Seit dem 18. Geburtstag ist das Gitter ab: Lukas Reichel.
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BerlinEigentlich hätte der 26. Juni ein einschneidender Tag im Leben von Lukas Reichel sein sollen. Für diesen Tag war ursprünglich der NHL-Draft im kanadischen Montreal terminiert. Und weil der 18 Jahre alte Stürmer der Eisbären Berlin zu den gefragtesten europäischen Jung-Eisprofis zählt, hätte er bei der glamourösen Talenteziehung eine tragende Rolle gespielt.

Doch die Realität sieht anders aus. Wie an fast jedem Tag in den vergangenen Wochen der Corona-Pandemie wird er seinen Körper weiterhin stählen. „Ich bereite mich so gut es geht vor“, sagt Reichel. „Aber ich kann überhaupt nicht sagen, wann der Draft stattfindet. Einige sagen, dass vor dem Oktober nichts passiert.“ Einzig die erste Phase der Draft Lottery findet an diesem Freitag bereits statt. Sie entscheidet darüber, in welcher Reihenfolge die Klubs bei der Talenteauswahl an der Reihe sein werden.

Bis eines Tages konkrete Signale aus Übersee bei ihm eintreffen, bringt sich Reichel für den Beginn des Mannschaftstrainings mit den Eisbären in Form, das sich ebenfalls noch über Ende Juli hinaus verschieben könnte, je nachdem, für wann die Liga den Restart avisiert. Und der Angreifer weiß diese Zeit gut zu nutzen, um an seinem größten Defizit zu arbeiten: seinen Kraftwerten. Die vergangene Saison startete er mit 75 Kilo Gewicht, aktuell steht er bei 80 Kilo – dank intensivem Oberkörpertraining und verändertem Speiseplan. Wer in der besten Eishockeyliga der Welt ankommen will, muss nicht nur technisch begabt, sondern auch robust und widerstandsfähig sein.

Diese Mischung bringen auch Tim Stützle und John-Jason Peterka, beide ebenfalls 18, mit, entsprechend sind auch sie äußerst begehrt bei den NHL-Klubs. Mit Platz sieben steht der Münchner Stürmer Peterka in der Abschlussbewertung der europäischen Spieler vier Plätze vor Reichel. Der Mannheimer Stützle führt dieses Tableau gar an. Er könnte sogar Leon Draisaitl ablösen, der 2014 an dritter Stelle gezogen wurde. In diesem Jahr gewann er nach Abbruch der Hauptrunde die Art-Ross-Trophy als bester Scorer.

Ähnlich wie NBA-Profi Dirk Nowitzki ist Draisaitl eine Ausnahmeerscheinung. Dennoch ist in den Schaltzentralen der NHL-Klubs mittlerweile angekommen, dass sich Deutschlands Eishockeynachwuchs weiterentwickelt hat. Im vergangenen Jahr hatten sich die Detroit Red Wings mit dem sechsten Pick die Dienste von Verteidiger Moritz Seider gesichert, der nach einer Saison im Farmteam in der kommenden Spielzeit befördert werden dürfte. Im Jahr zuvor schlugen die St. Louis Blues bei Dominik Bokk an 25. Stelle zu. Inzwischen gehört der Stürmer zur Organisation der Carolina Hurricanes und hofft auf den Durchbruch, nachdem er zuletzt in der schwedischen Profiliga Erfahrung gesammelt hatte. Die nächsten auf dem Sprung sind nun Reichel, Stützle und Peterka.

Die Maßgabe früherer Jahre, dass nur ein guter NHL-Spieler werden kann, wer früh nach Nordamerika wechselt und sich durch die Nachwuchsteams kämpft, gilt als überholt. Die neue deutsche Eishockeygeneration ist der Beweis, wie man im deutschen Eishockeyumfeld reifen kann. Stützle sagt: „Ich hatte die Möglichkeit, ans College zu gehen, aber es hilft viel, Freunde und Familie im Umfeld zu haben.“ Eisbär Reichel hat besonders davon profitiert, dass er sich bereits im Alter von 17 Jahren in der DEL mit Männern messen musste. „Man muss sich eben besonders schlau anstellen, um da bestehen zu können.“

Dass sich einige Jungprofis in früheren Jahren für den Weg nach Nordamerika entschieden haben, hatte allerdings auch damit zu tun, dass erst in den vergangenen Jahren vielerorts wieder das Bewusstsein gereift ist, dass sich ein Talent eben nur dann entwickeln kann, wenn es auch entsprechend gefördert wird. Nationalverteidiger Seider sagt: „Früher gab es nur wenige deutsche Manager und Trainer, die auf deutsche Talente gesetzt haben.“ Dass jetzt immer wieder junge Spieler Fuß im Profibereich fassten, zeige, dass sich dieses Vertrauen auszahlt.

Reichel zahlte das Vertrauen in Form von zwölf Toren und zwölf Vorlagen in 42 Spielen zurück. Weshalb es sich schon früh in der Saison die Scouts der NHL-Klubs in der Berliner Arena bequem machten, um sein Können zu bewundern. Mit Ausnahme von zwei, drei Teams hatte er mittlerweile mit allen Interviews per Videokonferenz geführt. Auf einen Favoriten will er sich lieber nicht festlegen. „Wenn du es in die NHL schaffst, ist das Team erst mal egal“, sagt er. Unabhängig vom Termin, einschneidend werden diese Erfahrungen auf jeden Fall sein.