Mark Cuban fiebert bei Spielen der Mavericks wie ein Fan mit.
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BerlinDel Harris war an diesem 1. April des Jahres 2003 definitiv nicht eingeweiht. Und selbst nach der Auflösung des Aprilscherzes seines Vereinsbosses wusste er die gerade erlebte Szene nicht so recht einzuordnen. Mark Cuban, milliardenschwerer und extrovertierter Besitzer der Dallas Mavericks, hatte sich mit einem vermeintlich echten Schiedsrichter während der Partie gegen New Orleans erst einen verbalen und Sekunden später einen handgreiflichen Schlagabtausch geliefert. Gerade als Del Harris dazwischen gehen wollte, folgte die Auflösung des Scherzes und ein eher peinlich berührtes als ein richtig freundliches Lächeln war im Gesicht des damaligen Trainers des NBA-Klubs aus Texas abzulesen. Was bei Harris nicht zu hundert Prozent positiv anzukommen schien, versetzte das Publikum in Dallas in Ekstase. Schließlich ist Cuban irgendwie auch einer von ihnen. Ein Fan, der mit den Mavericks jubelt und leidet. Ein Fan, der mit einer Dauerkarte in der ersten Reihe die Spiele des chronisch erfolglosen Klubs aus Texas verfolgte.

Es muss Cuban gewaltig gewurmt haben, dass sein Herzensklub es einfach nicht hinbekommen wollte, sich neben den Los Angeles Lakers, den Chicago Bulls oder Boston Celtics zu einem bestimmenden Basketballmarkt in den USA zu entwickeln. Selbst Teams wie die eher langweilig daherkommenden Utah Jazz waren zu diesem Zeitpunkt erfolgreicher, erreichten das NBA-Finale gegen die übermächtigen Bulls um Michael Jordan. Wer in den Neunzigerjahren über Basketball in Texas sprach, schwärmte von den San Antonio Spurs oder den Houston Rockets und belächelte die Dallas Mavericks. Die schickten lieber solch verheißungsvolle Talente wie Jason Kidd oder Jamal Mashburn sprichwörtlich in die Wüste und erhielten als Gegenwert Spieler wie Shawn Bradley, der eher mit seiner Nebenrolle im Kinofilm „Space Jam“ und seinen neun Partien als deutscher Nationalspieler als mit einer herausragenden Spielerkarriere in Erinnerung geblieben ist.

Cuban kaufte die Mavericks für 285 Millionen Dollar

Wo der Normalo-Fan verzweifelte und Stoßgebete gegen die Erfolglosigkeit gen Himmel abgab, konnte Cuban etwas bewirken. Den Technologie-Wandel, das Aufkommen des Internets hatte er finanziell erfolgreich für sich genutzt. Im Dirk-Nowitzki-Film „Der Perfekte Wurf“ erzählte Cuban vor ein paar Jahren, dass damals an manchen Tagen der Aktienpreis seiner Firma um 20 bis 30 Dollar stieg. „Allein das reichte, um die Mavericks zu kaufen“, so der heute 61-Jährige. Verhandlungen mit den vorherigen Teambesitzern führte er nicht wirklich. „Wie viel wollen Sie?“, fragte er. Die Antwort: 285 Millionen US-Dollar. „Ich sagte nur ja und das war es. Der Rest war Papierkram.“

Plötzlich war Cuban nicht mehr Dauerkarten-Inhaber, sondern Besitzer der Dallas Mavericks und damit Vorgesetzter von Dirk Nowitzki, der erst eine Saison zuvor in die USA gewechselt war und, neben Michael Finley und Steve Nash, als Hoffnungsträger des Klubs   galt. Auch Cuban selbst lebte erst seit wenigen Jahren in Dallas. Als Sohn einer jüdischen Arbeiterfamilie war er in einem Vorort von Pittsburgh aufgewachsen und bewies nach seinem College-Abschluss ein gutes Gespür für die richtigen Zeitpunkte von Geschäften. Die 1983 von ihm gegründete IT-Firma MicroSolutions verkaufte er 1990 für sechs Millionen US-Dollar und zog kurz darauf nach Dallas. Dort erkannte er schnell die Möglichkeiten des Internets und begann mit der Firma Broadcast Spiele und Veranstaltungen zu übertragen. 1999 verkaufte er auch diese Firma für unglaubliche 5,9 Milliarden US-Dollar und machte sich wenig später zum Besitzer der Mavericks. Durch Cuban gab es plötzlich schönere Umkleidekabinen, Handtücher und Bademäntel, der neue Besitzer kaufte ein neues Flugzeug und das Team übernachtete in besseren Hotels.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 20: Mark Cuban

