Christian Gentner Union, am Ball 1. FC Union Berlin.
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BerlinSo langsam kommt er in Fahrt. Routinier Christian Gentner, den der 1. FC Union vor der Saison von Absteiger VfB Stuttgart verpflichtet hatte, wird für die Eisernen immer mehr zur erhofften Verstärkung. Zahlen belegen das: Beim 1:0-Derbysieg gegen Hertha lief der 34 Jahre alte Profi am meisten. Mit 11,75 Kilometern legte Gentner sogar eine größere Distanz zurück als Unions Dauerläufer Robert Andrich (11,6) und Herthas „Lunge“ Marko Grujic (11,63). Der frühere Nationalspieler legte zudem 27 Sprints zurück und gab drei Torschüsse ab. Seinen Auftritt fand er selbst allerdings nicht so toll. Er sei durchaus selbstkritisch, sagt Gentner. „Ich habe mein Spiel nicht so gut gesehen wie die öffentliche Wahrnehmung. Im letzten Drittel habe ich ein paar Mal die falsche Entscheidung getroffen. Da stimmt die Abstimmung noch nicht so.“

Magath, der Bessermacher

Selbstkritisch sein, sich nach guten Spielen nicht abfeiern lassen, stattdessen den Finger in die (eigene) Wunde legen – das hat ihm Felix Magath, mit dem er 2009 mit dem VfL Wolfsburg Meister wurde, beigebracht. Es habe seinerzeit nur ein paar wenige Spieler gegeben, erinnert sich Gentner, die von Magath ständig kritisiert wurden. „Ich gehörte dazu“, sagt der Mittelfeldspieler mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Magath hat mich immer gepikst und kritisiert. Ich konnte noch so gut spielen. Anstatt mir auf die Schulter zu klopfen, hat er gesagt, was ich besser machen soll. Ich bin froh, dass das so passiert ist. Für meine Entwicklung war das sehr gut.“ Sein vor elf Monaten verstorbener Vater Herbert sei da im Übrigen sehr ähnlich gewesen. „Wir Schwaben haben ein Sprichwort: Nicht geschimpft ist gelobt genug.“ Das ist Gentners Leitsatz.

Als Magath das hört, fängt er an zu lachen. Der 66 Jahre alte Trainer sitzt in seinem Wohnzimmer in Aschaffenburg und erinnert sich gerne an die gemeinsame Zeit mit Gentner zurück. In 81 Pflichtspielen trainierte Magath den damals jungen Spieler. „Ich freue mich, wenn ich so etwas höre.“ Der Unterfranke, der in der Fußballszene wegen seines gefürchteten Konditionstrainings als „Quälix“ bekannt war, erzählt: „Ich habe immer versucht, meine Spieler besser zu machen. Wenn man weiterkommen will, halte ich Kritik für unverzichtbar.“

Meistertrainer: Felix Magath
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2007 lieh Magath den 21-jährigen Gentner vom Deutschen Meister Stuttgart für zwei Jahre in die Autostadt aus. „Bei aller Kritik, die Christian unter mir einstecken musste: Er war mein Stammspieler in der Meistersaison. Er hat großes Vertrauen von mir bekommen und eine wichtige Rolle gespielt.“ Magath traut Gentner, dessen Formkurve in Köpenick in den letzten Wochen stark nach oben zeigt, Vieles zu. „Christian ist ein sehr schlauer Fußballer, der sich auch als Persönlichkeit in der Kabine einbringt. Er ist ein Führungsspieler. Ich traue ihm zu, dass er Union zum Klassenerhalt führt.“

Schon im Sommer habe Magath den Eisernen zu diesem doch eher ungewöhnlichen Leih-Transfer gratuliert. „Ich finde gut, dass Union ihn geholt hat und Christian diesen Schritt von Stuttgart nach Berlin noch mal gewagt hat. Er ruht sich nie aus, will immer besser werden. Er kann Union etwas geben. Ich halte die Verpflichtung für richtig. Es ist unabdingbar, dass man routinierte Spieler wie ihn oder Neven Subotic holt. Erfahrung ist im Abstiegskampf unheimlich wichtig.“

Neue Qualität der Eisernen

Der umkämpfte Unioner Derbysieg, der für Magath übrigens „total verdient“ war, hat für Gentner große Bedeutung. „Die Mannschaft hatte vor dem Spiel sieben Punkte und hat wieder mal einer großen Drucksituation standgehalten. Das ist eine Stärke.“ Stolz ist Gentner auf die scheinbar neue Qualität seiner Mannschaft, Spiele in der Schlussphase zu entscheiden. „Hertha ist anders aufgetreten als erwartet, sehr passiv und hat auf Fehler von uns gewartet. Wir haben uns aber nicht locken lassen, haben nur ganz wenige Fehler angeboten. Wir wurden nicht unruhig. Die Mannschaft hat in einer hitzigen Atmosphäre einen kühlen Kopf bewahrt. Das ist eine Entwicklung. “

In die letzte Länderspielpause Mitte Oktober sei man noch mit vier Niederlagen gegangen, blickt Gentner zurück. „Das kann dich ganz schön stressen und im Kopf zweifeln lassen“, weiß der Altstar. „Aber das ist bei uns nicht passiert. Es gab keine große Aufregung. Wir konnten in Ruhe weiterarbeiten.“ Die realistische Erwartungshaltung in Köpenick, wo nur der Klassenerhalt zähle, sei ein gravierender Unterschied zu seiner Zeit beim VfB Stuttgart. „Das macht es natürlich einfacher. Eine Garantie dafür, dass wir die Liga halten, ist das aber nicht.“ Es sei allerdings ein großer Pluspunkt.

Für das Spiel am Sonnabend beim FSV Mainz 05, das ein 0:8-Trauma gegen Leipzig zu verarbeiten hat, fordert Gentner: „Wir wollen uns nicht nur auf die Alte Försterei verlassen, sondern auch mal auswärts gewinnen.“ Dann kommen Gentner und Co. dem Traum vom Klassenerhalt wieder ein Stückchen näher.

Magath abschließend: „Ich freue mich, dass Union schon so viele Punkte geholt hat. Sie haben das Potenzial, die Liga zu halten. Ich würde mir das wünschen, denn Union ist eine Bereicherung für die Liga.“