Das Votum der 100 Experten, die von der italienischen Gazzetta dello Sport gefragt wurden, wer denn wohl der Star dieser EM werden würde, war ziemlich klar. 27 Stimmen entfielen auf Mario Balotelli, damit lag der Hoffnungsträger der italienischen Nationalmannschaft deutlich vor dem Spanier Andrés Iniesta (16 Stimmen), Balotellis Teamkollegen Antonio Cassano (13) und dem Portugiesen Cristiano Ronaldo (12).

Der deutsche Spieler mit den meisten Nennungen des logischerweise stark italienlastigen Gremiums war Mesut Özil (9), der Preis für die kurioseste Wahl geht an Diego Maradonas alten Mitstreiter beim SSC Neapel, Salvatore Bagni (Mats Hummels), und der für die frechste Festlegung an Klaas-Jan Huntelaar (Klaas-Jan Huntelaar).

Ein bisschen zu viele Probleme

Roberto Mancini, Balotellis Trainer beim englischen Meister Manchester City, war nicht gefragt worden, und für seinen kapriziösen Stürmer hätte er vermutlich eher nicht gestimmt. Dafür hatte ihm der 21-Jährige in der vergangenen Saison ein bisschen zu viele Probleme bereitet, auf dem Platz und abseits davon.

Dass er sein halbes Haus mit Feuerwerkskörpern in die Luft jagte, gehörte noch zu den kleineren Misshelligkeiten.

Auf der anderen Seite hätte es ohne Balotelli wohl keinen Titel für Mancini gegeben, denn erst seine Einwechslung sorgte im letzten Match gegen die Queens Park Rangers für jenen Druck, der doch noch den Sieg und die nötigen Punkte brachte, um den Lokalrivalen Manchester United hinter sich zu lassen.

Regelmäßig ausgebuht

Für Italien hat der unfassbar talentierte Angreifer, der mit 15 Jahren typischerweise in der Jugendschule des FC Barcelona durchfiel, bisher erst acht Partien absolviert und ein Tor geschossen − in Breslau beim 2:0 gegen Polen im vergangenen November mit einem wunderbaren 25-Meter-Schuss. Dafür hat er sogar schon mehr Kontroversen hinter sich als sein acht Jahre älterer Sturmpartner Cassano, der weiß Gott auch kein unbeschriebenes Blatt ist.

Schon als er noch 18-jährig bei Inter Mailand spielte, war das Kind ghanaischer Einwanderer auf fremden Plätzen regelmäßig ausgebuht und geschmäht worden, teilweise mit klar rassistischem Hintergrund, teilweise aber auch aufgrund seines aufreizend lässigen Spielstils und seines provokanten Verhaltens.

Angesichts der in England grassierenden Überzeugung, dass es bei der EM in Polen und vor allem der Ukraine zu rassistischen Kundgebungen kommen wird, hat Balotelli schon mal vorsorglich angekündigt, in solchen Fällen den Platz zu verlassen. Außerdem, ließ er nebenbei wissen, werde er die Übeltäter „im Gefängnis aufsuchen und umbringen“.

„Warum immer ich?“

Tatsächlich gilt der Jüngling trotz seines offensiven Auftretens als sensibel gegenüber den persönlichen Anfeindungen wegen Hautfarbe und Charakter. In Manchester entblößte er einmal nach einem verwandelten Elfmeter ein T-Shirt unter seinem Trikot mit der Aufschrift: „Warum immer ich?“ Was relativ leicht zu erklären war, kurz nach dem Feuerwerk im heimischen Badezimmer.

Beim Besuch der italienischen Nationalmannschaft in Auschwitz vor einigen Tagen war Balotelli eines der nachdenklichsten Mitglieder der Delegation, was mit seinem Familienhintergrund zusammenhing. Im Alter von drei Jahren gaben seine mittellosen Eltern den in Sizilien geborenen Mario zu Pflegeeltern in der Nähe von Brescia, die ihn großzogen, den Balotellis.

Die Mutter seiner Pflegemutter Silvia war eine deutsche Jüdin, deren Schwester, Eltern und andere Verwandte in deutschen Vernichtungslagern ermordet wurden. So wuchs Mario Balotelli mit Geschichten über den Holocaust auf. Seine leiblichen Eltern versuchten erst in jüngerer Zeit wieder, Kontakt mit ihm aufzunehmen, was er zurückwies, weil er glaubte, sie wären nur auf sein Geld aus.

Möglicherweise hat er inzwischen seine Meinung geändert, immerhin ließ er sich bei der Europameisterschaft auch mit seinem Geburtsnamen, als Barwuah Balotelli, registrieren.

Balotelli ist leicht zu provozieren

Wenn es Befürchtungen gab, er könnte in Polen Opfer von Beleidigungen werden, so erfüllten sich diese in Krakau, wo die Squadra Azzurra ihr Quartier aufschlug, ganz und gar nicht. Beim öffentlichen Training am Tag der Ankunft erschienen 10.000 Zuschauer, vor allem Kinder, die in erster Linie Balotelli bejubelten, ihren Helden aus der Premier League, die in Polen sehr viel populärer ist als jede andere Liga, auch die deutsche und erst recht die eigene.

Der Stürmer ließ sich nicht lumpen, schoss im Trainingsspiel drei Tore und vollführte seine Tricksereien, mit denen er City-Coach Mancini gern zur Weißglut treibt.

Die Mitspieler im Nationalteam wissen, was Balotelli für sie bewirken kann, aber sie wissen auch, welche Gefahr er darstellt. Seine Angewohnheit, mit einem hohen, gestreckten Bein in Zweikämpfe zu gehen, lässt ihn ständig am Rande des Platzverweises wandeln – und er ist leicht zu provozieren.

Entsprechend reserviert fielen vor dem Spiel gegen Spanien am Sonntag in Danzig die Äußerungen der Kollegen aus. „Mario regt mich oft auf, und nicht nur mich“, sagte in Krakau Thiago Motta, sein ehemaliger Mitspieler bei Inter. „Mit ihm können wir einen Qualitätssprung machen, aber er muss verantwortungsbewusst sein.“

Hoffnungsfroher klang da schon Mittelfeldmann Emanuele Giaccherini: „Er kann für uns ein Mann mehr sein. Punkt!“