Die Entscheidung: Karim Bellarabi trifft für Leverkusen zum Sieg gegen den 1. FC Union.
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Berlin-KöpenickEs war ein Bonmot von Michael Jordan, das Urs Fischer am Tag nach der bitteren 2:3-Niederlage seines 1. FC Union gegen Bayer 04 Leverkusen bemühte, um ebendiese einzuordnen. „Ich bin immer und immer wieder in meinem Leben gescheitert und das ist der Grund, warum ich gewinne“, zitierte der Trainer der Köpenicker die Basketballlegende, um auch gleich noch seine eigene Interpretation dieser Worte vorzubringen. „Wer nicht mit Niederlagen umzugehen weiß, wird nie ein Sieger sein“, erklärte der Schweizer, ergänzte aber noch: „Auch, wenn die gegen Leverkusen wirklich bitter war.“

Doch Fischer war himmelweit davon entfernt, umfangreiche Kritik an der Leistung seines Teams zu üben. War sie doch ein legitimer Grund für so manchen Zuschauer im wie immer ausverkauften Stadion An der Alten Försterei, sich mehr als nur einmal ungläubig zu kneifen. War das wirklich ein Aufsteiger, der hier das Champions-League-Team dominierte. Die vermeintlichen „Anti-Fußballer“, die Starspieler wie Kai Havertz oder die bundesligaerfahrenen Bender-Zwillinge Lars und Sven nicht nur körperlich, sondern auch spielerisch überflügelten?

Mit ungebremsten Siegeswillen

Die Mannschaft des 1. FC Union zeigte am Sonnabendnachmittag ihre beste Saisonleistung, die Siege gegen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach eingeschlossen. Angetrieben von den Fans entwickelte das Team einen unglaublichen, von jeder Menge Mut getragenen Schwung gegen einen Gegner, der die Köpenicker beim 0:2 im Hinspiel noch an die Wand gespielt hatte. Die Eisernen demonstrierten die Macht einer verschworenen Einheit und entfesselten damit eine Kraft, an der ausnahmslos jeder Bundesligist an jedem Spieltag zerschellen kann. Schier erschrocken von dem massiven Druck, den die unbändige Elf von Fischer allein in den ersten 45 Minuten aufgebaut hatte, mutmaßte Gästetrainer Peter Bosz zur Halbzeitpause in der Kabine: „Dieses Tempo können die niemals bis zum Ende des Spiels durchhalten.“ Doch die Unioner konnten − und gingen am Ende dennoch mit leeren Händen aus einem Spiel, das sie niemals hätten verlieren dürfen.

Der ungebremste Wille, diese Partie zu gewinnen, er wurde den Köpenickern womöglich zum Verhängnis. Denn das Siegtor für die Leverkusener ging zwar letztendlich aus der Tatsache hervor, dass Torwart Rafal Gikiewicz gegen Torschütze Karim Bellarabi die kurze Ecke seines Tores öffnete. Zuvor allerdings waren die Eisernen, angetrieben vom tosenden Stadion, so aufs Angreifen und Doch-noch-gewinnen fokussiert, dass sie nach dem Ballverlust das Umschalten von Attacke auf Verteidigung vernachlässigten. „Die Staffelung vor dem 2:3 stimmte eigentlich, unsere Abwehr war organisiert, aber wir haben uns nicht fallen lassen“, erklärte Fischer den Vorlauf des spielentscheidenden Gegentores und bestätigte: „Ich hatte auch den Eindruck, dass die Jungs nach dem Ausgleich zum 2:2 noch das 3:2 erzielen wollten.“

Pyrotechnik im Gästeblock

Unterbrechung: Viermal musste Schiedsrichter Harm Osmers die ohnehin schon aufregende Partie in der zweiten Hälfte wegen massiven Pyro-Einsatzes im Gästeblock unterbrechen.

Unterschied: Der Spielfluss habe darunter aber nicht gelitten, erklärte Unions Trainer Urs Fischer am Sonntag. „Doch solche Pausen helfen natürlich auch nicht unbedingt.“

Unter Gleichgesinnten: Damit bleiben RB Leipzig und Werder Bremen bis dato die einzigen Teams, deren Fans in dieser Saison nicht in der Alten Försterei gezündelt haben.

Was eigentlich ein löblicher Ansatz ist, weshalb der Schweizer auch nur leise, ganz grundsätzliche Kritik äußern wollte. „Wir hatten in Düsseldorf und auf Schalke ähnliche Spiele. Da waren wir das bessere Team, hätten mit dem Remis aber gut leben können. Wir wollten aber den Sieg und standen am Ende in beiden Spielen wie auch jetzt gegen Leverkusen mit leeren Händen da.“ Fischer befand zudem: „Das müssen wir lernen, eine solche Situation zu erkennen, zu akzeptieren und den Willen zum Sieg ausnahmsweise hintanzustellen. Für uns kann jeder Punkt am Ende entscheidend sein.“ Christian Gentner indes übte im Namen der Mannschaft scharfe Selbstkritik, sagte: „Der Trainer hat vor dem Spiel gesagt, wir dürfen nicht dumm und naiv sein, das waren wir leider in ein, zwei Situationen zum Schluss. Und das ist Bundesliga – das wird dann brutal bestraft.“

Dass die Ergebnisse der Konkurrenz an diesem Spieltag mithalfen, dass Union weiterhin neun Punkte Vorsprung auf die Abstiegszone hat, war für den Übungsleiter kein Thema: „Ich habe es immer gesagt und bleibe dabei: Wenn du erst mal anfängst, auf die gegnerischen Teams zu hoffen, wird es am Ende der Saison nicht reichen. Wir schauen nur auf uns. Wenn die anderen für uns mitspielen, ist es schön, aber es interessiert mich nicht. Wir haben allein unsere Aufgaben zu erledigen.“

Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass die Unioner auch aus dieser Niederlage die richtigen Schlüsse für die kommenden Aufgaben ziehen werden. Oder, um es mit Urs Fischers Worten zu sagen: „Manchmal muss es erst mal wehtun, damit man wieder einen Schritt nach vorne machen kann.“