BerlinAm späten Donnerstag hat der Berliner Senat die Verordnungen der Ministerrunde zum Corona-Lockdown im November für die Hauptstadt konkretisiert. Während Berlins Profivereine ohne Zuschauer weitermachen dürfen, herrscht im organisierten Breiten- und Freizeitsport weitestgehend Stillstand. Wie hat Thomas Härtel, der Präsident des Landessportbundes Berlin (LSB), die Vorgaben aufgenommen?

Berliner Zeitung: Herr Härtel, das Familiensportfest des LSB, zu dem voriges Jahr 90.000 Besucher kamen, fiel 2020 aus. Dafür gab es am Sonntag ein digitales Familiensportfest. Im Video wurden 17 Sportarten vorgestellt. Die Botschaft: Kommt in die Berliner Vereine! Was bedeutet der temporäre Lockdown jetzt für den Berliner Sport?

Thomas Härtel: Das ist für uns eine bittere Entscheidung. Aber wir wollen nicht lockerlassen zu zeigen, welche Chancen darin liegen, wenn Kinder und Jugendliche und Familien ihre Möglichkeiten im Sport ausloten können. Wir haben beim digitalen Familiensportfest für die Vereine werben können, weil viele nach dem ersten Lockdown wieder Vertrauen gefunden haben in deren Aktivitäten. Weil sich Vereine an die Hygienekonzepte halten, die wir selbst erarbeitet haben und die es jetzt standardisiert durch den DOSB, zertifiziert durch den TÜV Rheinland, gibt. Die Menschen, die zu uns kommen, haben gesehen: Wir wollen der Pandemie keine Chance geben und unseren Beitrag leisten, dass sie nicht außer Kontrolle gerät.

Das Video stellt Vereine vor, die von Pickleball über Handball und Boxen bis zu Gesundheitssport, Tanzen, Judo, Volleyball, Parkour und Basketball etliche Disziplinen anbieten. Haben Sie Sorge, dass es einige dieser Vereine nicht durch die Pandemie schaffen?

Gibt es ein Vereinssterben? Definitiv: nein. Wir stellen fest, und ich denke, das zeichnet auch die Solidargemeinschaft Sport aus, dass die Vereinsmitglieder ihrem Verein treu bleiben. Das ist erst mal die wichtigste Ressource, dass die Menschen weiter ihre Mitgliedsbeiträge zahlen, auch wenn die Angebote reduziert oder jetzt sogar wieder auf null runtergefahren worden sind. Bisher gab es kaum Vereinsaustritte. Es gibt zu bestimmten Phasen im Gesundheitssport oder Rehasport Austritte, bedingt durch länger nicht stattfindende Kurse. Aber wir haben festgestellt, dass die Leute nach der Sommerpause wieder schnell zu uns kamen, um die Angebote wieder in Anspruch zu nehmen. Darüber sind wir froh. Aber so ein Lockdown darf nicht von Dauer sein.

dpa/Sören Stache
Zur Person

Thomas Härtel (SPD) ist seit 2018 Präsident des Landessportbundes Berlin. Mit mehr als 670.000 Mitgliedern ist der LSB die größte gemeinnützige Organisation der Stadt. Der 69-Jährige aus Steglitz war zuvor Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Bildung, von 2007 bis 2011 Sport-Staatssekretär sowie Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbandes.

Viele Vereinsvorsitzende fürchten, dass die Bereitschaft, Beiträge zu zahlen, bald nicht mehr vorhanden ist, wenn es kein Training gibt.

Die Bereitschaft wird sich dann verringern. Gerade einkommensschwache Familien sind da besonders betroffen, obwohl wir sie über Bildungs- und Teilhabe-Pakete bisher unterstützen können. Das macht uns in der Tat Sorgen. Deshalb müssen wir in dieser Pandemie und bei all den Entscheidungen, die getroffen worden sind, insbesondere Kinder und Jugendliche in den Blick nehmen. Wenn der Sport wegfällt, sind sie unkontrolliert auf den Straßen unterwegs. Wir können ihnen aber ein kontrolliertes Angebot unterbreiten. Deswegen war ich enttäuscht über die bisherigen Entscheidungen der Bundesregierung. Man hat nicht richtig hingeschaut, was der Sport eigentlich geleistet hat mit den Hygieneauflagen. Wir sind in der Tat nicht der Bereich, in dem das Infektionsgeschehen signifikant gestiegen ist. Wir sind kein Corona-Hotspot.

Die Entscheidung des Berliner Senats, dass Kinder unter zwölf Jahren im November weiterhin draußen trainieren dürfen, scheint nichts Halbes und nichts Ganzes zu sein.

Wir begrüßen ausdrücklich die Entscheidung des Berliner Senats, dass für Kinder bis zwölf Jahren in festen Gruppen im Freien sportliche Aktivitäten möglich sind. Das ist ein wichtiges Zeichen in dieser Pandemie. Allerdings hätten wir diese Ausnahme gerne auch für alle Kinder und Jugendlichen gehabt.

Sowohl im Breiten- als auch im Profisport haben viele Menschen viel Zeit, Geld, Ideen und Verantwortungsbewusstsein investiert in Hygienekonzepte, die funktioniert haben. Das wurde nicht honoriert.

Das stößt vielen Ehrenamtlichen im Moment bitter auf. Sie haben sich engagiert, unter diesen Bedingungen den Sport wieder hochzufahren. Bei allen Sonntagsreden wird der Sport gelobt, welchen Beitrag er für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet, für Gesundheit, Inklusion – gerade auch in diesen Zeiten, die für uns besondere Herausforderungen bringen. Dass das dann in den politischen Entscheidungen so wenig Anerkennung findet, betrübt uns. Da müssen wir sehr viel deutlicher werden, die Leistungen des Sports für die Gesellschaft noch stärker in die Öffentlichkeit tragen.

