Im Dezember wurde Mustapha El Ouartassy bei der Berliner Champions Gala mit dem Solidaritätspreis ausgezeichnet.
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BerlinDer Donnerstag vor einer Woche hatte eigentlich gut angefangen für Mustapha El Ouartassy. Am Vormittag ahnte er noch nichts von dem Angriff, der ihn am Abend aus dem Nichts treffen, ihn in Angst versetzen sollte. Der Marathonläufer des VfL Fortuna Marzahn hatte sich mit Doris Nabrowsky, der Vorsitzenden des Vereins, auf dem Sportplatz an der Allee der Kosmonauten zum Frühjahrsputz getroffen. Hinter der Hecke, in der Nachtigallen brüten, sammelten die Vereinsmitglieder in Kleingruppen 20 Säcke Müll.

Auf der Geschäftsstelle besprachen El Ouartassy und Nabrowsky mit Trainer Hans-Jürgen Stephan die kommenden Wochen. Denn die Corona-Zeit hat nicht nur den Sportbetrieb ausgebremst, sondern auch El Ouartassys Pläne. Eigentlich wollte der 30-Jährige beim Berliner Halbmarathon seine Form testen, um beim Hannover Marathon am 26. April die Qualifikationsnorm für die Olympischen Spiele in Tokio anzugreifen: 2:11:30 Stunden. Aber beide Läufe wurden abgesagt. Olympia in diesem Jahr auch. Niemand weiß, wo und wann es das nächste Marathonrennen geben wird.

Für Mustapha El Ouartassy, der 2017 als Flüchtling aus Marokko über Spanien nach Deutschland kam, ist das ein ziemliches Desaster. Er ist Profiläufer. 40 Prozent seines Lebensunterhalts verdient er durch Prämien und Startgelder. Dieser Verdienst ist weggebrochen. „Es ist für alle Profiläufer im Moment sehr schwer“, sagt El Ouartassy. „Es ist auch schwer, ohne konkretes Ziel zu trainieren. Zum Glück stehen Doris und mein Verein hinter mir. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Doris Nabrowsky und Trainer Stephan setzten sich für den Marokkaner ein, der sich zu Beginn illegal in Deutschland aufhielt, keine Ausbildung, keine Krankenversicherung und auch kein Bankkonto hatte, dafür aber den Traum, für Deutschland bei Olympia zu starten. Sie halfen ihm, begleiteten ihn, füllten mit ihm Anträge aus: Ausländerbehörde, Senatsverwaltung. „Der Fall wurde im letzten Jahr in der Härtefallkommission behandelt und danach abschließend Ende August von Innensenator Geisel entschieden“, erläutert ein Sprecher der Innenverwaltung. Am 30. Oktober 2019 bekam El Ouartassy die Aufenthaltserlaubnis.

Da hatte er nicht nur längst am Computer Deutsch gelernt, den B1-Test bestanden und sich vom Landessportbund Berlin zum Übungsleiter ausbilden lassen, sondern auch sportlich überzeugt. Bei seinem Marathondebüt im vorigen Frühjahr in Düsseldorf überraschte er mit einer Zeit von 2:15:28 Stunden. Beim Berlin Marathon im September kam er in 2:14:02 Stunden ins Ziel, alle deutschen Läufer passierten die Linie am Brandenburger Tor nach ihm. „Sein Trainer sagt, er kann die Olympianorm schaffen“, meint Nabrowsky. Im Dezember wurde der Läufer bei der Berliner Champions Gala mit dem Solidaritätspreis ausgezeichnet. Sportsenator Andreas Geisel gratulierte ihm. „Für uns präsentiert er Berlin schon voll und ganz“, meldete der Berliner Leichtathletik-Verband.

