Ballmagnet: Bayern Münchens Torwart Manuel Neuer in typischer Pose.
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MünchenThomas Tuchel musste nicht getröstet werden, ganz im Gegensatz zum weinenden Neymar, den Bayerns Abwehrchef David Alaba nach dem 1:0-Sieg gegen Paris Saint-Germain ausgiebig in den Arm nahm. PSG-Trainer Tuchel dagegen wirkte erstaunlich heiter, auch in jenen Momenten, als er über den Münchner Torwart Manuel Neuer und dessen großen Anteil am zweiten Triple-Gewinn des FC Bayern sprach. „Das ist natürlich ein bisschen Wettbewerbsverzerrung. Manu ist auf jeden Fall zum falschen Moment in absoluter Topform, wieder seit Wochen, Wochen, Wochen“, sagte Tuchel, „er hat das Torwartspiel auf ein neues Niveau gehoben, das seht fest. Er spielt wieder auf seinem allerhöchsten Niveau – leider für uns.“

Aus dem ehemaligen Mainzer und Dortmunder Tuchel sprach zwar ein unterlegener Trainer, der seinen größten Erfolg und zudem mit Paris das Quintuple nach den Titeln in Supercup, Meisterschaft, Pokal und Ligapokal verpasst hatte. Aber aus ihm sprach auch ein Fußballlehrer voller Anerkennung für einen Torwart, dessen Karriere nach seinen Mittelfußbrüchen vor der WM 2018 in Gefahr geraten war. Nun trug Neuer in zwei Szenen mit drei Paraden entscheidend dazu bei, dass der FC Bayern das Finale der Champions League 1:0 (0:0) gewann, durch Kingsley Comans Kopfballtor (59.).

Zunächst rettete Neuer beim Stande von 0:0 zweimal gegen Neymars Abschluss und anschließenden Versuch, den Abpraller auf Ángel Di María zurückzulegen (18.). Später wehrte Neuer gegen den freistehenden Marquinhos ab (70.). Ob es das beste Spiel seiner Karriere gewesen sei, wurde der 34 Jahre alte Bayern-Kapitän gefragt. „Nein, ich habe ein gutes Spiel, ein super Spiel gemacht, aber das kann man so nicht sagen“, befand Neuer und sprach von einem „Traum für uns alle“. Für ihn war es neben Thomas Müller, David Alaba, Jérôme Boateng und Javier Martínez sogar schon der zweite Triple-Gewinn mit dem FC Bayern nach 2013 unter Trainer Jupp Heynckes. Nun war Neuers Anteil erneut immens, nicht nur im Finale, zumal er zu jenem „Gefühl der Unschlagbarkeit“ erheblich beitrug, von dem Joshua Kimmich berichtete. „Wir hatten sicherlich auch ein Quäntchen Glück heute und Manuel Neuer zwischen den Pfosten“, ergänzte Müller.

Es gibt die Geschichte vom deutschen Torwart Lars Leese, die in Buchform mit dem Titel „Der Traumhüter“ davon erzählt, wie ein Amateurkicker zum umjubelten Profi in England aufstieg und wieder in der Anonymität verschwand. Neuers Geschichte ist eine ganz andere, eine mit mehr Pathos. Es ist die eines Schalkers, der 2011 zum FC Bayern kam, von den Fans angefeindet wurde und sich über diese Widerstände hinweg zum besten Torwart der Welt entwickelte. Und der nun in Lissabon mit seinen Paraden jenen Traum hütete, der den ganzen Verein und dessen Fans antrieb. Mit der Anonymität wird es in Neuers Leben wohl nichts mehr werden.

Bayerns angehender Vorstandschef Oliver Kahn, früher auch Welttorhüter und 2001 mit den Bayern Gewinner der Champions League, kam nicht umhin, Neuer in den höchsten Tönen zu loben. Diesen zeichne aus, was ein Münchner Keeper brauche: Zwar nicht permanent beschäftigt, aber in den entscheidenden Momenten da zu sein. Nur die Antwort auf die Frage, ob Neuer der beste Torwart aller Zeiten sei, fiel Kahn schwer, wohl auch wegen seiner eigenen Vita. Schaue man sich all die Titel an, die Neuer gewonnen habe, darunter die WM 2014, zweimal die Champions League, dann könne man das wohl sagen, befand Kahn, „wir Deutschen hatten schon immer ganz gute Torhüter, aber er ist sicherlich einer der ganz, ganz Großen.“ Tuchels Urteil klang eindeutiger.