Ist die Lobby des Sports, Profifußball ausgenommen, zu gering?

Sie ist nicht so, wie wir sie uns wünschen. Viele Vereine sind ja ein Stück auf sich gerichtet in ihrer Arbeit und ihrem direkten Umfeld. Viele ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer, Übungsleiterinnen und Übungsleiter sehen, welche Aufgaben sie haben, die sie mit Freude machen. Wir müssen ihre Arbeit noch stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellen. Da müssen wir deutlicher machen, dass der Sport immer ressortübergreifend seinen Beitrag leistet. Wir haben das erkannt und wollen unsere Vereine innerhalb des LSB stärken.

Wie denn?

Wir sind ja ein Verband der Verbände. Wir diskutieren zurzeit: Wie können wir die Vereine direkt als Mitglied im Landessportbund stärken? Wie kann damit eine stärkere Beachtung auf ihre unmittelbare Arbeit vor Ort folgen? Hätten wir Ende November eine Mitgliederversammlung in Präsenzform gehabt, wäre eine Satzungsänderung angestanden, mit der wir genau das erreichen wollen.

Welche Satzungsänderung?

Die Vereine sollen direkt Mitglied auch im Landessportbund werden. Das ist ein wichtiges Signal: Sie haben künftig ein Anwesenheitsrecht bei der Mitgliederversammlung, sie haben ein Rederecht. Ihr Stimmrecht wird über die Bezirksportbünde ausgeübt. Je mehr Vereine in den Bezirkssportbünden sind, desto mehr Stimmen hat er. Insofern kann jeder Bezirkssportbund sich stärker einbringen, je mehr Vereine er dazu bringt, etwa in Treptow-Köpenick oder Steglitz-Zehlendorf Mitglied zu werden. Die bisher stattgefundene Präsidentenversammlung hat dem schon mit großer Mehrheit zugestimmt. Weil die Satzungsänderung sehr umfangreich ist, verschieben wir das ins nächste Frühjahr. 

Es gibt ja aktuell eine Radiokampagne, bei der deutlich wird: Profivereine, Leistungssport und Breitensport gehören in Berlin zusammen.

Da hatten wir auch eine Baustelle in der Frage, ob Profisport, Breiten- und Freizeitsport an einem Strang ziehen. Das gelingt mit der Arbeitsgemeinschaft Sportmetropole immer besser. Früher gab es Eifersüchteleien zwischen den Programmen „Profivereine machen Schule“ und ‚„Berlin hat Talent“ oder „Schule und Sportverein“. Ich habe gesagt: Liebe Leute, wir haben alle die gleiche Zielgruppe und wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir haben in der jetzt schwierigen Zeit gelernt, dass wir mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit gehen.

Während des ersten Lockdowns hat das digitale Angebot „Albas tägliche Sportstunde“ landesweit für Aufmerksamkeit gesorgt, „Move at home“ war das digitale Angebot des LSB.

Mit diesen Angeboten haben wir Mitglieder gehalten und Neugierde geweckt. Wir müssen beständig über digitale Angebote und diese Kommunikationsstruktur auf potenzielle Mitglieder zugehen. Das Allerwichtigste aber war, dass die Übungsleiterinnen und Übungsleiter vor Ort im ersten Lockdown über E-Mails oder kleine Sessions, gerade auch im Gesundheitssport oder Rehasport, ihre Mitglieder darauf hingewiesen haben, was man zu Hause machen kann. So haben sie in diesen schwierigen Zeiten den Kontakt zu den Mitgliedern gehalten.

Haben Sie noch etwas aus der Corona-Zeit gelernt?

Wir sind dabei, in unsere Satzung aufzunehmen, dass wir ein Verbandsklagerecht erwirken können. Das ist uns jetzt aufgefallen in der Pandemie, weil wir gefragt haben: Wie können wir Dinge rechtlich einfordern? Die Umweltverbände und die Verbraucherverbände haben ein Verbandsklagerecht, wir nicht. Nicht einmal der Deutsche Olympische Sportbund hat das. Wenn wir ein Verbandsklagerecht hätten, könnten wir uns für unsere Mitglieder, künftig auch für die Vereine, viel stärker in Prozesse einbringen, die Beteiligungsrechte betreffen: Stadtentwicklung, bezirkliche Schulen, Stadtentwicklungsplanung. Wir hätten damit eine Stärkung hinsichtlich der Partizipation und auch ein Anhörungsrecht.

Weil die Vereine wegen Corona Mehrausgaben hatten, hat der Senat einen Rettungsschirm von 6 Millionen Euro für den Breitensport aufgelegt plus 2,2 Millionen Euro für den Profisport.

Mittlerweile haben rund 350 Vereine Anträge gestellt. Wir sind ausgesprochen dankbar, dass wir den Rettungsschirm selbst verwalten. Als Gesamtschaden haben die Vereine bisher rund 4,5 Millionen Euro gemeldet, wir haben bisher 1,2 Millionen Euro ausbezahlt. Der zweite Lockdown belastet die Vereine neu und fordert uns heraus. Wir haben jetzt erreicht, dass zusätzliche Belastungen für die Vereine wie Hygienekonzepte, Masken, Sicherheit, Lüftungsgeräte und zusätzliche Kosten für die Bezahlung der Übungsleiterinnen und Übungsleiter aus dem Rettungsschirm unterstützt werden können. Denn weil die Gruppen kleiner sind, brauchen die Vereine mehr Übungsleiterinnen und Übungsleiter. Wir sind dankbar, dass die Kriterien nach einer Anhörung im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses in dieser Woche erweitert worden sind.

Das Gespräch führte Karin Bühler.