Zurück in der Verantwortung: Luis Enrique.
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Berlin/StuttgartDer Name von Luis Enrique hat in den letzten Wochen einiges an Glanz gewonnen. Ohne dessen Zutun allerdings. Immer wenn über den aktuellen Niedergang des FC Barcelona und den drohenden Abschied von Lionel Messi gesprochen wurde, kam die Rede unweigerlich auf diesen 6. Juni 2015, als der katalanische Klub seinen letzten großen internationalen Erfolg feierte. Im Berliner Olympiastadion bezwang damals ein brillanter FC Barcelona ein fast ebenbürtiges Juventus Turin in einem großartigen Champions-League-Finale mit 3:1. Trainer des Siegerteams war Luis Enrique.

Schlüssel des Triumphs war, dass es der gern etwas bärbeißig wirkende Coach geschafft hatte, die drei nicht unkomplizierten Individualisten Messi, Neymar und Luis Suárez zu einem unwiderstehlichen Angriffstrio zu vereinen. Danach gab es zwar noch einen weiteren Meistertitel, doch wirklich anknüpfen an seine große erste Saison konnte der Trainer in Barcelona nicht mehr. 2017 war nach drei Jahren Schluss, nach der Weltmeisterschaft 2018 übernahm Luis Enrique dann die spanische Nationalmannschaft, mit der er am Donnerstag in Stuttgart gegen das DFB-Team antritt.

Der 50-Jährige hat eine noch längere Länderspielpause hinter sich als sein Kollege Joachim Löw. Zum letzten Mal betreute er La Roja im März 2019 beim 2:1 gegen Norwegen in Valencia. Zwei Tage später reiste er vor dem nächsten EM-Qualifikationsspiel überstürzt aus Malta ab, nachdem er erfahren hatte, dass seine neunjährige Tochter an Knochenkrebs erkrankt war. Im Juni stellte er sein Amt zur Verfügung, den Grund für seinen Rückzug erfuhr die Öffentlichkeit erst Monate später, als die Tochter Ende August verstorben war. Im November kehrte Luis Enrique dann auf seinen Cheftrainerposten zurück, was nicht ohne Turbulenzen ablief.

Inzwischen nämlich hatte sich sein acht Jahre jüngerer Vertreter und vormaliger Assistent Robert Moreno in dem Job, den er zunächst interimsmäßig, dann fest übernommen hatte, häuslich eingerichtet. Mit ihm gab es sieben Siege und zwei Unentschieden, die Qualifikation für die dann ausgefallene Europameisterschaft 2020 wurde souverän geschafft. Bei einem Treffen im September hatte Moreno seinem alten Freund Enrique, dem er schon bei dessen Engagements beim AS Rom, bei Celta Vigo und in Barcelona zur Seite gestanden hatte, zwar gesagt, dass er seiner Rückkehr nicht im Weg stehen wolle, aber offenbar darum gebeten, vorher noch die EM als Chefcoach bestreiten zu dürfen. Luis Enrique, schon in Spielerzeiten beim FC Barcelona und Real Madrid nicht gerade als umgänglicher Zeitgenosse bekannt, empfand dieses Ansinnen als Unverschämtheit, brach den Kontakt ab und bezeichnete Moreno bei seiner erneuten Inauguration mit harschen Worten als illoyal, solche Leute wolle er nicht in seinem Stab haben. Robert Moreno wurde Trainer bei AS Monaco, inzwischen aber durch Niko Kovac ersetzt.

Verbandschef Luis Rubiales und Sportdirektor José Francisco Molina erklärten, sie hätten immer gesagt, dass die Tür für Luis Enrique offen stehe, sobald er zurückkehren wolle, und bestritten, Moreno Hoffnungen für die EM gemacht zu haben. Insidern zufolge seien sie aber heilfroh über die Zusage Enriques gewesen, da sie diesem viel eher zutrauten, die alte mächtige Spielergarde um Kapitän Sergio Ramos bändigen zu können.

Von der allerdings ist gar nicht mehr allzu viel übrig, denn Luis Enrique hat seinen 2018 beschrittenen Weg einer Verjüngung und Neustrukturierung der Mannschaft nahtlos wieder aufgenommen. Ballbesitzfußball soll durch Variabilität, Spiel in die Tiefe und Überraschungsmomente angereichert werden, gefragt ist Vielseitigkeit und Agilität. Für die Spiele gegen Deutschland und die Ukraine nominierte er 13 Spieler, die 24 Jahre oder jünger sind, darunter Talente wie den 17-jährigen Ansu Fati vom FC Barcelona, Ferrán Torres, 20, von Manchester City oder Leipzigs  Dani Olmo, 22. Anfangs von ihm noch berücksichtigte Kämpen wie Jordi Alba, Diego Costa, Juan Mata oder Álvaro Morata fehlen, vom WM-Kader 2018 sind nur noch die beiden Torhüter David De Gea und Kepa sowie Ramos, Dani Carvajal, Sergio Busquets und Thiago dabei.

Hatte Luis Enrique zu Beginn seiner ersten Amtszeit noch von einer Kandidatenliste gesprochen, die 74 Namen enthielt, sagt er nun, es gebe weitere zehn bis zwanzig Spieler, die ebenfalls  dabei sein könnten. Keineswegs aber handele es sich um einen experimentellen Kader: „Wenn morgen die EM begänne, wären das die 24 Auserwählten.“ Alter spiele für ihn keine Rolle, ebenso wenig der Herkunftsklub. Dass erstmals seit langer Zeit kein Spieler von Atlético Madrid dabei ist, kommentierte er so trocken wie sarkastisch. „Ich bin nicht im Amt, um Politik zu machen oder die Hübschesten zu berufen.“