Mönchengladbach - Lucien Favre wuselt zwischen dem großzügigen, lichtdurchfluteten Wohnzimmer und der kleinen Küche seines Einfamilien-Hauses hin und her. „Wollen Sie Tee oder Kaffee?“, fragt er den Besucher. „Oder lieber ein Wasser?“ Schließlich kocht der Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach Tee und Kaffee. Er preist seinen köstlichen Energy-Tee: „Der ist gut. Der beruhigt und macht trotzdem munter. Trinken Sie“, sagt Favre fordernd. Er selbst genießt je eine Tasse Tee und Kaffee nacheinander und ist in Plauderlaune.

Am Mittwoch ist der Schweizer 54 Jahre alt geworden. Beinahe zweieinhalb Jahre – von Mai 2007 bis Herbst 2009 – war der ehemalige Meistermacher des FC Zürich bei Hertha BSC tätig. Er führte die Berliner 2009 auf Platz vier der Bundesliga. Doch im September 2009 wurde er nach sieben sieglosen Spielen entlassen. Am Sonnabend nun kehrt der sensible Taktiker aus dem kleinen verschlafenen Örtchen Saint Barthelemy in der französischen Schweiz zum ersten Mal wieder als Trainer zurück nach Berlin. Mit Borussia Mönchengladbach, einer Mannschaft, die er vor dem scheinbar unvermeidlichen Abstieg rettete und jetzt gar ins erste Drittel der Bundesliga führte, trifft er im Olympiastadion auf Hertha BSC.

Wo der Fußball lebt

Die Frage, ob das für ihn ein besonderes Spiel werden wird, hat Favre natürlich erwartet. „Das ist schon ein wenig speziell“, sagt er. Das Wort speziell scheint er zu mögen, so wie früher das Wort „polyvalent“, mit dem er immer wieder vielseitige Fußballer umschrieb. „Ja, klar, Berlin …“ Favre überlegt: „Das war für mich eine fantastische Zeit. Wir hatten Erfolg. Ich habe schöne Erinnerungen. Aber das ist nun abgehakt.“ Dann kommt er doch noch kurz ins Schwärmen, und seine Frau Chantal, die Berlin einst jeden Tag neugierig erkundete, nickt: „In Berlin atmete alles Geschichte. Das Olympiastadion, die Straße Unter den Linden, das Brandenburger Tor, der Gendarmenmarkt.“

Nun also Mönchengladbach. Nach Trainerstationen in weltoffenen Städten wie Genf, Zürich und Berlin hat es Favre an den Niederrhein verschlagen. Mönchengladbach ist keine Schönheit, aber dort lebt Fußball. Ins nahe Düsseldorf mit seinen mondänen Vierteln wollte Favre nicht ziehen, er wollte keine Zeit verlieren mit Fahrten auf der Autobahn. Später fand er ein Haus, ruhig im Grünen gelegen. Das Haus hat einen schönen Garten. Der wird von farbenprächtigen Bäumen umringt. „Das ist hier wie auf dem Dorf“, sagt Favre, „ich bin in zehn Minuten im Borussia-Park.“ Seine Frau erzählt, sie sei mit dem Auto in 22 Minuten in der City von Düsseldorf. Manchmal fahren die Favres bis nach Brüssel.

Die meiste Zeit beschäftigt Lucien Favre sich mit seiner neuen Mannschaft. Sie erinnert ihn in diesen Wochen häufig an das Hertha-Team aus der Saison 2008/2009. Sie spielt modern, steht defensiv sicher und kompakt. Sie kann mitreißend auftreten, und sie gewinnt viele Spiele knapp. „Wir sind solide.“ Favre untertreibt ein wenig, „wir müssen uns jeden Punkt hart erkämpfen und daran denken, wo wir hergekommen sind. Vor ein paar Monaten standen wir am Abgrund, und wir spielen nun beinahe mit der gleichen Mannschaft.“

„Ich bin jetzt besser organisiert“

Lucien Favre redet ruhig, nur ab und an steht er auf und gestikuliert. Will er eine bestimmte Taktik erläutern, schiebt er schon einmal die Teetassen auf dem Esstisch hin und her. Schweizer Journalisten, die ihn lange kennen, sagen, Favre habe sich verändert und enorm an Selbstbewusstsein gewonnen. Mit solchen Komplimenten kann Favre gut leben. Er erzählt: „Ich hatte 13 Jahre ununterbrochen gearbeitet, ehe die Trennung von Hertha BSC kam. Ich brauchte dann Zeit, mich zu regenerieren.“

Favre, der 2007 von der Dimension der Bundesliga beeindruckt war und in manchen Momenten vielleicht auch ein wenig überfordert, hat später im Fernsehen immer die Tagesschau in der ARD genau verfolgt und Sprachkurse belegt, um Missverständnisse in der Ansprache künftiger Mannschaften auszuschließen. Und er beobachtete sehr viele Spiele bekannter Klubs. Favre sagt, er habe seine Arbeit neu strukturiert. „Ich bin jetzt besser organisiert.“

