Im Ziel musste er von Sanitätern gestützt werden, es ging direkt ins Behandlungszelt. Dank einer koffeinhaltigen Limonade kam er wieder auf die Beine. „Das war der krasseste Scheiß, den ich je gemacht habe“, sagte Philipp Pflieger. Das klang nach einer heftigen Party. „Es hat schon so früh wehgetan.“ Das war schon ein besserer Hinweis auf das, was er gerade geleistet hatte. Zum ersten Mal hat der 28-Jährige das Ziel eines Marathons erreicht – und zwar mit der zweitschnellsten Zeit eines Deutschen in den vergangenen 15 Jahren.

Der Berlin-Marathon zieht eine ganz besondere Art von Läufern an: Es sind solche, die keine Limits kennen. Aufgrund des Streckenprofils sind hier die Aussichten auf persönliche Bestzeiten, Meisterschaftsnormen und sogar Weltrekorde besonders gut. Umso riskanter ist aber auch ihr Vorhaben. Am Leistungsmaximum liegen Erfolg und Scheitern dicht beieinander.

Bei seinem Marathondebüt vor einem Jahr in Frankfurt war Pflieger von der LG Telis Finanz Regensburg bei Kilometer 36 kollabiert. Nun wollte er wie Julian Flügel vom Team Memmert die vom nationalen Verband geforderte Norm für die Olympischen Spiele 2016 knacken: 2:12:15 Stunden. Das ist fast fünf Minuten schneller als die Zielzeit des internationalen Verbandes.

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„Wir waren viel zu schnell“, sagte Pflieger zur Durchgangszeit bei der Hälfte (1:06:02 Stunden). Vor einem Jahr war sein Ziel noch 2:15 Stunden gewesen, also drei Minuten langsamer. Aber sie mussten es versuchen. Denn nur, wenn sie bei den internationalen Highlights am Start sind, haben sie eine Chance, von ihrem Sport zu leben.

Kurioser Materialschaden

Allerdings sind Marathons nicht planbar. Zugegeben, dass dem späteren Sieger Eliud Kipchoge aus Kenia schon nach 800 Metern die Innensohlen aus dem Schuh rutschen, ist extrem ungewöhnlich. Die Innereien hingen wie Flügelchen aus den Hightechfabrikaten an seinen Füßen. Nur waren es Flügelchen, die bremsten und schmerzten. „Ich hätte schneller laufen können“, sagte Kipchoge. Nach 2:04:00 Stunden war die Tortur für ihn zu Ende, er rupfte die Sohlen aus dem Schuh, bevor er sich auf die Ehrenrunde zwischen Ziel und Brandenburger Tor machte.

Häufiger als so ein Materialschaden kommt es vor, dass sich der penibel kalkulierte Laufplan – trotz Tempomachern, Trainingsbestform und perfekten äußeren Bedingungen wie dieses Mal in Berlin – im Wettkampf nicht einhalten lässt, weil der Körper die Grenzbelastung nicht durchhält.

Die sonst eigentlich immer gut gelaunte Anna Hahner verlor nach der halben Strecke ihr fröhliches Lachen. „An der Startlinie war ich überzeugt, dass ich Bestzeit laufen kann“, sagte sie später. Auf der zweiten Rennhälfte fiel sie zurück und blieb in 2:30:19 Stunden dreieinhalb Minuten über ihrem eigenen Rekord. Die Olympianorm verpasste sie daher ebenfalls.

Gewonnen wurde das Rennen von der Kenianerin Gladys Cherono in 2:19:25 Stunden.

Auch das Weltrekord-Vorhaben bei den Männern scheiterte früh. Die beiden Kandidaten Emmanuel Mutai und Geoffrey Mutai lagen letztlich viereinhalb beziehungsweise sechs Minuten über ihren rekordnahen Bestzeiten. Trotzdem musste sich der schnellere Mutai im Ziel übergeben.

Normzeit als Risiko

Das mutige deutsche Duo lag nach 30 Kilometern noch auf Kurs. Dann stiegen die letzten Tempomacher aus, das Rennen wurde unrhythmisch. Flügel konnte nicht mehr folgen und rettete sich in persönlicher Bestzeit ins Ziel (2:13:57 Stunden). „Genau auf Norm zu laufen, das war zu viel Risiko“, sagte er. Pflieger kämpfte weiter. „Ich habe versucht, die Zeiten zu ignorieren“, sagte er. Das ist schwierig, wenn vor einem das Auto mit der tickenden Digitalanzeige fährt.

Natürlich hatte er die Norm im Hinterkopf, aber auch das Erlebnis aus dem Vorjahr, als er völlig erschöpft zusammengebrochen war. In diesem Jahr waren bei Kilometer 36 nur noch die zwei Belgier Willem Schuerbeck und Florent Caelen neben ihm. Es begann ein Ausscheidungsrennen. Attacken. Am Nollendorfplatz schluckte er. Die kritische Kilometermarke war passiert.

2013 hat der Regensburger sein Studium beendet und entschieden, es als Profi zu versuchen; zumindest bis 2016. Was das bedeutet? „Wenig Geld, immer Stress und du weißt nicht, wie du durchkommst“, sagte er. Verträge laufen üblicherweise nur ein Jahr. „Es ist ein Überlebenskampf. Das einzige, worauf ich mich verlassen kann, ist der Verein.“ Nach seinem Kollaps im Vorjahr dachte er erstmals über das Karriereende nach: „Ich hatte keinen Bock mehr.“ Vergeblich war er davor auf der Bahn der EM-Norm über 10.000 Meter hinterhergerannt.

Jetzt ist er so stark wie nie. Nach 2:12:50 Stunden war er im Ziel. Nur 21 Deutsche waren jemals schneller, doch für die Olympischen Spiele reicht das nicht. Schuerbeeck, der Belgier hingegen jubelte. Er ist in Rio dabei. Wie auch der Schweizer, der mit Flügel ins Ziel kam. Ihre Verbände sind bei der Nominierung weniger streng. „Es überwiegt trotzdem die Freude“, sagte Pflieger. „Es war nach dem schwierigen Jahr ein Sieg über mich selbst.“ Im Januar geht die aufreibende Normenjagd weiter.

In Houston möchte er sich für die Halbmarathon-EM qualifizieren und im Februar in Tokio oder Los Angeles noch einmal die Qualifikation für Rio suchen. Bei den Olympischen Spielen gibt es keine Tempomacher und keine Rekordhatz, sondern nur den Wettkampf um Platzierungen. Das kann Pflieger wie nur wenige deutsche Läufer. Wenn er mitmachen darf.