Berlin - Zeit ist in dieser Saison besonders kostbar. Bei konstant drei Spielen pro Woche wird das Leben der Spieler von Alba Berlin derzeit vom Rhythmus des Spielplans in Bundesliga, Pokal und Euroleague bestimmt. Jede freie Minute will gut geplant sein, und so wird ein Gespräch auch mal am Flughafen in Istanbul geführt. Dort ist Maodo Lo mit seinen Teamkollegen am Montagnachmittag kurz vor 14 Uhr deutscher Zeit angekommen und hat am Dienstagabend mit 76:84 gegen Anadolu Efes verloren. Am Mittwoch ging es wieder zurück nach Berlin, wo es bereits am Donnerstagabend (20 Uhr) in der Arena am Ostbahnhof gegen Mailand weitergeht. Dort, in Albas Heimspielstätte, ist Lo mittlerweile genauso angekommen wie in seinem neuen Team, in der neuen alten Heimat Berlin ohnehin. „Obwohl das Zuhausesein in der Corona-Pandemie auch gewöhnungsbedürftig ist, weil ich nicht alles machen kann, was ich normalerweise gewohnt bin. Weil ich immer noch nicht viel Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie haben kann. Das ist nicht das Gleiche“, sagt er durch den Lautsprecher seines Telefons, das im Moment etwas kaputt sei.

Und auch das Spielsystem von Trainer Aito Garcia Reneses schien für den gebürtigen Berliner anfangs etwas gewöhnungsbedürftiger zu sein als gedacht. Für Außenstehende schien er etwas zu fremdeln, ganz leise Zweifel, ob es zwischen ihm und Alba beziehungstechnisch funkt, waren zu vernehmen. Freies Spiel, read and react, lesen und reagieren also, viel Spaß auf dem Feld – das klang doch im Sommer wie gemacht für den Aufbauspieler, der bei seinen letzten Auftritten in München oftmals bedröppelt auf der Bank saß. In der vertrauten Umgebung der Hauptstadt müsse er doch also schnell Fuß fassen. Maodo Lo aber erging es sportlich nicht anders als jedem Neuling, der sich erst einmal in das Gebilde Alba Berlin einfügen muss. Schließlich unterliegt auch das gewissen Strukturen. Dass es also am Anfang noch etwas unrund wirkte, was der 28-Jährige da auf das Feld brachte, war tatsächlich zu erwarten und „hätte man auch ein bisschen akzeptieren können“, sagt Lo. „Jeder Spieler, der neu kommt, muss sich erst einmal daran gewöhnen.“ Denn: Was nach der großen Freiheit für jeden Basketballer klingt, offenbart dann doch so seine Hindernisse.

Vor allem dann, wenn es bereits einen bestehenden Kern gibt. Spieler wie Niels Giffey, Luke Sikma oder Peyton Siva, die die Abläufe im System des spanischen Trainerfuchses Aito in den vergangenen Jahren verinnerlicht haben. Wie schnell man sich da zurecht und seine eigene Rolle finde, hänge auch davon ab, was man für ein Spielertyp sei. „Ich bin von Natur aus erst einmal ein bisschen vorsichtiger, obwohl man Freiheiten hat“, erzählt Maodo Lo, während er sich weiter auf dem Weg zur Gepäckausgabe am Flughafen befindet und im Hintergrund immer mal wieder ein neuer Signalton zu hören ist. In seiner Karriere hatte er schon verschiedene Trainer. „Sie haben zu mir gesagt, ich müsste aggressiver sein, da ich ab und an dazu neige, zu passiv zu sein.“

In der Tat: So explosiv Maodo Lo in manchen Situationen auf dem Feld sein kann, so ruhig und bedacht, fast schon zurückhaltend wirkt er in Gesprächen und auch zu Beginn der Saison bei Alba Berlin. „Eventuell musste ich erst einmal schauen, wo für mich die Freizüge des Alba-Spiels zum Tragen kommen. Da musste ich erst einmal meine Aggressivität in diesem System finden. Möglicherweise ist es auch ein Grund gewesen, warum es etwas gedauert hat, sich an das System ranzutasten.“

Gerade in der Offensive muss ein Spieler die Dinge lesen und darauf entsprechend reagieren. „Man hat auf jeden Fall Freiheit, aber man muss innerhalb dieser Freiheit, die Aktion, die man nutzt, lesen“, so Lo. „Du kannst nicht wie ein Roboter spielen und sagen, du willst diesen Spielzug spielen. Wenn der Verteidiger dir dann eine Option wegnimmt, dann verzeiht das System das.“ Denn das Alba-System ist so strukturiert, dass man die gegnerische Verteidigung liest und direkt eine andere Option nutzt. In der vergangenen Woche hat Maodo Lo das für alle Zuschauer am Fernseher perfekt umgesetzt. Beim Spiel gegen Baskonia Vitoria erkannte der Aufbauspieler 34 Sekunden vor dem Ende das Wechseln in der Verteidigung und attackierte den Korb. Einen verwandelten Korbleger und anschließenden Bonusfreiwurf später war Alba Berlin mit 94:91 entscheidend in Führung und gewann das Spiel.

Im Berliner System aber hätte es auch jeder andere Spieler sein können, der die Aktion sucht. Andere Teams mit einer festen Struktur hingegen sagen in so einer Situation einen Spielzug an und der wird gelaufen. „Man rennt das System und das System endet mit dieser einen Option, ohne dass es zwischendrin mal mehrere Optionen gibt“, erzählt Maodo Lo. So kannte er es aus seiner Zeit in der Jugend, am College und von seinen Profistationen in Bamberg und München. In den Spielen gegen Berlin „hat man es als Gegner auf dem Feld gesehen, dass die Spieler Spaß hatten und, sobald sie in ihren Rhythmus kamen und jeder Spieler das System verinnerlicht hatte, sie einen sehr feinen und guten Basketball gespielt haben“, sagt Lo. Gerade die Alba-Defensive, in der ständig gewechselt und geholfen wird, war für ihn als Gegenspieler gewöhnungsbedürftig. Doch auch jetzt, wo er sie selber spielt, musste er sich erst einmal zurechtfinden. „Man lernt, defensiv mal über andere Sachen nachzudenken, wenn man in der Verteidigung steht und als Kollektiv agiert. Man muss mehr für andere Spieler aushelfen und nicht nur seine eigene Eins-gegen-eins-Verteidigung sehen“, sagt er.

Das Berliner System, das freie Spiel, wird nicht nur in Deutschland gelobt, sondern auf europäischer Ebene anerkannt. Die Bestätigung gab es erst vor wenigen Tagen, als die Klubchefs der Euroleague Alba Berlin zu dem Team ernannt haben, dem sie am liebsten zuschauen. Auch wenn dieses schnelle und attraktive Spiel nicht frei von Fehlern ist, „da man schnell und intuitiv spielt und versucht, defensive Strategien des Gegners mit gewissen Entscheidungen zu kontern“, sagt Maodo Lo. Trotz dieser Fehler spüren und bekommen er und seine Mitspieler das Vertrauen der Trainer: „Die Fehler werden toleriert, weil sich jeder bewusst ist, dass diese Fehler passieren, und anstatt einen Spieler direkt rauszunehmen, fördert es einen Spieler, wenn er Sachen probieren und Fehler machen darf, um daraus zu lernen. Das ist eine sehr interessante Atmosphäre.“ Sagt einer, der angekommen ist. In Istanbul, im neuen Team und neuen System.