Doch ehe der charmante Schweizer seine heute sichtbare innere Zufriedenheit bei der Borussia fand, erlebte er seelische und körperliche Qualen vor allem am Ende der Saison. Mitte Februar, einen Tag nach dem Borussias Trainer Michael Frontzeck entlassen worden war, bekam Favre einen Anruf von Max Eberl, 38, dem jungen Sportdirektor des Traditionsvereins. Borussia war Tabellenletzter, hatte nach 22 Spieltagen dürftige 16 Punkte. Eberl suchte verzweifelt nach einem Trainer, zuvorderst nach einem Retter, aber auch nach einem Mann, der bei Abstieg bleiben würde und die Mannschaft neu sortieren und weiterentwickeln sollte. „An einem Sonnabend habe ich Favre angerufen, am Sonntag hat er unterschrieben“, erzählt Eberl, „ich musste ihn nicht überzeugen.“ Der Trainer sagt: „Solch eine Anfrage konnte ich nicht ablehnen. Gladbach war früher mit dem FC Liverpool einer der besten Vereine in Europa.“

Sechs Kilogramm weniger

Dieses gegenseitige Grundvertrauen, wie es Eberl nennt, hat seine kleine Vorgeschichte. Eberl war noch Nachwuchs-Chef in Gladbach, als er Favre 2008 kennenlernte. „Wir haben uns bei einem Treffen ewig über seine Fußball-Philosophie unterhalten und hatten oft ein gleiches Gedankengut“, erinnert sich der Sportdirektor, „wir haben damals sehr intensiv diskutiert.“ Jetzt sagt Eberl: „Ich habe gewusst, dass Favre die richtigen Ideen für Borussia hat, gern junge Spieler formt. Und auch die gegenseitige Sympathie war sofort da.“ Eberl nennt den Schweizer beinahe euphorisch „einen Glücksgriff“.

Der Anfang der Mission Klassenerhalt war schwierig, aber Favre belehrte all diejenigen, die ihm die Rolle des kurzfristigen Retters nicht zutrauten, eines Besseren. Favre galt immer als ein Trainer, der eine lange Anlaufzeit benötigt, bis seine Vorstellungen greifen. Doch er schaffte in einer dramatischen Rückrunde „das Wunder“, wie er sagt. Unter Favre holte die Mannschaft 20 Punkte aus zwölf Spielen. „Am letzten Spieltag mussten wir zum HSV“, sagt Favre und seine Stimme hebt sich. „In der Halbzeit waren wir abgestiegen, wir waren schon tot, dann spielten wir 1:1, und am Ende erreichten wir die Relegation gegen Bochum.“ Mit 1:0 und 1:1 setzte sich Gladbach durch. Euphorisch reagierte der oft so vom Kopf bestimmte Favre. „In diesen Spielen“, sagt er, „da galt die Devise: Verlieren verboten!“

Der Trainer spricht von „enormen geistigen und körperlichen Anstrengungen“. Seine Frau Chantal verrät später: „Lucien hat damals sechs Kilo abgenommen. Aber er hat immer an die Mannschaft geglaubt.“ Favre sagt: „Du musst immer positiv denken und das deinen Spielern auch zeigen.“

Vorfreude auf Hertha BSC

Wie einst in Berlin gilt Favre in Mönchengladbach als Perfektionist. Im Trainingslager in Bad Wörishofen zum Beispiel ließ der Trainer einst den Rasen von 29 auf 25 Millimeter stutzen und damit so herrichten, wie die Spielfläche im heimischen Borussia-Park ist. „Ach“, sagt Favre bescheiden, „was heißt Perfektionist? Ich mache doch nur meinen Job.“ Er schaut auf die Uhr. Das Nachmittagstraining steht an. Mehrere Tassen Energy-Tee sind ausgetrunken.

Noch einmal der Versuch: „Freuen Sie sich auf Hertha BSC?“ Favre sagt: „Ja, klar.“ Kontakte zu ehemaligen Berliner Spielern pflegt er nicht. Auch seinen Lieblingsschüler, den Brasilianer Raffael, den er einst von Zürich nach Berlin transferierte, ruft er nicht an. Doch er schwärmt noch immer von diesem Edeltechniker. „Raffael“, sagt Lucien Favre mit Nachdruck, „hat das Zeug, um in der Seleçao zu spielen. Ich begreife nicht, warum Brasiliens Trainer nicht auf ihn zurückgreift.“

Favre packt seine kleine Sporttasche, verstaut iPhon samt Kopfhörer. Zwei Stunden vor Trainingsbeginn will er im Borussia-Park sein. „Ich muss noch die Video-analyse vorbereiten.“ Meist lässt er die Höhepunkte der Spiele des kommenden Gegners auf je sieben Minuten zusammenschneiden. Raffael wird dabei dieses Mal garantiert eine Hauptrolle spielen. Lucien Favre lächelt, ruft: „Merci!“ Dann fährt er davon. In zehn Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz sein.