Ein starkes Signal: Olympia-Bauten von 1936 sind Schauplatz der Europäischen Makkabi Spiele 2015 in Berlin gewesen.
Foto: Imago Images/Sebastian Wells

BerlinSchon am Eingang der Julius-Hirsch-Sportanlage in Berlin-Westend begrüßt ein großer Schriftzug den Ankömmling: TuS Makkabi. Vorbei an dem kleinen Vereinsheim und dem Kabinentrakt geht es zum Fußballplatz, wo eine große Flagge im Wind weht. Darauf abgebildet: ein hebräischer Schriftzug und das rund um einen Davidstern aufgebaute Logo des Vereins. TuS Makkabi ist ein jüdischer Sportverein. Umso überraschender ist es, dass nur ein Bruchteil der Fußballer, die sich gerade auf dem Platz im Rahmen der Berlin-Liga mit dem Berliner SC messen, jüdischen Glaubens sind.

Der Verein aus dem Südwesten der Stadt ist der wohl wichtigste Akteur im jüdischen Sport in Berlin. Rund 500 Mitglieder spielen bei TuS Makkabi Fußball, Basketball, Schach oder betreiben eine der sechs anderen angebotenen Sportarten. Sie eint ein übergeordnetes Ziel: durch Sport Vorurteile ab- und Brücken aufbauen. Gelingen soll dies durch eine ausgeprägte Integrationskultur und deutlich weniger Exklusivität als sich für Außenstehende vermuten lässt. Denn TuS Makkabi hat tiefe Wurzeln. 1898 als Jüdischer Turnverein Bar Kochba in Berlin gegründet, benannt nach einem jüdischen Anführer der Antike, war er der erste seiner Art im deutschen Kaiserreich. Schnell etablierte sich auch in anderen Städten eine jüdische Sportkultur.

Multikulti im jüdischen Klub

Ben Isakow steht an diesem verregneten Sonntagmittag in eine dicke Jacke eingepackt am Rand des Fußballplatzes in Westend. Umgeben ist er von ein paar Dutzend Zuschauern. Der 25-jährige Isakow ist Sportlicher Leiter des Berlin-Ligisten, und natürlich kennt er die Geschichte seines Klubs. Wie die Nazis jüdischen Sport verboten. Wie Makkabi 1970 als Nachfolger Bar Kochbas ins Leben gerufen wurde. Isakow betont die besondere Rolle, in die der TuS  hineingewachsen ist: ein „Verein mit besonderer Aufgabenstellung“, wie es der Deutsche Olympische-Sportbund formuliert. Isakow erklärt: „Die Bezeichnung beschreibt den Integrationsauftrag, den wir als Verein haben.“ TuS Makkabi fördert durch Sport den interkulturellen und interreligiösen Austausch in Berlin.

Wie das aussehen kann, lässt sich direkt vor Isakow auf dem Platz beobachten. Nachdem Makkabi kurz vor der Halbzeit in Führung gegangen war, haben die Gäste kurz nach der Pause den Ausgleich geschossen. Zwar ist das Spiel fortan eher von Intensität und weniger von fußballerischer Finesse geprägt, ein Paradebeispiel bleibt es dennoch.

So erzählt Isakow, dass Abwehrchef und Kapitän Ilja Priwalow unter den elf Makkabi-Spielern auf dem Platz der einzige Jude ist. Die Tatsache mag erstaunen, sie verdeutlicht aber, dass TuS Makkabi zwar ein jüdischer Verein ist, in dem aber eben nicht ausschließlich Juden Sport treiben. Im Gegenteil: „Wir nehmen jeden, der zu uns kommt, mit offenen Armen auf“, sagt Ben Isakow.

Für diese Art von Multikulturalität und Integration stehen wir seit Jahren

Ilja Priwalow

In der ersten Mannschaft Makkabis spielen Deutsche, Senegalesen, Brasilianer, Ukrainer und Madegassen, Juden, Christen und Muslime. „Für diese Art von Multikulturalität und Integration stehen wir seit Jahren“, sagt Kapitän Priwalow stolz. Doch der jüdische Glaube ist wichtig. In Makkabis zweiter Fußball-Mannschaft und den Jugendabteilungen spielen zu 90 Prozent Juden.

Priwalow setzt bei seinen Mitspielern auf Toleranz, Isakow erzählt von Gesprächsrunden nach Training und Spielen, in denen es um den Glauben geht. „Außerdem feiern wir natürlich die jüdischen Feiertage im Verein und organisieren immer wieder Sabbat-Abende, an denen unsere Mitglieder zusammenkommen“, sagt Isakow.

