Immer weiter! Marco Gebhardt geht in der Krise als Vorbild für seine Kicker voran.
Matthias Koch

Berlin-MariendorfEs war ein anstrengendes, ja schweißtreibendes Wochenende für Marco Gebhardt. Doch der Trainer von Oberligist Blau-Weiß 90 könnte dennoch zufriedener kaum sein. Am schwülwarmen Sonnabend setzte es beim Testspiel gegen Regionalligist VSG Altglienicke noch ein 1:4 (1:1), doch schon einen Tag später drehten Gebhardts Mariendorfer auf und besiegten den Berliner SC, immerhin Halbfinalist im noch zu beendenden Berliner Pokal, mit 2:1 (0:1). Besonderes Sahnehäubchen für den 47-Jährigen: Ein Testspieler überzeugte ihn so sehr, dass er, da ist sich Gebhardt sicher, noch in dieser Woche fest zur Mannschaft stoßen wird. Die Kaderplanung ist bei den Blau-Weißen damit praktisch abgeschlossen, das Team für die anstehende Oberliga-Saison steht.

Moment mal: Testspiele? Testspieler? Abgeschlossene Kaderplanung? Was für die meisten Vereine in Berlin derzeit noch Utopie ist, ist für Marco Gebhardt und Blau-Weiß 90 schon jetzt möglich, weil der Traditionsverein der Corona-Krise bereits mit deren Beginn entschlossen und konstruktiv entgegengetreten ist. Auch wenn es den Mariendorfern zunächst nicht anders ging als allen anderen Fußballklubs. 

„Wir wollten eigentlich gerne auf den Platz, trainieren, Fußball spielen und durften eben nicht", erinnert sich der frühere Spieler des 1. FC Union in einem Telefonat. „Der Fußball rückte aber ohnehin erst einmal in den Hintergrund, die Familie war wichtiger. Wir waren und sind auch immer noch froh, dass alle in und um den Verein gesund geblieben sind und sich niemand infiziert hat. Alle sind sehr sensibel mit der Situation umgegangen.“

Doch schon mit den ersten Lockerungen versuchten Gebhardt und sein Trainerteam, den Spielern mit dem Fußball einen gewissen Alltag und auch die Freude daran zurückzugeben. Anders als beispielsweise die Berliner Regionalligisten hatten die Oberligaklubs keine Sondergenehmigung für ein echtes, saisonvorbereitendes Mannschaftstraining. Bis zu der allgemeinen Freigabe des Trainings für Fußballvereine am vergangenen Dienstag ließ Gebhardt in Gruppen aus jeweils sieben Spielern üben - kontaktlos und jede Gruppe auf einer Hälfte des Spielfeldes. „Da war schon eine gewisse Kreativität gefragt“, erklärt der gebürtige Quedlinburger, lobt aber die Mentalität seiner Mannschaft: „Die Jungs haben eine richtig gute Einstellung gezeigt und hatten sogar richtig Spaß am Training.“

Parallel zu den ungewöhnlichen Übungseinheiten stand Gebhardt zudem vor der Aufgabe, zahlreiche neue Spieler in die Mannschaft zu integrieren, eine Einheit zu formen. „Schon vor dem Saisonabbruch im Mai wussten wir, dass wir eine neue Mentalität in die Mannschaft holen und sie auch ein Stück weit verjüngen wollen.“ Daran änderte auch die erschwerte Situation auf dem Transfermarkt nichts. Frühzeitig trat Blau-Weiß 90 mit potenziellen Kandidaten in Kontakt, führte mit den eigenen Spielern ebenso zeitnah Gespräche über Vertragsverlängerungen und -auflösungen und vollzog den Umbruch schließlich tatsächlich, trotz Corona-Krise. Derzeit sind, den vielversprechenden Testspieler vom Wochenende eingerechnet, zehn der 23 Spieler im Team Neuzugänge, das Durchschnittsalter im Kader liegt nur noch bei 22,9 Jahren.

Doch für eine nachhaltig erfolgreiche Teambildung, das weiß auch Gebhardt, reichen weder ein abwechslungsreiches Training noch die frühzeitige Kaderplanung aus. Testspiele sind unabdingbar. „In einer Saisonvorbereitung, gerade mit so vielen neuen Spielern, sind Testspiele das A und O“, erklärt der Trainer, der mit seinem Klub deshalb zuletzt Grenzen überschritt - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn während die meisten Berliner Vereine darauf hoffen, dass der Senat in der Sitzung am Dienstag die Erlaubnis für innerstädtische Freundschaftsspiele erteilt, zog Blau-Weiß 90 kurzum nach Brandenburg. 

Der Test am Sonnabend gegen die VSG Altglienicke fand in Schulzendorf statt, den Berliner SC luden die Mariendorfer nach Strausberg ein. Zuvor absolvierte der Oberligist bereits Freundschaftsspiele in Petershagen und Ahrensfelde. Und schon im Mai, mitten im coronabedingten Lockdown, organisierte der Verein für Ende Juli ein Trainingslager im brandenburgischen Lindow. Dort spielen die Blau-Weißen nun sogar ein Blitzturnier, an dem auch Teams aus anderen Bundesländern teilnehmen.

Trotz alledem wünscht sich auch Gebhardt eine positive Entscheidung zu Testspielen in Berlin. „Es wäre auf jeden Fall eine riesige Hilfe für alle Klubs in Berlin. Wir alle lechzen ja danach, auch wieder echte Heimspiele und ein Vereinsleben zu haben.“ Überhaupt sieht sich der Trainer mit seinem Klub nicht unbedingt im Vorteil: „Klar, wir haben uns in gewisser Weise selbst geholfen, aber wir haben die gleichen Auflagen wie die anderen Klubs in Berlin auch.“

In der NOFV-Oberliga Nord sind nur sechs der derzeit 17 Vereine in Berlin beheimatet, der Rest kommt aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wo längst wieder vollständig trainiert und getestet werden darf. „Dem NOFV ist das egal“, bedauert Gebhardt diese Ungleichheit und hofft auf Solidarität: „Wir Berliner Klubs müssen weiter zusammenhalten. Das wichtigste ist, dass wir offen miteinander kommunizieren.“ Langfristig wünscht sich der ehemalige Profi einen Runden Tisch mit dem NOFV, an dem alle Klubs mit dem Verband auf Augenhöhe diskutieren können.

Ob der tatsächlich zustande kommt, ist ungewiss. Doch Marco Gebhardt weigert sich ausdrücklich, sich deshalb zu beschweren. „Natürlich kann man Frust auch äußern“, sagt er, „doch gerade in dieser Zeit braucht es vor allem Ideen.“