Havanna - Wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, wird die kubanische Kunstturnerin und Medaillenhoffnung, Marcia Videaux, bei den im Oktober anstehenden Weltmeisterschaften in Doha, Katar, nicht dabei sein. Die Gründe haben auf Kuba zu einer hitzigen Debatte geführt.

Die 19-Jährige ist die derzeit beste kubanische Turnerin. Bei den Zentralamerikanischen Spielen im Juli in Barranquilla/Kolumbien, einer Art regionaler Mini-Olympia, gewann sie fünf Medaillen, darunter drei goldene. Gerade ihr dortiges Abschneiden rechtfertige eine WM-Teilnahme. So sieht das zumindest Videaux’s Trainerin Yareimis Vázquez: „Ich denke, sie hat es sich mit ihrem Auftritt bei den Zentralamerikanischen Spielen verdient, nachdem sie dort die Mehrkampfwertung gewonnen hat, was seit vielen Jahren keiner Kubanerin mehr gelungen war, und und das auch noch mit sehr guten Noten.“

Anfang September erfuhr die breitere kubanische Öffentlichkeit, dass Videaux’s Traum von der WM eben dies bleiben wird: ein Traum. In einem im kubanischen Fernsehen ausgestrahlten Bericht hieß es, der Nationale Sportverband INDER (Instituto Nacional de Deportes, Educación Física y Recreación) habe dem Kunstturnen die Haushaltsmittel gekürzt. Deshalb werde Videaux nicht an den Welttitelkämpfen teilnehmen. Die Meldung löste einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken aus.

Zwei Männer reisen zur WM

Doch die Formulierung war missverständlich, wie sich herausstellte. Denn es handelte sich um keine Etatkürzung im letzten Moment, vielmehr war das Geld für Videaux’s Teilnahme nie eingeplant gewesen, wie der Nationale Turnverband in einer Stellungnahme erklärte. In der Etatplanung für das laufende Jahr war lediglich die WM-Teilnahme eines einzigen kubanischen Athleten vorgesehen: Manrique Larduet.

Larduet ist Kubas erfolgreichster Kunstturner, Vize-Weltmeister im Mehrkampf sowie WM-Bronzemedaillengewinner am Barren. Da seine Teilnahme aber durch Mittel des Weltverbandes bezahlt wird, ermöglichen die freiwerdenden Gelder Randy Lerú, Kubas zweitbestem Turner, ebenfalls den Start bei der Weltmeisterschaft. So fahren Videaux’s männliche Kollegen nach Doha, während die finanziellen Mittel fehlen, um ihr und ihrer Trainerin Reise und Unterkunft zu zahlen.

Kubas Turnverband rechnet vor: „Um die Ziele zu erreichen, bewilligte der INDER ein Budget von 60 000 US-Dollar, um 33 Prozent höher als im Jahr 2017, und das fünfthöchste im gesamten kubanischen Hochleistungssystem. Die Realität zeigte dann, dass es nicht ausreichte, um alle Vorhaben zu verwirklichen und der Etat wurde um weitere 21 000 US-Dollar erhöht, die die Teilnahme von Manrique Larduet und seinem Partner Randy Lerú in Doha ermöglichen.“ Videaux's Teilnahme dagegen war nie eingeplant gewesen, weshalb sie zum Einschreibeschluss im Mai nicht gemeldet wurde. Eine Nachmeldung würde zusätzliche Kosten bedeuten, so der Verband.

Keine Chance auf Olympia

Hinzu kommt eine andere Problemebene. Durch die Entsendung nur zweier Athleten, nimmt Kuba auch nicht am Mannschaftswettbewerb der Titelkämpfe teil. Damit besteht auch keine Chance, sich für die Mannschaftskonkurrenz der Weltmeisterschaften im kommenden Jahr in Stuttgart zu qualifizieren, die wiederum als Vorausscheidung für Olympia 2020 in Tokio fungieren.

„Auf den ersten Blick scheint dies ein unwichtiges Detail in den Diskussionen über die Teilnahme unserer Turner zu sein, schließlich haben wir nie erstklassige Ergebnisse bei Teamwettbewerben erzielt. Aber wir hatten in der Vergangenheit auch nie eine Auswahl, die so tief besetzt war – mit derzeit zwei Turnern, die leicht zu den 15 besten der Welt gehören, die von einer talentierten Mannschaft unterstützt werden, mit Optionen in den Einzelwettbewerben“, kommentiert die Journalistin Aliet Arzola Lima vom Onlineportal OnCuba die Entscheidung. Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft wäre aus ihrer Sicht für die Athleten der zweiten Reihe die einmalige Chance, sich auf höchstem Niveau zu beweisen.

„Die Priorität liegt derzeit nicht auf der Qualifikation im Mannschaftswettbewerb, wenn wir unser erreichtes Niveau und die international vorherrschende Qualität in Rechnung stellen“, so der Turnverband. Und weiter: „Wir würden gern alle Veranstaltungen mit allen unseren besten Turnern besuchen, aber wirtschaftlich ist es unmöglich. Diese kleine und unter der US-Blockade leidende Insel, ihre Bevölkerung und die Regierung bemühen sich sehr, die guten Ergebnisse des Sports aufrechtzuerhalten, aber wir können nicht mehr ausgeben, als wir haben.“

Aufruf zum Crowdfunding

Eine durchaus nachvollziehbare Erklärung. Trotzdem rief die Nicht-Entsendung von Videaux im sportbegeisterten Kuba in den sozialen Netzwerken zahlreiche Proteste und Polemik hervor, zumal es nicht der erste derartige Fall ist. Im März konnte die Radsportlerin Marlies Mejías, in ihrer Sportart ebenfalls die beste Athletin der Insel, aus „Budgetgründen“ nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Informiert wurde sie, als sie bereits mit gepackten Koffern am Flughafen stand.

Zahlreiche Internetnutzer forderten mit Blick auf den Fall Videaux eine Lösung, damit diese doch noch an der Weltmeisterschaft teilnehmen könne. Einige schlugen vor, dass ein Bankkonto eröffnet werden sollte, auf dem jeder Kubaner spenden könne, um die Meldegebühren sowie die Kosten für Reise und Unterkunft der Sportlerin und ihrer Trainerin zu decken.

„Ich schlage vor, dass alle Kubaner, die wir den Sport lieben, einen Dollar für die Teilnahme spenden, und wenn wir mehr geben wollen mehr. Glaubt nicht, dass das, was ich vorschlage, lächerlich ist, lächerlich ist die Entscheidung, sie außen vor zu lassen“, schrieb die Internetnutzerin Amaya im Forum des staatlichen Onlineportals CubaDebate. „Aktivieren Sie ein Konto und Sie werden sehen, was die Bevölkerung bereit ist, für ihre Athleten zu tun“, pflichtete ein Nutzer namens Marvin bei. Viele weitere schlossen sich der Idee an.

Marcia selbst sei ruhig, erklärte ihre Mutter, Teresa Jiménez, gegenüber staatlichen Medien. Sie akzeptiere die Entscheidung. „Ich bin auch traurig, dass sie nicht zur WM fahren wird, aber was können wir machen? Du musst es akzeptieren und nach vorne schauen.“

Und vielleicht passiert ja doch noch ein kleines Wunder.