Alon Meyer wünscht sich Normalität

Wenn es Berührungsängste gibt, dann außerhalb des Klubs. Selbst in einer so multikulturellen Stadt wie Berlin. „Mich rufen immer noch Menschen an und fragen, ob sie als Nicht-Juden überhaupt bei uns mitmachen können“, erzählt Isakow. Das überrascht ihn jedes Mal, aber genau in diesem Punkt sieht er den TuS in der Verantwortung: „Unsere erste Aufgabe ist, allen jüdischen Menschen in Berlin einen Ort zum Sport machen zu bieten. Unsere zweite Aufgabe ist, nicht-jüdischen Menschen zu vermitteln, dass auch sie bei uns ganz normal Sport machen können.“ Isakow erzählt: „Ich sage immer: Fass doch mal einen Juden an. Der läuft auf dem Platz dem gleichen Ball hinterher wie du und ist auch genauso ein Mensch aus Fleisch und Blut.“

Normalität wünscht sich auch Alon Meyer in der Sportlandschaft. Der 45-Jährige ist Präsident von Makkabi Frankfurt und von Makkabi Deutschland, dem Dachverband aller 38 deutschen Ortsvereine. Meyer geht es darum, Deutsche jüdischen Glaubens in allen Sportarten als Nationalspieler zu rekrutieren, die an den alle vier Jahre stattfindenden Makkabiaden und den Europäischen Makkabi-Spielen teilnehmen. Meyer sagt: „Wir setzen uns auch politisch für die Juden im Sport ein.“

Unser Büro in Berlin ist strategisch essentiell.

Alon Meyer

Seit dem Herbst geschieht dies auch von Berlin aus, wo Makkabi Deutschland – Hauptsitz in Frankfurt – ein Büro hat in der politischen Schaltzentrale des Landes. Das sei „strategisch essenziell“, sagt Meyer. Die Bedeutung Berlins als Stadt des jüdischen Sports werde dadurch erkennbar. Ein ähnliches Signal sendeten die Europäischen Makkabi- Spiele 2015 in Berlin aus. 2 400 Athleten aus 40 Ländern traten damals im Olympiapark an, ausgerechnet dort, wo Adolf Hitler 1936 aus Olympia eine Propagandashow unter Ausschluss jüdischer Sportler machen wollte. Die Makkabi-Spiele 2015 setzten ein klares Zeichen.

Nicht bei jedem kommen solche Zeichen an. Immer wieder ereignen sich antisemitische Vorfälle. Ilja Priwalow erinnert sich an Spiele unter Polizeischutz, judenfeindliche Beleidigungen und Teams, die ihm und seinen Mitspielern den Handschlag verweigern. Der Fußballer sieht in seiner „absolut subjektiven und persönlichen Wahrnehmung“ keine Häufung, Alon Meyer jedoch sagt mit Nachdruck: „Es wird erheblich schlimmer!“ Der Makkabi-Funktionär rechnet die Urheber zu 90 Prozent „einem muslimischen und arabischen Umfeld“ zu.

Wie umgehen mit Entgleisungen?

Meyer sieht Handlungsbedarf, denkt dabei an Initiativen und Projekte, spricht davon, auf derartige Zwischenfällen richtig zu reagieren: „Es bringt schließlich nichts, wenn ein Gegner, der uns antisemitisch beleidigt, danach für ein Jahr gesperrt wird und sich sein Hass auf uns Juden noch erhöht.“ Meyer schlägt gemeinsame Besuche in Bildungseinrichtungen wie dem Anne-Frank-Zentrum vor: „Dort kann der Gegner lernen, dass es einen Unterschied gibt, ob ich zu jemandem ,Du Idiot’ sage oder ,Du scheiß Jude, dich hat man vergessen zu vergasen’.“

Und Ben Isakow, der Sportchef von TuS Makkabi? Der sagt ein Wort: „Offenheit“. Offenheit für alle in seinem Verein: „Klar, wir sind ein jüdischer Verein und werden das auch immer bleiben!“, sagt er. „Aber es gibt in Berlin so viele verschiedene Kulturen und Religionen, die müssen wir einfach mitnehmen und bei uns einfließen lassen.“

Nicht bei jedem kommen solche Zeichen an. Immer wieder ereignen sich antisemitische Vorfälle. Ilja Priwalow erinnert sich an Spiele unter Polizeischutz, judenfeindliche Beleidigungen und Teams, die ihm und seinen Mitspielern den Handschlag verweigern. Der Fußballer sieht in seiner „absolut subjektiven und persönlichen Wahrnehmung“ keine Häufung, Alon Meyer jedoch sagt mit Nachdruck: „Es wird erheblich schlimmer!“ Der Makkabi-Funktionär rechnet die Urheber zu 90 Prozent „einem muslimischen und arabischen Umfeld“ zu.

Meyer sieht Handlungsbedarf, denkt dabei an Initiativen und Projekte, spricht davon, auf derartige Zwischenfällen richtig zu reagieren: „Es bringt schließlich nichts, wenn ein Gegner, der uns antisemitisch beleidigt, danach für ein Jahr gesperrt wird und sich sein Hass auf uns Juden noch erhöht.“ Meyer schlägt gemeinsame Besuche in Bildungseinrichtungen wie dem Anne-Frank-Zentrum vor: „Dort kann der Gegner lernen, dass es einen Unterschied gibt, ob ich zu jemandem ,Du Idiot’ sage oder ,Du scheiß Jude, dich hat man vergessen zu vergasen’.“

Es gibt in Berlin so viele verschiedene Kulturen und Religionen, die müssen wir einfach mitnehmen und bei uns einfließen lassen.

Ben Isakow

Und Ben Isakow, der Sportchef von TuS Makkabi? Der sagt ein Wort: „Offenheit“. Offenheit für alle in seinem Verein: „Klar, wir sind ein jüdischer Verein und werden das auch immer bleiben!“, sagt er. „Aber es gibt in Berlin so viele verschiedene Kulturen und Religionen, die müssen wir einfach mitnehmen und bei uns einfließen lassen.“