Marion Jauß starb im Alter von 80 Jahren.
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BerlinWer den beiden Berliner Trabrennbahnen in Karlshorst und Mariendorf ein wenig verbunden ist, nannte sie kurz und prägnant „Mutter“. Darin klang eine vertraute Nähe, aber auch eine gehörige Portion Respekt an. Die Rennstallbesitzerin und Amateurfahrerin Marion Jauß hat den Berliner Trabrennsport in den vergangenen Jahrzehnten wie keine andere geprägt. 

Die meisten ihrer 1.614 Siege hat sie auf dem Oval in Mariendorf herausgefahren, wo eine der geräumigen Kurven, der Eduard-Winter-Bogen, nach ihrem Vater benannt ist. Das Erbe des früh verstorbenen Berliner Autohändlers Eduard Winter sicherte seinen beiden Töchtern Madeleine und Marion finanzielle Unabhängigkeit, die sie jede auf ihre Weise mit Engagement und Weitsicht in den Pferdesport investierten. Madeleine Winter wurde eine erfolgreiche Springreiterin, die ihren Sport als Förderin und Managerin bis heute auf internationalem Niveau betreibt.

Die burschikose und im privaten Umgang oft auch sehr direkte Marion wurde letztlich durch die Liebe dauerhaft an den Trabrennsport gebunden. Sie heirate den langjährigen Berliner Champion Gottlieb Jauß, und unter dessen fachlicher Anleitung wurde Marion Jauß zu einer der erfolgreichsten Trabrennfahrerinnen der Welt. Häufig fuhr sie in einer Saison mehr als 100 Siege heraus, eine Dimension, die insbesondere die wenigen weiblichen Fahrerinnen bis dahin nicht erreicht hatten.

Marion und Gottlieb Jauß waren sehr willensstarke Persönlichkeiten, was zumindest für die gemeinsame Ehe auch eine Belastungsprobe war. Dauerhaft blieb jedoch die Beziehung der beiden Pferdeleute Jauß. Bis zum tragischen Unfalltod Gottliebs im Jahre 1999 blieb er für Marion Jauß nicht nur der Vater der gemeinsamen Kinder, sondern auch ein wichtiger Berater und enger Freund. Mit schwierigen Pferden etwa kehrte Marion Jauß immer wieder zu ihrem Ex-Mann zurück, obwohl sie längst andere Trainer einsetzte, darunter Weltklasse-Leute wie Heinz Wewering – oder zuletzt auch den schwedischen Champion Björn Goop.

Und während auf dem leuchtend-roten Dress der Stallfarben von Marion Jauß in weißen Lettern die Initialen MW (für Marion Winter) prangten, behielt Marion den im Trabrennsport den klangvollen Namen Jauß zeitlebens bei. Unter der Trainerschaft ihres Ex-Mannes entwickelte Marion Jauß einen ambitionierten Rennstall, für den sie nicht vor großen Investitionen zurückschreckte. So hielt sie einen Syndikatsanteil an dem seinerzeit weltbesten Traber Mack Lobell, und viele junge Pferde starteten im Stall Jauß große Siegesserien.

Obwohl Marion Jauß ihrer Heimatstadt Berlin eng verbunden war und sie eine ganz eigene Version des Berliner Charmes zu entwickeln vermochte, kehrte sie der Bahn in Mariendorf in den 90er-Jahren den Rücken und baute eine exquisite Pferdezucht auf dem eigens dafür erworbenen Gestüt Neritz bei Bad Oldesloe auf. Ihr persönlicher Feiertag aber blieb der erste Sonntag eines jeden Jahres im August, an dem sie dem Deutschen Traber-Derby nicht nur beiwohnte, sondern dieses ideell und finanziell unterstützte. Zu den bekanntesten Pferden ihres Stalles zählten Pablo As und Baltimore As sowie der Gruppe-Sieger Portland, der leider die letzte Gelegenheit verpasste, für seine Züchterin auch das Derby zu gewinnen. Trotz vieler Siege im Stuten-Derby vermochte sie sich nie in die Siegerliste des wichtigsten deutschen Rennens einzutragen.

Die Verbindung zum Springsport hat Marion Jauß übrigens nie ganz gekappt. Eine enge Freundschaft verband sie mit Georg Ahlmann, dessen Sohn Christian einer der erfolgreichsten deutschen Springreiter wurde. An dessen Paradepferd Cöster war stillschweigend auch Marion Jauß beteiligt. Am 4. Mai ist Marion Jauß wenige Wochen vor ihrem 81. Geburtstag in Neritz gestorben.