LeipzigDie Zweifel bei einem profunden Protagonisten im Torwartland waren verbürgt. Als Oliver Kahn noch in seiner Eigenschaft als ZDF-Experte die Spiele der deutschen Nationalmannschaft analysierte, begegnete der einstige Weltklassekeeper dem blonden Hünen des FC Schalke 04 zunächst mit einiger Skepsis. Bis Anfang Juni 2009 eine Asien-Reise der DFB-Auswahl anstand. Die Deutschen verteidigten damals beim 7:2 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate ziemlich luftig, weshalb der Debütant Neuer in Dubai mehr zu tun hatte als gedacht. Im Fernsehstudio revidierte das heutige Vorstandsmitglied des FC Bayern seine Meinung über den Neuling Neuer: „Man hat seine Klasse gesehen. Er hat ein paar Bälle gehalten, die man nicht halten muss.“ Fast elfeinhalb Jahre später hat der gebürtige Gelsenkirchener als Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft das Torwartspiel auf ein neues Niveau gehoben.

Mit der Nations-League-Begegnung in Sevilla gegen Spanien (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) überflügelt der 34-Jährige mit seinem 96. Einsatz für die DFB-Auswahl den bisherigen Rekordhalter Sepp Maier, der zwischen 1966 und 1979 insgesamt 95 Länderspiele bestritt. Ohne seinen Autounfall hätte das bayrische Unikum in seiner knielangen Hose noch länger das deutsche Heiligtum bewacht. Maier freut sich jetzt für einen „würdigen Nachfolger.“ Weder Kahn (86 Länderspiele) noch Toni Schumacher (76) und erst recht nicht Jens Lehmann (61) oder Andreas Köpke (59) können auf solch eine Bilanz verweisen. Köpke sagt in seiner Eigenschaft als Bundestorwarttrainer: „Manu ist auf der Linie stark, genauso im Eins gegen Eins, er antizipiert gut, seine Reflexe sind bemerkenswert, seine Sprungkraft, seine Explosivität.“ Da verkörpert einer eben Weltklasse. Neuer hat, das ist vielleicht sein größtes Verdienst, die Rolle des Torhüters im modernen Fußball noch einmal revolutioniert.

Spektakulärer Auftritt gegen Algerien

Seine spektakulärste Leistung im Nationaltrikot lieferte der 1,93 Meter große Modellathlet im WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien (2:1 n.V.) ab. Mehrfach grätschte er die Steilpässe fast an der Mittelfeldlinie ab. Wäre damals im kühlen Porto Alegre nur eine der kühnen Rettungsaktionen schiefgegangen, hätte die Nummer eins als Buhmann der Aktion gegolten. „Manuel Neuer ist ein Glücksfall für den Fußball in Deutschland. Für die Entwicklung unseres Spiels und für die Erfolge in der vergangenen Dekade war er einer der größten Faktoren“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. „Rekord-Nationaltorhüter im Torhüterland Deutschland - das ist eine besondere Leistung.“

Löw erkannte recht früh, dass genau dieser Schlussmann auch seine Feldspieler besser machen würde – weil er wie jeder Feldspieler angespielt werden konnte. Keiner war seiner Zeit so voraus wie der DFB-Kapitän. So wie Eberhard Gienger dem Reck-Turnen einen Salto oder Werner Rittberger dem Eiskunstlaufen einen Sprung schenkte, gab dieser Tormann dem Fußball den Libero zurück – nur trug er eben Handschuhe.

„Als Feldspieler könnte er in der 3. Liga locker mitspielen“, sagte einmal Bundestorwarttrainer Köpke. Pep Guardiola ließ sich angeblich in seiner Zeit beim FC Bayern nur mühsam davon abbringen, seinen Torwart im Mittelfeld auszuprobieren. Nach dem diesjährigen Champions-League-Finale zwischen Bayern und Paris St. Germain klagte PSG-Trainer Thomas Tuchel darüber, dass Spiele gegen den viermaligen Welttorhüter Neuer doch „ein bisschen Wettbewerbsverzerrung“ seien.

Noch immer drückt der bei jedem Gegentor sein Missfallen aus. Legendär ist sein „Reklamier-Arm“, den er bei geringstem Anflug von Zweifel hebt. Die Geste hat es sogar zu einem eigenen Hashtag und Twitter-Account gebracht. Daraus ist im Umkehrschluss auch ein Kompliment abzuleiten: Wenn Neuer bezwungen wird, kann es eigentlich nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Die Verletzungsprobleme im linken Mittelfuß, die ihn fast die WM 2018 in Russland gekostet hätten, hat der in München vertraglich bis 2023 gebundene Neuer überwunden.

Von nachlassender Motivation keine Spur

Von nachlassender Motivation ist beim viermaligen Welttorhüter nichts zu spüren – im Gegenteil. „Ich bin fit, ich fühle mich richtig gut und habe Spaß am Fußball“, versichert Neuer. Die Hunderter-Marke wird er wohl spätestens mit der EM 2021 bei einem Heimspiel in München erreichen, im Jahr darauf winkt die WM 2022 in Katar. Auch danach muss noch nicht Schluss sein. „Er wird noch mit 39 Jahren hervorragende Leistungen bringen“, glaubt der 76-jährige Maier, der dem „Manu“ sogar locker 120 Länderspiele zutraut.