Die Mannschaft zahlte es ihm zurück. Angeführt vom deutschen Superstar Nowitzki erreichten die Mavericks 2006 erstmals in ihrer Vereinsgeschichte die NBA-Finals. Dort hatten sie im Duell mit dem Miami Heat schon zwei Spiele gewonnen, gaben wenige Minuten vor Ende der dritten Partie aber einen zweistelligen Vorsprung und im Anschluss auch die komplette Best-of-Seven-Serie aus der Hand. „Ich ging drei Wochen nicht raus, ich wollte niemanden sehen“, sagte Cuban später, „ich wollte nicht über Basketball reden oder nachdenken. Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben. Aus beruflicher Sicht war es eins der schmerzhaftesten Dinge, die mir je widerfahren sind. So etwas will ich nie wieder erleben. Es hat definitiv wehgetan.“ Es schmerzte den Teambesitzer, es zerbrach das Herz des großen Fans Mark Cuban.

Lautsprecher und Paradiesvogel

Es dauerte aber nicht lange, bis der Lautsprecher und Paradiesvogel unter den Teambesitzern wieder auf Angriff schaltete. Leise und zurückhaltend können andere ruhig machen. Cuban hingegen ist wie ein Pullover von Füchse-Manager Bob Hanning: schrill, bunt und für die Augen stets aufdringlich sichtbar. Wo Uli Hoeneß in Deutschland gerne mal über die eigenen Fans wetterte, zog Cuban regelmäßig über alles und jeden in der Liga her. Mehr als zwei Millionen US-Dollar Strafgeld musste Cuban bis Anfang März dieses Jahres zahlen, dann kamen weitere 500 000 dazu, weil er wieder einmal nicht mit einer Schiedsrichter-Entscheidung zufrieden war.

Und doch ist Mark Cuban, vor allem bei den Fans in Dallas, sehr beliebt. Er lässt seinem Frust und seiner Freude eben freien Lauf, ist als Zeichentrick-Figur bei den Simpsons oder in der US-Show Shark Tank, dem Pendant und Vorbild der deutschen Show „Höhle der Löwen“, zu sehen. Viel wichtiger aber: Nachdem Dallas das Finale 2006 trotz Favoritenrolle gegen die Miami Heat verloren hatte, wurde die Revanche gegen Miami im Jahr 2011 gewonnen. Die Mavericks hatten damit ihre erste Meisterschaft gewonnen und Cuban natürlich wieder eine ganz besondere Idee. Statt der sonst üblichen, bonfortionösen Meisterschaftsringe sollte jeder Spieler einen Armreif bekommen. „Ringe sind durch, wir gehen ein Stufe höher“, sagte er damals, hatte die Rechnung aber ohne seine Spieler gemacht. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, sagte selbst Dirk Nowitzki und setzte sich mit seinen Teamkollegen durch. Spätestens als der deutsche Ausnahmespieler auf dem Balkon des America Airlines Centers in Dallas, der Heimspielstätte der Mavericks, seine berühmt-berüchtigte Version von „We are the Champions“ trällerte, stand Cuban direkt neben seinem Superstar und feierte mit dem Team. Nicht am Rand, sondern immer mittendrin und fast immer in Alltagsklamotten.

Bei aller Verrücktheit, die Mark Cuban gerne mal an den Tag legt, bei allen Milliarden, die auf seinem Konto schlummern, ist der mittlerweile 61-Jährige immer auch ein Mann mit großem Herz und großer sozialer Ader gewesen. Nowitzki, der bis zum Gewinn der Meisterschaft von den US-Medien gerne mal als zu weich betitelt wurde, erhielt immer Rückendeckung seines Teambesitzers und soll sogar Mitbesitzer werden. Und als vor wenigen Tagen die NBA aufgrund der Coronakrise die Saison unterbrach, jammerte Cuban nicht rum, sondern sprach noch am selben Abend von einem Plan für die finanzielle Absicherung seiner Angestellten. Nicht für die Spieler, sondern für alle Mitarbeiter der Organisation.

Vor ein paar Tagen dachte er zudem laut über eine Kandidatur als US-Präsident gegen Donald Trump nach: „Aktuell steht alles auf null. Vor einem Monat hätte ich gesagt: auf keinen Fall. Seitdem hat sich aber alles verändert, es ist eine verrückte Situation. Ich halte mir alles offen. Es ist auf jeden Fall plausibel und möglich. Es geht nur um die Frage: Sollte ich das tun?' Das weiß ich nicht.“ Auch wenn es zeitlich passt: Nein, diesmal handelt es nicht um einen Aprilscherz.