommen, 50 Millionen davon sofort, weitere 100 Millionen im Herbst. Labbadia betonte, dass er bei Hertha eine neue sportliche Achse aufbauen will, nachdem etwa Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic nicht mehr im Verein sind.

Einen bestimmten Tabellenplatz wollte Labbadia nicht ausrufen. „Als Ziel kann ich jetzt schon sagen: Wir wollen besser abschneiden als in der alten Saison, definitiv. Wir wollen eine stetige Fortentwicklung haben“, sagte der Hertha-Coach. Nach der Corona-Zwangspause hatte er die lange in Abstiegsnot schwebenden Berliner noch auf den zehnten Platz geführt. Weiter der eloquente Trainer: „Wir werden sorgsam mit dem Geld umgehen, aber wir wollen so schnell wie möglich Erfolg haben.“ Das werden Herthas Fans gerne hören.