Märchenhafter Super-GAU : SC Staaken kurz vor dem Aufstieg

Berlin - Ja, das stimmt“, sagt Trainer Jeffrey Seitz, „es ist der ungeplanteste Aufstieg überhaupt. Eigentlich ein Super-GAU.“ Der größte anzunehmende Unfall dauert bei den Fußballern des SC Staaken in der Berlin-Liga schon 31 Spiele an – allerdings im positiven Sinn. Ein Punkt fehlt der Mannschaft aus Spandau noch, dann spielt sie nächste Saison in der Oberliga Nord. Und so kommen am Sonntag der Bezirksbürgermeister und der Sportamtsleiter zum drittletzten Saisonspiel in den Sportpark  Staaken (14 Uhr). Sie wollen dabei sein, wenn der vorzeitige Aufstieg klappt. „Seit Wochen ist Euphorie im Verein zu spüren“, sagt Seitz.

Zu Gast beim Tabellenersten (79 Punkte) ist Verfolger Eintracht Mahlsdorf (71). „Man sollte sich nicht zu sehr darauf versteifen, dass wir schon am Sonntag aufsteigen“, findet Klaus Dieter Krebs. Der erste Vorsitzende des SC Staaken bemüht sich am Ende einer ziemlich unnormalen Saison um ein letztes bisschen Normalität. „Der Gegner ist unangenehm. Mahlsdorf sieht in dem Spiel noch eine letzte Chance“, versucht er zu relativieren. Aber auch Krebs weiß, dass sie beim SC Staaken wohl nicht mehr drum herumkommen um den Aufstieg, der zu Saisonbeginn nicht mal annähernd Zielsetzung war.

„Wir sind wirklich nicht in die Saison gegangen, um Meister zu werden“, bestätigt Krebs. Sie wollten sich zwischen Rang drei bis sechs einpendeln. Aber dann verlor die Mannschaft einfach nicht. Bisher kein einziges Mal. Stattdessen: 24 Siege, sieben Remis. „Das konnte ja keiner ahnen“, meint Krebs.

Zurück aus Tottenham

Und wie funktioniert so was? Ein Aufstieg aus der Leichtigkeit des Seins? Eine Erfolgsgeschichte  mit Spielern, von denen die meisten aus dem eigenen Nachwuchs kommen? „Mmmh“, sagt Krebs, 77, der früher bei der BVG in der Betriebswerkstatt Autobus beschäftigt war. Dann zählt er auf: ein ausgeglichener Kader, 18 Spieler, von denen man jeden jederzeit ins Spiel werfen könne, keine großen Verletzungen, der Charakter des Teams, ja, und  natürlich das Trainerteam um Seitz.

Seitz, 32, in Kreuzberg geboren, seine Mutter stammt aus Ghana, wollte Fußballprofi werden. Mit 16 spielte er bei Tottenham Hotspur vor. Die nahmen ihn. Er wohnte in einer Gastfamilie, durfte hin und wieder mit den Profis trainieren, mit Größen wie Teddy Sheringham. Als er 18 war, schickten sie ihn zurück nach Berlin. „Kein Einziger aus meinem Jahrgang hat den Sprung zu den Profis geschafft“, sagt Seitz. Die Enttäuschung von damals hat er als Ansporn interpretiert: „Das war’s damals mit der schönen Geschichte. Dafür schreiben wir jetzt ein umso schöneres Märchen.“

Rostock statt Rudow

Vor drei Jahren machte Seitz, der als Sport- und Fitnesskaufmann in einem Berliner Sportstudio arbeitet, in Köln den A-Trainerschein. In seinem Kurs waren frühere Profis wie Hans Sarpei und Ingo Hertzsch. „Ich habe einen klaren Plan, wie ich Fußball denke“, sagt Seitz. „Es geht viel um Mentalität und Charakter. Um schnelle Balleroberung. Wir wollen den Gegner in hohem Tempo anlaufen, unter Druck setzen, zu Fehlern zwingen.“ Bei Ballbesitz funktioniert der Aufbau strukturiert von hinten heraus. Laufeinheiten verpackt er in Training mit dem Ball. Im Januar   sorgte Seitz für ein Novum in der Berlin-Liga. Er engagierte den Sportpsychologen Uwe Knepel.  Einmal pro Woche arbeitet der in Kleingruppen mit den Fußballern, die Lust dazu haben und wissen wollen, wie man unter Druck agiert.

Krebs ging ein Risiko ein, als er sich für Seitz als Trainer entschied. Ein paar Spieler sind älter als  der Cheftrainer. Der hatte zuvor nur die A- und B-Jugend in Staaken trainiert, keine Erfahrung mit  Männerteams. „Aber die Mannschaft hat sich unter ihm weiterentwickelt. Er hat klare Ziele, die er vermittelt. Die Mannschaft versteht ihn. Viele Zuschauer sagen, dass sie wunderbaren Fußball spielt. Es war die richtige Entscheidung“, meint Krebs.

Der Vorstand hat entschieden, dass sie den Aufstieg wagen, obwohl sie finanziell „nicht die  stärkste Basis haben“. Der SC lebt von Kleinsponsoren. So soll  es bleiben. Auch wenn sie in der Oberliga nicht mehr mit dem  BVG-Ticket zu den Auswärtsspielen reisen. Wenn es nach Rostock statt Rudow   geht. Wenn sie Busse brauchen und dreimal so viel Geld für die Schiedsrichter, mehr Parkplätze und  Sicherheitspersonal. Krebs rechnet mit Mehrkosten von 20 Prozent. Er  hofft, dass sich der Zuschauerschnitt von derzeit 70 mit dem Aufstieg erhöht. „Wenn die Mannschaft es schafft“, sagt Krebs, „steigen wir auf.“

Ein Remis am Sonntag würde reichen. Aber Seitz sagt: „Wir wollen das Maximale. Ich habe jetzt schon Gänsehaut.“