Berlin - Nach der ersten Teamansprache von Joachim Löw formulierte Kapitän Manuel Neuer umgehend den Auftrag für die finale Phase mit dem Bundestrainer. Der Start der Fußball-Nationalelf ins Länderspieljahr steht ganz im Zeichen der kniffligen EM-Mission. „Wir wollen diese erfolgreiche Ära mit einem tollen Abschluss krönen, ihm ein großes Geschenk machen. Das hat unser Trainer verdient“, sagte Neuer noch vor dem ersten Training am Dienstag in Düsseldorf. Auch für den Torhüter, der nach eigener Aussage schon 2009 „als Baby“ zum DFB-Team und zu Löw stieß, „ist das etwas Besonderes“.

Neuer sieht Löw nicht als Lame Duck

Neuer geht am Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in der beginnenden WM-Qualifikation für 2022 gegen Island in sein 97. Länderspiel – und immer hieß sein Trainer Löw. „Ich werde jetzt 35, habe Höhen und Tiefen mit ihm und Andreas Köpke erlebt. Es waren hauptsächlich erfolgreiche Zeiten“, betonte der Torwart des FC Bayern. Natürlich spüre er da – wie alle Nationalspieler – eine Verantwortung.

Dass Löw nach seiner Rücktrittserklärung für die Zeit nach der EM nun als Lame Duck, also lahme Ente, in seinen Endspurt gehen könnte, wies Neuer kategorisch zurück. „Man hat in seiner Ansprache gemerkt, dass er sehr motiviert und ehrgeizig ist. Er will unbedingt“, berichtete der Kapitän. Und DFB-Direktor Oliver Bierhoff betonte: „Für ihn ist es absolut wichtig, im Hier und Jetzt zu sein. Was nach dem Turnier ist – darüber denkt er nicht nach.“

Dass die Vorbereitung auf den Länderspiel-Dreierpack in Duisburg gegen Island und Nordmazedonien sowie dazwischen in Bukarest gegen Rumänen weiter von den Auswirkungen der Corona-Pandemie erschwert wird, mochten Neuer und Co. nicht überbetonen. Für sie als Profis sei das fast schon Alltag, wenn „natürlich auch kein schöner Alltag“, sagte der Kapitän zu den Einschränkungen. Die Spieler um Ilkay Gündogan, die aus England anreisten, werden zum Essen und beim Transport sogar noch einmal extra separiert. „Es gibt Schlimmeres, als zehn Tage bei der Nationalmannschaft in einer Blase zu sein“, erklärte der Mönchengladbacher Florian Neuhaus dennoch.

Angesichts der weitreichenden Auswirkungen vor allem auch nach der jüngsten Zusammenkunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten sind die Nationalspieler froh, überhaupt ihre Spiele austragen zu können, wenn auch weiter ohne Fans. Vielleicht könne man in der Zeit, in der das ganze Land weiter unter der Corona-Last ächzt, „auch ein bisschen Spaß in die Wohnzimmer bringen, damit man etwas Positives von der Nationalmannschaft zurückbekommt“, sagte Neuer. Und sogar „den einen oder anderen zum Jubeln bringen“.

Das 0:6 zum Jahresabschluss säte  Zweifel

Ab sofort geht es auch um das Einspielen für die EM, machte Neuer deutlich: „Es wird wichtig sein, jede Trainingseinheit und jedes Spiel zu nutzen. Uns darf kein Fehler mehr unterlaufen“, mahnte der dienstälteste Nationalspieler nochmals mit dem Blick zurück auf die jüngste Blamage in Spanien.

Das 0:6 zum Jahresabschluss 2020 säte immense Zweifel. Als heißen Titelanwärter sieht auch Uli Hoeneß das Löw-Team nicht. Der frühere Bayern-Boss im Ruhestand wird die anstehenden drei Spiele als TV-Experte begleiten – und will Klartext sprechen, ohne alles „in Schutt und Asche“ zu reden. „Man kann nicht 0:6 in Spanien verlieren und dann sagen, zur EM fahre ich als Favorit. Aber Deutschland als Außenseiter ist vielleicht auch mal eine gute Ausgangsposition“, sagte Hoeneß.

Löws Rücktrittsentscheidung hält Hoeneß für klug, „weil Jogi damit das Heft des Handelns wieder in die Hand bekommen hat. Er wäre doch zum Spielball geworden“, begründete der 69-Jährige im Interview. „Nach jedem Länderspiel hätte man die Trainerfrage gestellt.“ Löw habe klare Verhältnisse geschaffen. 

Und Hoeneß rät Löw eindringlich zu einem Comeback von Thomas Müller. „Man kann ja nicht auf einen Spieler verzichten, der in der Bundesliga und in der Champions League eine prägende Figur ist beim FC Bayern. Es geht ja nicht um eine Nachwuchsmannschaft, die man aufbauen muss, sondern um eine Mannschaft, die etwas gewinnen soll“, sagte Hoeneß.