Die Phase der Sommervorbereitung ist vorbei: Seit Anfang September trainiert Lukas Mann wieder in der Eisschnelllaufhalle des Sportforums Hohenschönhausen.
Foto: Markus Wächter

BerlinSo richtig zufrieden ist er mit seiner ersten Antwort nicht. Und bevor Lukas Mann sich der letzten Frage des gut fünfzigminütigen Gesprächs zwischen Wellblechpalast und dem Sporthallenkomplex im Sportforum Hohenschönhausen widmet, möchte er noch einmal die Eingangsfrage beantworten. Seinen bislang größten, weil aus deutscher Sicht auch historischen Erfolg möchte der Eisschnellläufer so genau beschreiben, wie er ihn empfunden hat. Für den nahezu perfekten Lauf möchte er die nahezu perfekte Rückblende geben. Sein Rennrad, das genau wie er wenige Tage zuvor bei einem Sturz ein paar Schrammen davongetragen hat, muss noch etwas länger stehenbleiben. Denn die Geschichte vom Gewinn der Goldmedaille über 5000 Meter ist auch nach mehr als anderthalb Jahren nicht mit zwei Sätzen beschrieben.

Wenn sich der 20-Jährige an diesem sonnigen Vormittag nach dem gerade absolvierten Krafttraining im Sportforum an seinen Gold-Lauf erinnert, funkeln noch immer die Augen. Dabei waren die Erinnerungen an den italienischen Austragungsort bis dahin wenig positiv. Die Freiluftbahn in Baselga di Pine hatte ihm bis zu diesem Tag im Februar 2019 eher wenige positive Ergebnisse beschert. Aber vielleicht war das gar nicht so schlecht, denn „im Umkehrschluss war es deshalb das Ziel, das Blatt umzudrehen und neu zu beschreiben“, erzählt Lukas Mann mit einem schelmischen Lächeln. Einen guten Plan hatten er und sein Trainer im Vorfeld erarbeitet. Das habe ihm ein gutes Gefühl gegeben. So gut, dass es vor seinem Start sogar noch mal auf das Hotelzimmer ging. „Ich war so ruhig, dass ich geschlafen habe“, sagt der Berliner.

Eigentlich gehöre das nicht zu seinem Ritual vor den Rennen. Das laufe normalerweise etwas anders ab: „Ich muss mir vor dem Lauf, egal wie oft ich mir davor die Schlittschuhe schon gebunden habe, sie noch einmal binden.“ Erst links, dann rechts, aber: Auf dem Eis zuerst den rechten Schuh, weil der linke Schuh immer ein bisschen mehr weh tut. Vor dem Lauf noch kurz das Eis anfassen, dann stimmt das Gefühl für den Lauf. Zumindest aber ist der kleine Aberglaube zufriedengestellt. Denn das Gefühl ist ohnehin vorhanden. Nach 15 Jahren auf dem Eis kann jede Runde auf die Zehntel genau gefahren werden. Ohne Uhr am Handgelenk, ohne Blick auf mitlaufende Zeitmesser in den Hallen. Einfach aus dem inneren Gefühl heraus. „Dafür entwickelt man ein Gespür. Auch in Richtung Beschleunigung. Manchmal sind es nur ein, zwei Schritte, die man ein wenig härter abdrückt, und dann passt das einfach schon. Das lernt man im Laufen, das hat man im Gefühl“, sagt er.

Man kann dieses Gefühl aber auch in die Wiege gelegt bekommen. Seine Mutter lief unter dem Mädchennamen Anja Mischke 1988 bei den Olympischen Spielen über das Eis im kanadischen Calgary, Vater Christian und Bruder Paul waren ebenfalls Eisschnellläufer. In Berlin verkauft die Sportfamilie im eigenen Geschäft seit mehr als 35 Jahren das, was jeder einzelne Sportler in seiner Karriere gewonnen hat: Pokale. Die hat auch Lukas Mann ziemlich schnell geholt. An seine ersten Schritte kann sich der heute 20-Jährige noch genau erinnern: „Ich saß damals als kleines Kind noch in Wilmersdorf mit meinem Kakao oben im Restaurant. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich das auch mal machen möchte, und dann stand ich auf dem Eis.“ Schon damals sei er sehr wendig gewesen, konnte deshalb zwischen Eishockey, Eisschnelllauf und Short-Track wählen. „Ich hatte dann schon mit fünf Jahren meinen ersten Wettkampf“, erzählt er.

Das Kurvengefühl beim Eisschnelllauf, „wenn man mal mit vollem Tempo in eine Kurve reinläuft und merkt, wie man am Kurvenausgang noch einmal beschleunigt“, das habe ihn in den Bann gezogen und fasziniert ihn bis heute. Und: „Wenn man so weit ist, dass man diese Rundenzeiten steuern kann und hinten raus noch einmal beschleunigen kann, ist das so ein geiles Gefühl. Dass man mit eigener Körperkraft bis zu 60 km/h laufen kann, und das mit einer eleganten Bewegung, ist faszinierend.“ Um aber eben an diesen Punkt zu kommen, braucht es sportliches Rundum-Sorglos-Paket, welches sich gerade im Sommer aus ganz vielen Trainings-Komponenten wie Krafttraining, Athletik, Rollen, Laufen und Imitation zusammensetzt. Besonders gerne sitzt Lukas Mann auf seinem Fahrrad. Bewegt sich damit durch Berlin und erkundet die Zweitheimat Bad Endorf. Dort, an der Bundespolizeischule, wird er nicht nur in vier Jahren Polizeimeister, sondern kann „sorgenfrei seinen Sport ausführen“. Auch wenn er die Heimatstadt Berlin hin und wieder vermisst, sei die Landschaft für das Radfahren optimal geeignet. Und auch „die Versorgung, was Physiotherapie, den Kraftraum oder die Skatebahn anbetrifft, ist sehr gut“, sagt er. Zudem hat er in Bad Endorf seine Leidenschaft für guten Kaffee entdeckt.

Auf das Frühstück vor dem ersten Training des Tages kann Lukas Mann schon mal verzichten, auf die Tasse Kaffee allerdings nicht. Die braucht es, wie das Klavierspielen oder seit diesem Sommer das Golfspielen. „Man ist zwar ein 24/7-Athlet, darf aber die Sachen neben dem Sport nicht vergessen. Natürlich braucht man irgendwas, wo man den Sport mal wieder vergessen kann, wo man dem Kopf etwas Entspannung gönnt.“ Der Ausgleich sei eine der wichtigen Sachen im Sportlerleben. „Nur im Tunnel zu sein, ist auch nicht gut.“ Aber wichtig, um das nahezu perfekte Rennen laufen zu können.