Jetzt hofft El Ouartassy auf die Einbürgerung. Den Test habe er mit hoher Punktzahl bestanden, sagt Nabrowsky. Der Läufer zog im Januar von Spandau nach Marzahn. Seine Akten zogen von Bezirksamt zu Bezirksamt mit. Mittlerweile liegt sein Antrag bei der Senatsverwaltung zur Entscheidung. Fortuna Marzahn stellte ihn  als Trainer im Kinder- und Jugendsport an. El Ouartassy ist beliebt im Verein. „Er ist einer der Menschen, die für die Gesellschaft mitarbeiten. Er ist ein Symbol für Hunderte von Leuten“, sagt Nabrowsky.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn das Ehepaar nicht gekommen wäre.“

Mustapha El Ouartassy

Sie ist schockiert von dem, was am Donnerstag nach dem Frühjahrsputz passierte. Da trainierte El Ouartassy am Nachmittag im Park. Am Abend kaufte er im Supermarkt am Helene-Weigel-Platz ein. Er war spät dran, fuhr mit der M8 gegen 23 Uhr zurück nach Hause. Was sich dann ereignete, schildert El Ouartassy so: Er habe Kopfhörer im Ohr gehabt, daher nichts gehört. In der Grünanlage zwischen der Allee der Kosmonauten und seinem Wohnhaus habe jemand versucht, ihm von hinten das Bein wegzuziehen. Den Einkaufsbeutel in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, sei er gestolpert, aber nicht gestürzt.

Als er sich umdrehte, habe ihn ein etwa 35 Jahre alter glatzköpfiger Mann, den er schon in der Straßenbahn gesehen hatte, vor die Brust gestoßen und geschrien: „Verpiss dich du Kanake! Was machst du hier? Ick schwöre es dir, ick werde dich töten.“ Er sei zurückgewichen, habe gefragt: „Was ist dein Problem?“

In diesem Moment tauchte ein Ehepaar aus der Nachbarschaft mit Hund auf. Daraufhin habe sich der Angreifer entfernt. Der Nachbar bestätigt den Vorfall, die Schreie, die er gehört habe, als er an der Sportsbar Duke vorbeigegangen sei. Auch er sah den Mann mit der Glatze, der eine Bierflasche in der Hand gehalten habe und El Ouartassy bedrohte. „Der Angegriffene hat mir leid getan“, erzählt der Nachbar. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn des Ehepaar nicht gekommen wäre“, sagt El Ouartassy. Er habe Todesangst gehabt. „Gott sei Dank hatte der Angreifer kein Messer.“

„Mustapha hat geweint. Er war völlig am Boden“, sagt Nabrowsky. „Die Schäden an der Seele sind nicht messbar.“ El Ouartassy hat beim Landeskriminalamt Strafanzeige gestellt. Er sagt, er habe Angst, nachts rauszugehen, „das ist eigentlich schade. Das ist nicht akzeptabel.“

Am Montag nach dem Vorfall trainierte er wieder im Park. Fünfmal 2000 Meter auf Tempo. Laufen tut El Ouartassy gut, auch der Austausch mit seiner Läufergruppe. Die Athleten fragen per Handynachricht: „Wie war dein Tag? Wie fühlst du dich?“

El Ouartassy hofft, dass er Anfang Juli bei einem kleinen Wettkampf über 10.000 Meter, dem 27. Midsommar-Rennen des SCC,  teilnehmen kann. Er braucht einen ersten Wettkampf in diesem Jahr. Er hofft, dass es im Herbst einen Marathon gibt, an dem er starten kann. Er hofft, dass es bald mit der Einbürgerung klappt, ohne die er in keinen Kader berufen werden kann, keinen Anspruch auf Sporthilfe hat und sein Verein nicht mal das Prämiensystem ausschöpfen kann, das für deutsche Sportler vorgesehen ist.

Außerdem hofft El Ouartassy, dass die Polizei den Angreifer aus der Marzahner Grünanlage sucht und findet. Vermutlich gibt es Bilder aus der Straßenbahn. Das LKA hat sich allerdings seit einer Woche weder zu Nachfragen bei ihm noch zur Zeugenvernehmung der Nachbarn gemeldet.