Berlin - Damals schlichen zwei Männer wie Strauchdiebe die Säbener Straße in München entlang. Heimlich gelangten Joachim Löw und Oliver Bierhoff Anfang März 2019 zum Eingangsportal des FC Bayern. Als sie wieder herauskamen, sollten Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng für alle Zeiten ehemalige Nationalspieler gewesen sein. Löw ging „all in“ – und verlor. Er hat mit einem Blatt ohne Könige lange durchgehalten, er spielte die Bauern aus, aber die stachen nicht.

Am Mittwoch beugte sich der geläuterte Bundestrainer der Macht des Faktischen, dem Postulat der Leistung und dem Druck des Fußballlandes und manövrierte zwei der drei Verstoßenen zurück in seine Obhut.

Löws ursprünglicher Plan ist fehlgeschlagen

Das konnte er ohne großartigen Gesichtsverlust auch deshalb tun, weil er als nach der EM scheidender Bundes-Jogi keine strategischen Aufgaben mehr zu erfüllen hat, sondern nur noch operativ zu denken braucht. Ursprünglich war der Plan gewesen, bei einer für den vergangenen Sommer geplanten Europameisterschaft möglichst viele Spieler zu entwickeln, die bei der Weltmeisterschaft im Herbst 2022 in Katar von den Erfahrungen der EM profitieren sollten. Ganz oben in der Hierarchie angesiedelte Alphatiere wie Müller, 31, und Hummels, 32, wären dabei hinderlich gewesen, sie hätten, so die Furcht, auch abseits des Fußballplatzes sehr viel Raum eingenommen. Löw und Bierhoff wollten Männern wie Rüdiger, Ginter, Tah, Koch, Sané, Gnabry, Goretzka, Werner, Süle, Brandt oder Havertz genau diesen Raum schenken, um in Führungsaufgaben hineinzuwachsen.

Das hat nicht so funktioniert wie erhofft, einige Kandidaten stagnierten, erwiesen sich dem Druck nicht gewachsen, gaben den Vertrauensvorschuss, der ihnen eingeräumt wurde, nicht zurück. Andernfalls wären Spiele gegen Spanien nicht 0:6 und gegen Nordmazedonien nicht 1:2 verloren gegangen.

Hinzu kam, dass die vor zwei Jahren im Leistungsloch festhängenden Müller und Hummels sich erstaunlich stabil auf ihr vormaliges internationales Topniveau zurückentwickelt haben. Das war ihnen in dieser Eindrücklichkeit nicht unbedingt zugetraut worden.

Es wird bei der EM nun spannend zu beobachten, wie sich das alte, neue Zusammensein zurechtruckelt. Bei der debakulösen WM in Russland waren die erfolgshemmenden Risse in der Gemeinschaft auch deshalb zustande gekommen, weil Jung und Alt nicht harmonierten, nachdem die Platzhirsche Leistung schuldig blieben. Das sollten sie drei Jahre später tunlichst besser machen. Denn die, die sie verdrängen, werden das nicht gutgelaunt zur Kenntnis nehmen.