BerlinEs begab sich am 7. April 2013 in Nürnberg, da geschah etwas sehr Verwunderliches. Ein gewisser Adam Szalai trat in der 29. Minute des Bundesligagastspiels von Mainz 05 beim Club an den Elfmeterpunkt – und schoss vorbei. Die Mannschaft des Ungarn verlor 1:2, und bis heute blieb es der letzte Strafstoß, den ein Mainzer in der Bundesliga vergab. Insofern war es am Sonnabend keine gute Idee des FC Schalke 04, dem Gegner gleich zweimal die Chance vom Punkt zu bieten, zumal Mainz auch in dieser Partie bewies, dass es von jeder anderen Stelle des Spielfelds aus gehörige Schwierigkeiten beim Anvisieren des gegnerischen Gehäuses hat. Beim eigenen klappt das besser, wie Jeremiah St. Juste mit seinem Selbsttor zum 2:2-Endstand vorführte.

Zuvor hatte Mainz logischerweise beide Strafstöße verwandelt, die Nummern 28 und 29 seit dem Fehlschuss von 2013. Damit sind sie einsame Spitze in der Bundesligageschichte, den alten Rekord des VfL Bochum, der zwischen Januar 1978 und Oktober 1982 eine Serie von 24 Treffern fabriziert hatte, knackten sie schon vergangene Saison. Adam Szalai war diesmal übrigens nicht beteiligt, obwohl er immer noch oder, besser gesagt, wieder beim Klub unter Vertrag steht. Dort war er zu Saisonbeginn aber in Ungnade gefallen, ausgemustert und dann wieder begnadigt worden, bleibt aber weiterhin marginalisiert und gehörte nicht zum Kader für das Schalke-Spiel.

Elfmeterkompetenz allein reicht nicht

Elfmeterschütze ist Szalai ohnehin längst nicht mehr, diesen Job erledigt gemeinhin Verteidiger Daniel Brosinski. Mit sieben Treffern bei sieben Versuchen weist er eine makellose Bilanz auf, um Max Kruse zu gefährden, der bei Unions 5:0 gegen Arminia Bielefeld den alten 100-Prozent-Rekord von Jochen Abel (16 von 16) einstellte, reicht es für den 32-Jährigen aber wohl kaum. Brosinski ist nicht immer Stammspieler, weshalb er schon ein paar nette Elfer verpasste. Auch am Sonnabend konnte er wegen Halbzeitauswechslung nur zum ersten antreten, den zweiten übernahm pflichtgetreu Jean-Philippe Mateta, einer von neun nervenstarken Spielern außer Brosinski, die seit Szalais Fehlschuss trafen.

Einen Punkt haben die Mainzer nun dank ihrer Elfmeterkompetenz, doch zum Klassenerhalt wird sie diese kaum führen. Nicht umsonst liegen in der Hundertprozentwertung Spieler vorn, die bei Teams beschäftigt sind, welche eher selten im gegnerischen Strafraum auftauchen und daher nicht allzu oft das Vergnügen aus elf Metern bekommen. In der vergangenen Spielzeit zum Beispiel durften die Mainzer Spezialisten nur dreimal ans Werk gehen. Vor Brosinski rangieren außer Kruse und Abel, der für Bochum, Düsseldorf und Schalke aktiv war, noch Leute wie Ludwig Nolden vom MSV Duisburg (15 von 15) oder Otto Rehhagel (12 von 12), der sich einst bei Hertha BSC, Kaiserslautern und Rot-Weiss Essen um Strafstöße und gegnerische Schienbeine kümmerte. Wer hingegen häufiger antritt, der scheitert auch gelegentlich, so wie der Bundesligarekordhalter Manfred Kaltz, der 53-mal für den Hamburger SV erfolgreich war, aber auch sieben Fehlversuche hatte, oder Gerd Müller mit 51 Treffern bei 63 Anläufen.

Könnte allerdings sein, dass diese Saison um einiges elfmeterfreudiger wird als ihre Vorgänger, nicht nur wegen der beliebten Handspiele, die der Videobeweis regelmäßig ausspuckt. Darauf, dass die Pfeife bei den Schiedsrichtern etwas lockerer sitzt, scheint zumindest das aktuelle Wochenende hinzudeuten, an dem es allein bis Sonnabend schon sieben Elfmeter zu bestaunen gab.  Erinnert fast an ferne Zeiten, zum Beispiel die zwölf Strafstöße, die es am 12. Spieltag der Saison 1971/72 gab. Oder das legendäre Fünf-Elfmeter-Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund vom 11. September 1965. Der BVB gewann damals am Bökelberg mit 5:4, auch weil Gladbachs Egon Milder in der 78. Minute verschoss, nachdem zuvor Milder selbst, Günter Netzer sowie für Dortmund zweimal Lothar Emmerich getroffen hatten.

Dass ein würdiger Elfmeterexekutionist vor allem furchtlos sein muss, weiß im Übrigen niemand besser als der Argentinier Martín Palermo. Der verschoss bei der Copa América 1999 beim 0:3 gegen Kolumbien gleich drei Strafstöße, einen an die Latte, den nächsten drüber, den letzten auf den Torwart. In Mainz hätte er keine Chance.