Lucas Tousart ist seit drei Tagen bei Hertha im Mannschaftstraining und dirigiert schon seine Mitspieler. 
Foto: Matthias Koch

BerlinDas mit dem Aberglauben und Fußballern ist so eine Sache, die man analytisch nicht erklären kann. Als Lucas Tousart bei seiner Unterschrift zu seinem Vertrag gefragt wurde, welche Rückennummer er haben wolle, sagte der Franzose spontan: „Die 29!“ Es ist eine hohe Nummer, aber keine große im klassischen Sinne. Er hätte zum Beispiel auf die Sechs bestehen können. Schließlich soll er genau diese Position als wichtiger Schaltspieler im Mittelfeld bekleiden. Außerdem ist er bis dato mit 25 Millionen Euro der teuerste Einkauf, den sich die Blau-Weißen geleistet haben. Nein, Vladimír Darida darf seine Sechs behalten und muss zum Beispiel nicht auf die Acht, die nach dem Abgang von Salomon Kalou freigeworden ist, umsatteln. Tousart hat für seine ungewöhnliche Nummernwahl eine ganz gewöhnliche Erklärung: „Ich wollte die 29, weil ich am 29. April Geburtstag habe. Außerdem hatte ich sie bei Lyon. Sie hat mir dort Glück gebracht. Die will ich nicht wechseln.“

Das sagt schon ziemlich viel aus. Der 23-jährige, defensive Mittelfeldspieler hat keine Starallüren. Er wirkt ziemlich geerdet und aufgeräumt im Kopf. Dabei sind die Erwartungen an ihn hoch. Franzosen in der Bundesliga, da fällt jedem das ehemalige Enfant terrible Franck Ribéry vom FC Bayern ein. Zwölf Jahre lang drückte der Supertechniker der Bundesliga den Stempel auf. Kann das Tousart, der immerhin in Frankreich als Megatalent gehandelt wird, auch? „Franck Ribéry ist ein großer Spieler. Er hat die Bundesliga mitgeprägt. Aber ich kann mich nicht mit ihm vergleichen. Er spielt ja auch eine ganz andere Position. Nein, ein Ribéry bin ich nicht“, sagt Tousart bescheiden.

Letztes Spiel am 8. März

Der ehemalige Bayern-Spaßvogel spielte auf dem Flügel. Herthas neuer Mann ist zentraler Mittelfeldspieler. „Ganz klar, meine Lieblingsposition ist die Sechs. Da fühle ich mich am wohlsten“, sagt er. In den Trainingsspielen nimmt er in der A-Elf neben Arne Maier diese Position ein. Schon am dritten Tag erteilt Tousart Kommandos und man erkennt, dass er ein magisches Auge für die Spielsituation hat. Dazu sprüht er vor Freude. Denn er kann endlich wieder Fußball spielen.

Sein letztes Spiel machte er am 8. März für Lyon beim 0:1 in Lille. Danach wurde bei unserem westlichen Nachbarn die Liga wegen Corona rigoros abgebrochen. „Die Liga war vorbei und wir mussten in Frankreich zwei Monate zu Hause bleiben. Das war eine harte Zeit. Ich konnte mich in meinem Garten wenigstens fit halten. Jetzt freue ich mich riesig, dass ich wieder gegen den Ball treten und hier trainieren kann“, sagt er.

Und sein Eindruck nach drei Tagen bei Hertha? „In der Bundesliga wird härter trainiert. Hier kommt es auf die Physis an.“ Das liegt dem 1,85-Meter-Kraftpaket. Viele haben sich gefragt, warum er vom Champions-League-Klub Olympique Lyon, der in einer Woche im Achtelfinale beim italienischen Meister Juventus Turin spielt, ausgerechnet zur Hertha wechselt, obwohl ihn auch europäische Topklubs gejagt haben. „Nein, das ist kein Rückschritt, das ist für mich ein Neuanfang. Ich wollte in die Bundesliga. Hier hast du als junger Spieler mehr Chancen, zum Einsatz zu kommen“, erklärt er. Und vielleicht sich so in die Nationalmannschaft zu spielen.

Tousart sagt klar: „Das ist jetzt erst mal nicht mein Ziel. Ich konzentriere mich auf Hertha.“ Damit hat er genug zu tun. Denn neben den Lehrstunden bei Trainer Bruno Labbadia paukt er Deutsch. Tousart: „Das ist wichtig für die Kommunikation mit den Spielern. Außerdem sollte man die Sprache des Landes, in dem man arbeitet, können.“ Klingt ziemlich vernünftig.